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NBA-Profi Dennis Schröder : Artist auf dem Drahtseil

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Schiebt die Gegner beiseite: Dennis Schröder (r.) ist in der NBA auf dem Vormarsch Bild: dpa

Auf den Spuren von Nowitzki: Dennis Schröder wird in Deutschland schon als neuer Basketballstar gesehen. Doch der Weg dorthin ist in Amerika lang. In der Nacht zum Sonntag ist er mit den Atlanta Hawks gegen Portland den nächsten kleinen Schritt gegangen.

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          Vor einer Woche hat Dennis Schröder mal wieder gezeigt, auf was sich jemand einlassen muss, der mit Basketball im Mutterland der Sportart sein Geld verdient. Auf dem Foto sieht man ihn auf einer Pritsche, mit einem nackten, muskulösen Oberkörper, der von vielen Tätowierungen verziert ist, während beide Beine in dicken, aufgepumpten Plastikschläuchen stecken, die mit dem Strom aus der Leitung die Zirkulation in den Blutbahnen und im Lymphsystem anregen.

          Was die Szene aus der Umkleidekabine der Atlanta Hawks bedeutet? Sein Gesicht sieht aus, als ob er in sich hinein grinst. Genauso wie im Text, mit dem er die Aufnahme auf Instagram kommentierte. Und der einen Hauch von Selbstironie enthält: „Muss frisch bleiben“, schreibt Dennis Schröder da auf Englisch: „Und bereit für das nächste Spiel.“ Das nächste Spiel ist auch in der NBA immer das schwerste. In der Nacht zum Sonntag gewann er das jüngste nächste Spiel mit den Atlanta Hawks gegen die Portland Trail Blazers mit 115:107. Schröder erzielte beim vierten Sieg in Serie in knapp 13 Minuten Einsatzzeit fünf Punkte. Mit 25 Siegen und acht Niederlagen liegt Atlanta an der Tabellenspitze der Eastern Conference.

          „Gott hat mir ein Talent gegeben“

          Die Bildergalerie, die inzwischen von mehr als 20.000 Schröder-Fans verfolgt wird, schwillt seit seinem Wechsel nach Amerika im Sommer des vergangenen Jahres gemächlich, aber ständig an. Was weniger mit seinem wachsenden Selbstvertrauen zu tun hat als mit einer simplen Überlegung: „Gott hat mir ein Talent gegeben, das ich jetzt ausübe“, sagte er vor ein paar Monaten. „Ich bin natürlich stolz darauf, dass ich es in die NBA geschafft habe, und teile viele Sachen mit meinen Fans. Damit Leute, die mir folgen, nicht denken: Warum postet er nichts? Wir wissen ja gar nichts von ihm.“

          Und so gestattet eines der größten deutschen Basketball-Talente in diesen Momentaufnahmen den einen oder anderen Einblick ins Private: Neugierige dürfen und sollen „sehen, was alles bei mir im Leben passiert“: wenn die neuen Basketballschuhe angeliefert werden. Und der neue A7 in einer Spezialanfertigung endlich eintrifft, auf die er mehrere Monate warten musste. Und wenn sich Schröder auf der Treppe vor dem Eingang zu seinem neuen Haus aufbaut, das nur zehn Minuten von der Halle der Atlanta Hawks entfernt liegt.

          Solche Bilder sagen sicher mehr als ein paar tausend Worte. Wenn auch nicht viel mehr. Denn das Gesehene muss jeder Betrachter immer noch selbst deuten. Besonders, wenn er sich tatsächlich anhand solcher grober Skizzen eine Vorstellung davon machen will, wie jemand mit gerade mal 21 Jahren in der Fremde klarkommt. Als Artist auf dem Drahtseil der Erwartungen, die in der besten Basketballliga der Welt einfach dazu gehören. Wofür Schröder übrigens in dieser Saison mit einem Gehalt von 1,6 Millionen Dollar brutto ziemlich gut entlohnt wird.

          Die Selbstinszenierung ist ein Spiel für sich, bei dem Schröder in Szenen mit seiner Freundin, die vor Beginn seiner zweiten Saison zu ihm nach Atlanta zog, beinahe schüchtern wirkt. Während er auf den Fotos aus Spielen konzentriert und zielstrebig aussieht. Ganz so wie der Typ, der aus seinem Ehrgeiz keinen Hehl macht: „Ich wollte nicht nur in die NBA kommen, sondern auch eines Tages Starting Point Guard werden. Dafür arbeite ich jeden Tag sehr hart.“

          Kurz vor Weihnachten blitzte in einigen Spielen der Hawks kurz auf, dass es womöglich nicht mehr allzu weit ist, bis diese anstrengende Arbeit nennenswerte Früchte produziert. Da musste er den Job des verletzten Spielmachers Jeff Teague übernehmen und nutzte die Gelegenheit. Der Höhepunkt: Die 31 Minuten einen Tag vor Heiligabend in Dallas gegen Dirk Nowitzki, als er den Mavericks 22 Punkte einschenkte und dafür sorgte, dass die Hawks das Spiel gewannen. Da war der Blues der ersten Saison verflogen. Der Junge aus Braunschweig, der so gerne zeigt, was er hat, zeigte endlich auch mal, was er kann.

          Kein Anlass für lang anhaltende Begeisterung

          Für lang anhaltende Begeisterung gab es allerdings keinen Anlass. Sein Trainer Mike Budenholzer, der sich von Anfang an immer wieder Zeit genommen hatte, um dem jungen Deutschen auf dem großen Bildschirm in seinem Büro anhand von Videoaufzeichnungen die vielen Feinheiten des Spiels zu erklären und ihm sehr sachlich dessen Fehler vorzuführen, sagte bloß: „Er hat einige gute Sachen gemacht. Aber wir wollen, dass er, so wie der gesamte Kader, noch besser wird.“ Dennis Schröder wusste, was das heißt: „Für mich ändert sich nicht viel: Ich muss mit viel Energie verteidigen und selbstbewusst in der Offensive auftreten. Wenn ich so spiele wie bisher, wird das nächste Jahr noch besser. Und dann sehen wir, was passieren wird.“

          So weit schaut man in Atlanta allerdings noch gar nicht. Denn die Hawks sind auf dem besten Weg, sich für die Play-offs der Eastern Conference zu qualifizieren. Mit 25 Siegen in 32 Begegnungen liegen sie derzeit zusammen mit den Toronto Raptors auf dem ersten Platz der Tabelle im Osten und sind dabei, sich eine komfortable Ausgangsposition für die kraftraubenden Best-of-Seven-Serien im April und Mai zu verschaffen. Kein Wunder, dass man angesichts solcher Entwicklungen Dennis Schröder in Deutschland hier und da bereits zum Star machte. So als wären vor kurzem nicht solche Talente wie Elias Harris, Tim Ohlbrecht und Niels Giffey aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt, weil sie die Erwartungen nicht erfüllen konnten.

          Wird Dennis Schröder eines Tages so groß wie Dirk Nowitzki?
          Wird Dennis Schröder eines Tages so groß wie Dirk Nowitzki? : Bild: dpa

          Tatsächlich kämpft Dennis Schröder, Sohn einer Mutter aus dem westafrikanischen Land Gambia und eines deutschen Vaters, der vor ein paar Jahren starb, an so manchem Abend noch immer mit dem Frust, der von den Zahlen in der Spielstatistik besser auf den Punkt gebracht wird als von jedem Pixel-Potpourrie auf Instagram. Man denke nur an Freitag in Salt Lake City beim 98:92-Erfolg über die Utah Jazz. Da kam Schröder von der Bank und absolvierte nur eine Zwölf-Minuten-Schicht. Null Punkte, zwei Rebounds - so lautete die magere Bilanz.

          Für Holger Geschwindner, der langjährige Mentor und persönliche Trainer von Dirk Nowitzki, der dessen Anfangsschwierigkeiten in Dallas erlebt hatte, ist das keine Überraschung. „Ein Spielmacher muss der verlängerte Arm vom Coach sein. Und dazu muss man nicht nur wissen, was der Trainer will, sondern auch, was die anderen Spieler wollen. Das ist hauptsächlich Kopfarbeit.“ Bis man das alles konstant fehlerfrei auf dem Niveau der NBA abliefern kann, vergeht natürlich Zeit. Zeit, die der Klub seinem Spieler offensichtlich geben will. Sonst hätte man nicht im Oktober bereits die vertragliche Option auf ein drittes Jahr genutzt und damit Schröder ein gewisses Maß an innerer Stabilität gegeben.

          Kommen als Erster, gehen als Letzter

          Es passt ins Bild. Denn Schröder hatte schon früh festgestellt, dass sich Trainer Mike Budenholzer als Pädagoge versteht und nicht als herrischer Zirkusdirektor. „Der Coach redet sehr viel mit mir“, verriet Dennis Schröder vor einer Weile. „Der war 19 Jahre bei den San Antonio Spurs und hat Tony Parker und dessen Entwicklung gesehen.“ Weshalb auch niemand von den Verantwortlichen der Hawks an Rajan Rondo von den Dallas Mavericks denkt, mit dem der Braunschweiger gerne verglichen wird, sondern an den Franzosen, der mit den Spurs viermal NBA-Meister und dabei in einer Finalserie als „wertvollster Spieler“ ausgezeichnet wurde.

          „Man hat mir gesagt, dass ich so viel Potential habe wie Parker. Und dass sie mit mir so arbeiten wollen.“ An Schröder soll es nicht liegen. Er lernt Schritt für Schritt. „Wie man mit dem Geld umgeht. Dass man mit Medien aufpassen muss. Dass man sich nicht negativ äußert - bei Twitter und Facebook.“ Sein Arbeitseifer ist groß. Zum Training kommt er als Erster und geht als Letzter.

          Von alldem wird vermutlich die deutsche Nationalmannschaft profitieren. Für die geht es demnächst um die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Dennis Schröder ist bereit, auch wenn Dirk Nowitzki womöglich abwinkt. „Ich hoffe, dass er die Kraft haben wird und mit mir die nächsten beiden Jahre in der Nationalmannschaft spielen wird“, sagte der Braunschweiger. Die Atlanta Hawks legen ihm keine Steine in den Weg. „Die unterstützen mich und wollen, dass ich im Sommer spiele, weil mich das nach vorne bringt. Es ist sehr wichtig, dass man im Sommer viel spielt und Praxis sammelt. Ich freue mich darauf, weil auch viele der Hawks kommen und zuschauen werden.“ Alle anderen bekommen die entscheidenden Bilder auf Instagram zu sehen.

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