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NBA-Star Kyrie Irving : Der Provokateur

  • -Aktualisiert am

Impfgegner und Publikumsliebling: Kyrie Irving Bild: AFP

Die Rolle als undechiffrierbares Genie kostet den NBA-Star viel Geld – aber er fühlt sich wohl. Auch, wenn er nun viele Spiele seiner Brooklyn Nets verpasst: Irving will keine Corona-Impfung.

          2 Min.

          Auf dem Weg nach oben erleben viele profilierte Sportler in Amerika eine fast zwanghafte Transformation. Sie entwickeln sich zu stromlinienhaften Persönlichkeiten. Sie lernen rasch, dass ihre Popularität stark davon abhängt, ob sie in den Medien gut rüberkommen. Oder ob sie aus dem Rahmen fallen und als eigenwillig und arrogant abgetan werden.

          Umso bemerkenswerter, wenn NBA-Profis wie Dream-Team-Mitglied Charles Barkley zu Publikumslieblingen werden, weil sie sich als vorlaute, widerspenstige Basketballer unablässig an allen reiben, die sie nerven: Trainern, Mitspielern und an Journalisten. Als Kyrie Irving 2011 mit neunzehn von den Cleveland Cavaliers als Erster des Draft-Jahrgangs verpflichtet wurde, wirkte er nicht wie der Prototyp für diese Rolle.

          Aber es zeichnete sich spätestens ab, als der hochbegabte Spielmacher und Dribble-Künstler nicht länger in einem Team spielen wollte, in dem ein anderer der Star war: LeBron James, der beste Basketballer seiner Generation. „Du musst du selbst sein und das tun, was für dich selbst am besten ist“, sagte er nach seinem Wechsel zu den Boston Celtics, wo er als Aushängeschild des Teams unter Druck geriet und nach nur zwei Jahren den Klub schlecht gelaunt verließ, um bei den Brooklyn Nets zu unterschreiben.

          Persönlichkeitsentfaltung

          Auf der Tingel-Tour entfaltete der in Australien geborene Amerikaner seine Persönlichkeit parallel in alle Richtungen. Sei es auf der Spurensuche über die Herkunft seiner früh verstorbenen Mutter, deren Vorfahren zum Stamm der Standing Rock Sioux gehörten. Sei es im Rahmen des Kinofilms „Uncle Drew“, der ihn zu einem Auftritt als Rapper inspirierte. Oder als Werbepartner der Sportausrüsterfirma Nike, die ihm stattliche 11 Millionen Dollar im Jahr bezahlt. Wichtig schien ihm dabei, mit jedem öffentlich geäußerten Gedanken anzuecken.

          Etwa als er 2018 ohne konkreten Anlass von sich gab, die Erde sei eine Scheibe. Die Provokation wirbelte Staub auf. Irving dokumentierte erstmals überdeutlich, dass er zwar in der Lage ist, kalkuliert Kontroversen anzuzetteln, aber dass seine Anti-Pose in einem Haufen unsortierter Sätze versinkt, sobald er erläutern soll, um was es ihm eigentlich geht. Auch mit Nike legte er sich an, als er die Basketballschuhe, die seinen Namen tragen, als „Müll“ bezeichnete, um kurz darauf die Attacke zurückzunehmen.

          Seine Berufskollegen scheinen Irvings Bereitschaft zum Querschuss zu mögen. Sie wählten ihn zum Vizepräsidenten der Spielergewerkschaft, kurz bevor die Liga aufgrund der Corona-Pandemie in ihre wirtschaftlich größte Krise schlitterte. Dass die NBA in der Quarantäne von Disney World in Florida ohne Zuschauer die unterbrochene Saison zu Ende spielte, fand der 29-Jährige nicht angebracht. Er stachelte Gleichgesinnte an, das Turnier in der Blase zu boykottieren, und blieb, als das nicht klappte, einfach zu Hause.

          Skepsis nicht klar formulieren

          Kurz vor Beginn der neuen Saison wartete er mit dem nächsten Manöver auf. Diesmal geht es um die Covid-Impfung. Irving verriet Anfang der Woche nicht, wofür er sich entschieden hat („Das würde ich gerne für mich privat behalten“). Die Umstände machten deutlich, wo er steht. Er war nämlich nicht wie die anderen Nets zur Pressekonferenz in die Trainingshalle gekommen. Die Gruppe der Vakzin-Gegner unter den NBA-Profis (bislang wurden knapp 80 mit dem Virus infiziert), ist klein.

          Sie alle zeichnet vor allem aus: Sie können ihre Haltung und die Skepsis gegenüber den wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht klar artikulieren. Keiner allerdings versteht es so gut, sich gleichzeitig den Poncho des Widerstandskämpfers umzuhängen. Irving, so spottete die Washington Post in dieser Woche, sei „so klug, dass du kein Wort von dem verstehst, was er sagt“. Ein „Genie, das keiner – weder du noch ich – dechiffrieren kann“.

          Irving lebt in dieser Rolle offensichtlich komfortabel. Auch wenn er nun, weil New York strikte Regeln über öffentliche Veranstaltungen in geschlossenen Räumen verhängt hat, bei keinem Heimspiel der Brooklyn Nets dabei sein wird. Und deshalb den Anteil seines Jahresgehalts – und 400 000 Dollar pro Begegnung – abgezogen bekommt.

          Seine Popularität scheint ungebrochen. Nachdem er letzte Saison wieder ge­spielt hatte, er­reichte sein Trikot mit der Nummer 11 Platz acht der Verkaufsrangliste der NBA-Fanartikel.

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