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Basketball in der NBA : Der Russe, die Nets und der Milliardendeal

  • -Aktualisiert am

Alles andere als ein Verlustgeschäft: Michail Prochorow Bild: dapd

Er trat gegen Putin an. Er kokettiert mit dem Ruf eines Playboy. Doch mit dem Basketballklub Brooklyn Nets hatte Michail Prochorow keinen Erfolg. Das Abenteuer Amerika war dennoch kein Verlustgeschäft. Im Gegenteil.

          Sein erster Auftritt in einem Video vor neun Jahren wirkte vollmundig und selbstgefällig zugleich. Als geschickter Geschäftsmann hatte er sich aus dem Schutthaufen der sowjetischen Planwirtschaft ein Milliardenreich aus Nickel- und Goldminen errichtet. Nun wollte Michail Dmitrijewitsch Prochorow dem einstigen amerikanischen Klassenfeind zeigen, wie kapitalismustauglich er ist. Die Ausgangslage: die Anschaffung einer im Bau befindlichen neuen Arena in einem Paket mit einem der schlechtesten Klubs in der National Basketball Association. Die Ambition: „Ich will uns allen eine Meisterschaft bringen.“ Der Zeitplan für das Projekt? „Maximal in fünf Jahren.“

          Die Tabellengeschichte der Liga belegt, was aus dieser Ankündigung geworden ist. Nur zwei der 30 NBA-Klubs haben im letzten Jahrzehnt sportlich weniger auf die Beine gestellt als die Brooklyn Nets, wie sich das Team seit dem Umzug aus New Jersey in die neue Halle im bevölkerungsreichsten Stadtteil von New York nennt.

          Nicht dass sich Prochorow nicht bemüht hätte. Die Tauschaktionen, die er abnickte, um teure Spieler zu den Nets zu holen, sind Legenden. Und zwar vor allem deshalb, weil sie sich beharrlich als Fehlgriffe erwiesen und demonstrierten, dass man sich in der besten Basketball-Liga der Welt Erfolg selbst mit viel Geld nicht einfach kaufen kann. Es war eine kostspielige Erfahrung für den inzwischen 54-jährigen ehemaligen Chef des russischen Biathlonverbandes, der 2012 noch nebenbei im Präsidentschaftswahlkampf gegen Wladimir Putin angetreten war und deutlich verloren hatte. Aber das Abenteuer Amerika war alles andere als ein Verlustgeschäft. Im Gegenteil.

          Als vor ein paar Tagen bekanntwurde, dass Prochorow den in zwei Teilen vollzogenen Verkauf seiner Anteile an den Nets endgültig abgeschlossen hat, ergab der Kassensturz eine beeindruckende Bilanz: Der Russe hatte eine Summe von rund 500 Millionen Dollar in den Klub investiert und ein erhebliches Quantum der Immobilie an einem Verkehrsknotenpunkt in Brooklyn bezahlt. Nun war der neue Besitzer, der aus Taiwan stammende Internet-Unternehmer Joseph Tsai, bereit, für dieses Bündel mehr als drei Milliarden Dollar auszugeben, davon allein 2,35 Milliarden für das Team.

          Die ersten Schlagzeilen unterstrichen hauptsächlich, in welchen Dimensionen der Marktwert von NBA-Klubs angekommen ist. Und wie reich man sein muss, um in diesem Milieu mitzuspielen. So hatte der ehemalige Microsoft-Geschäftsführer Steve Ballmer 2014 die Los Angeles Clippers für zwei Milliarden Dollar gekauft. Tilman Fertitta, Besitzer einer Kette aus Restaurants und Casinos, gab 2018 2,2 Milliarden für die Houston Rockets aus.

          Hinter dieser Preisexplosion verbergen sich allerdings mehrere Faktoren. Einer war, dass Prochorow, ein Junggeselle, der gerne mit seinem Ruf eines Playboys kokettiert und 2007 in den französischen Alpen ein paar Tage unter dem Verdacht in Untersuchungshaft verbracht hatte, eine Party mit Prostituierten organisiert zu haben, so kurz nach dem Börsen-Crash von 2008 zu einem vergleichsweise günstigen Kaufpreis einsteigen konnte.

          Joseph Tsai ist der neue Besitzer der Brooklyn Nets.

          Was allerdings kurz darauf die buchhalterische Bewertung von allen NBA-Klubs mit einem Schlag verbesserte, war ein neuer Tarifvertrag, den die Liga-Verantwortlichen 2011 aushandeln konnten, nachdem sie die Spieler und ihre Gewerkschaft im Arbeitskampf mit einer Aussperrung unter Druck gesetzt und gedroht hatten, eine komplette Saison ausfallen zu lassen. Die Profis, die bis dato einen Anspruch auf 57 Prozent der Gesamteinnahmen besaßen, sahen sich gezwungen, sich nur noch mit einem Anteil von 50 Prozent zu begnügen. 2016 verschob ein neuer Fernsehvertrag zusätzlich die Proportionen. Der ligaweite und auf alle Klubs gleichmäßig verteilte Erlös aus diesem Topf stieg von insgesamt 930 Millionen auf 2,6 Milliarden Dollar jährlich.

          Zum Abschied schwadronierte Prochorow im gewohnten Ton: „Das Team befindet sich in einer besseren Ausgangslage als jemals zuvor. Ich weiß, dass Joe auf diesen Erfolg aufbauen wird.“ Tatsächlich übernimmt Tsai – Spitzname Joe – eine ziemlich solide Basis, auf die sich aufbauen lässt. So ist die Multifunktionsarena seit 2015 Austragungsort der Heimspiele der New York Islanders, was die Profitabilität des Gebäudes garantiert. Zumindest bis die NHL-Mannschaft 2021 in eine eigene neue Halle weiterzieht. Und auch das Basketball-Projekt wirkt sehr viel vielversprechender als in den Jahren zuvor.

          Denn vor wenigen Wochen unterschrieben gleich zwei Spitzenspieler bei den Nets: Kevin Durant, der mit den Golden State Warriors zweimal Meister geworden war, und der sechsfache All-Star Kyrie Irving. Wie gut das Experiment funktioniert, ist allerdings unklar. Durant erlitt während der Playoffs einen Achillessehnenriss und fällt voraussichtlich die komplette nächste Saison aus, die Ende Oktober beginnt. Wie gut er nach seiner Rückkehr spielen wird, ist offen. Skeptische Sportmediziner gehen davon aus, dass ein Basketballer anschließend mehrere Monate braucht, um wieder seine alte Form zu erreichen. Manche schaffen es sogar nie.

          Solche Probleme dürften Tsai, der an der Eliteuniversität in Yale ein Jura-Studium absolvierte, sein erstes Geld im Geschäftsfeld „Private Equity“ verdiente und als Mit-Gründer der chinesischen Einzelhandelsplattform Alibaba dessen größter Einzelaktionär wurde, nicht aus der Ruhe bringen. Der 55-Jährige denkt langfristig unter anderem mit Blick auf den Markt in Asien und baut sein Engagement durch die amerikanischen Mannschaftssportarten aus. So ist er seit Anfang des Jahres Mehrheitseigner der New York Liberty, eines Teams in der Frauen-Basketballliga, und besitzt seit 2018 eine kleinere Tranche des NFL-Klubs Carolina Panthers.

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