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Basketball in der NBA : James Harden und sein Rollenwechsel mit Risiko

  • -Aktualisiert am

Ballkünstler mit Bart: James Harden spielt jetzt für die Brooklyn Nets. Bild: dpa

In Houstons Basketballteam drehte sich alles um James Harden, aber für einen NBA-Titel reichte es nie – in Brooklyn soll sich beides ändern. Doch der Neuzugang hat noch mit Defiziten zu kämpfen.

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          Die Umrisse seiner sportlichen Reputation entstanden vor knapp zehn Jahren. Und sie wurden damals von einer ganzen Reihe von Bewunderern genährt. James Harden, so lautete die Einschätzung, sei nicht nur ein eigenwilliger Typ mit einem buschigen, langen Bart und einer kreativen Einstellung zum Spiel. Er sei der am meisten unterschätzte Profi in der National Basketball Association (NBA). Die Deutung wirkte überzeugend. Denn in einer Mannschaft wie den Oklahoma City Thunder, die vor ihm mit Kevin Durant und Russell Westbrook zwei junge Ausnahmetalente verpflichtet hatte, kam der Spielgestalter nicht besonders gut zur Geltung. Aber er war selbstbewusst genug, sich beim Vertragspoker 2012 einen neuen Arbeitgeber zu suchen, der um ihn herum eine Meistermannschaft aufzubauen versuchte.

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          Wie die Sache ausging, ist bekannt: Harden ging zu den Houston Rockets, verdiente seitdem rund 200 Millionen Dollar und nutzte den Spielraum auf dem Parkett, um sich in den Mittelpunkt zu spielen. 2018 sammelte er so die Auszeichnung des besten NBA-Profis der Saison ein. Aber der Klub kam dabei nie so ganz auf seine Kosten. Die Rockets erreichten in derselben Zeit nie mehr als das Halbfinale der Playoffs und scheiterten dabei zweimal an den Golden State Warriors, dem Inbegriff des spektakulären Tempo-Basketballs, deren Kanoniere zu jeder Zeit und aus jeder Distanz Punkte produzierten.

          Harden gilt heute eher als überschätzt

          Das Resultat: Harden gilt heute eher als überschätzt - zumindest wenn es um die großen Spiele geht. Und er entwickelte sich zum teuren Ballast, als er nun vor und während der Saison trotz eines bis 2023 laufenden Vertrages einen Wechsel einforderte. Es bedurfte einer komplizierten Tauschaktion, an der insgesamt vier Klubs beteiligt waren sowie sechs Spieler und ein Katalog von Draft-Plätzen, um ihn zu den Brooklyn Nets zu transferieren.

          Die Verpflichtung Mitte Januar machte aus dem New Yorker Team auf dem Papier sogleich einen Titelaspiranten. Denn Harden verstärkt dort einen Kader, in dem mit Kevin Durant und Kyrie Irving zwei Leistungsträger stehen, die bereits das erreicht haben, wovon Harden noch träumt. Durant hatte mit Golden State 2017 und 2018 zweimal den Titel gewonnen. Irving mit den Cleveland Cavaliers 2016 immerhin bereits einmal. Ob die Spekulation aufgeht, muss sich allerdings erst noch zeigen. Die Nets haben nach einem Viertel der wegen der Corona-Pandemie auf 72 Begegnungen reduzierten Saison zwar Tuchfühlung mit der Tabellenspitze in der Eastern Conference, aber seit dem Tausch noch keinen stabilen Lauf hingelegt.

          Experiment ohne bleibenden Eindruck

          Die Kuriosität für Harden besteht darin, dass er in seiner Karriere nie die Personalkonstellation von Oklahoma City abschütteln konnte. So begegnete ihm in der letzten Saison Russell Westbrook wieder, als der von den Rockets als Verstärkung nach Houston geholt wurde. Das Experiment hinterließ keinen bleibenden Eindruck. Im Gegenteil: Als ausgewiesene Egozentriker gerieten sich beide gelegentlich abseits vom Platz in die Wolle. Nun muss sich der 31-Jährige in Brooklyn mit Durant arrangieren, der nach einem Riss der rechten Achillessehne während der Finalserie 2019 mit den Warriors erst in dieser Saison wieder zum ersten Mal voll zum Einsatz kommt. Hinter dessen Leistungsprognose steht bis auf weiteres ein dickes Fragezeichen.

          Zwar haben sich die Aussichten aufgrund der medizinischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte für Betroffene deutlich gebessert. Eine derartige Verletzung bedeutet also nicht mehr wie einst das Ende der Karriere. Allerdings zeigt der Blick auf die jüngeren Fallbeispiele, dass kaum ein NBA-Profi nach der Rehabilitation wieder dieselbe spielerische Qualität erreicht. Auch nicht solche Ausnahmetalente wie Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers, den es mit 34 erwischte und der anschließend bis zu seinem Rücktritt nur noch gelegentlich sein Können aufblitzen ließ.

          Der zehnmalige All-Star Durant, mit einem Punkteschnitt von etwas über 27 pro Begegnung einer der besten Korbschützen in der Geschichte der Liga, wirkt zwar wieder gut in Schuss. So steht er mit 30,4 Punkten pro Spiel in der Saisonstatistik derzeit auf dem zweiten Platz. Und er liegt mit seiner Rebound-Zwischenbilanz (7,6 pro Begegnung) über dem Karriereschnitt. Aber noch immer sind die Klub-Verantwortlichen, die ihn 2019 als Rekonvaleszenten ohne irgendeine Garantie langfristig unter Vertrag nahmen und ihm bereits im ersten Jahr ohne jede Gegenleistung 37 Millionen Dollar bezahlten, ein wenig besorgt. So lassen sie ihn gelegentlich ganze Spiele pausieren, um ihn auch weiterhin, so gut es geht, zu schonen.

          Suche nach der Form

          Doch James Harden, der in Houston absoluter Dreh- und Angelpunkt war, drängt sich momentan keineswegs in den Vordergrund. Und wenn, dann eher durch eine andere Dimension seines Könnens: Er gehörte schon immer zu den besten Passgebern in der NBA und scheint sich nun wieder auf diese dienende Rolle einzuschießen.

          Womit er beim neuen Trainer der Nets vermutlich an der richtigen Adresse ist. Steve Nash, der einst als quirliger Ballverteiler der Dallas Mavericks für die Karriereentwicklung von Dirk Nowitzki mit verantwortlich gewesen war und nach seinem Wechsel zu den Phoenix Suns bewies, dass eine Offensive voller Improvisationslust und Spontaneität Erfolg haben kann, betrachtet die Gemengelage in Brooklyn mit Bedacht. Bei Harden sieht er noch Defizite. „Ich glaube, er versucht im Moment, erst mal wieder in Form zu kommen“, sagte Nash am Samstag nach einem knappen 128:124 über die Miami Heat.

          Dass selbst ein total fitter Harden die Hierarchie bei den Nets durcheinanderbringen könnte, ist unwahrscheinlich. Nash und Durant kennen sich bereits seit ihrer gemeinsamen Zeit bei den Golden State Warriors, wo der 46-jährige Coach als einer der Assistenten im Team von Steve Kerr gearbeitet hatte. „Er wird unser Team führen“, sagte der Nets-Trainer zu Beginn der Saison. Für den Neuzugang bleibt allenfalls die Rolle als zweiter Mann.

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