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Dennis Schröder : Das NBA-Glühwürmchen dreht auf

  • -Aktualisiert am

Auf dem Flug zum Korb: Schröder hat sich im Eiltempo zu einem NBA-Spieler mit Format entwickelt Bild: AP

Dennis Schröder wird in der NBA noch nicht von allen ernst genommen. Dabei zeigt der Deutsche vor dem sechsten Spiel der Play-off-Serie gegen Washington, dass mit ihm und Atlanta zu rechnen ist.

          Man kann aus den hektischen letzten Sekunden eines Basketballspiels in der besten Liga der Welt eine Menge lernen. Zum Beispiel, dass es nichts nützt, sich ein gesamtes Viertel abzurackern, um eine scheinbar aussichtslose Partie zu drehen, wenn am Ende beim Gleichstand ein fast zwanzig Zentimeter kleinerer Verteidiger den abgezocktesten Wurfspezialisten des Gegners decken muss. Das ist vor ein paar Tagen Dennis Schröder so ergangen.

          Da sah er mit einem kurzen Blick Richtung Korb, wie der Ball, den Paul Pierce über seine ausgereckten Arme geworfen hatte, im Netz landete. Die Schlusssirene ertönte, und das dritte Match der Play-off-Serie gegen die Washington Wizards war für Schröder und die Atlanta Hawks gelaufen. Die Aufholjagd, während der der 21-Jährige bemerkenswerte 16 Punkte erzielt hatte? Makulatur.

          Unterhaltungswert für Millionen

          Andere wären angesichts der knappen Niederlage vielleicht geknickt gewesen. Doch Schröder ging scheinbar unbeeindruckt vom Platz und verriet in der Umkleidekabine einem amerikanischen Reporter, was er von dem Sieg-Treffer hielt. Das sei doch nur ein „glücklicher Wurf“ gewesen, sagte er: „Den Ball macht er nicht jedes Mal rein.“ Die Zurechtweisung gab dem 37 Jahre alten Pierce, dessen große Zeit längst vorbei ist, eine ideale Vorlage für eine Retourkutsche. „Er ist noch jung“, stichelte er zurück, als ihm jemand steckte, was der Braunschweiger gesagt hatte. Und er demonstrierte, in welcher Preisklasse die selbstbewusstesten Typen in der NBA ihre Sprüche heraushauen, die in den Vereinigten Staaten in Kulturgut-Kategorie „Trash Talk“ laufen.

          Rein vordergründig produzierte das Wortgefecht zwischen Schröder und einem der arrogantesten Egoshooter in der Liga jenen Unterhaltungswert, den eine spannungsreiche Play-off-Serie braucht, wenn sie ein Millionenpublikum neugierig machen soll. Zumal Pierce im nächsten Spiel am Montag abermals kurz vor Schluss die Entscheidung in der Hand hatte und – ungewollt – die Feststellung des jungen Deutschen bestätigte: Denn diesmal verfehlte er den Korb, und die Hawks gewannen die Begegnung.

          Sekunden danach: Pierce hat getroffen, Schröder (rechts) trottet vom Feld

          Am Mittwochabend im fünften Spiel der Serie in Atlanta stand die Sache abermals auf der Kippe. Wieder bekam Pierce den Ball, traf und rief den Spielern auf der Hawks-Bank ein kurzes Wort zu, mit dem er sagen wollte: „Wir haben die Serie gewonnen.“ Schröder konterte, als er im Gegenzug mit einem Solo zum Korb jenen Spielzug einleitete, mit dem sein Team 82:81 gewann und in der Best-of-seven-Serie mit 3:2 in Führung gingen. Der Dank ging an Al Horford, der den Abpraller zwei Sekunden vor dem Ende in den Korb stopfte. Der imaginäre Pluspunkt im Duell Jung gegen Alt ging an Schröder.

          Der Erkenntniswert all dessen besteht nicht in den Show-Aspekten, sondern darin, dass sich Dennis Schröder in seinem zweiten Jahr in der NBA mit einem enormen Tempo zu einem Spieler mit Format entwickelt hat. Der immer öfter von Trainer Mike Budenholzer just dann ins Getümmel geschickt wird, wenn es kitzlig wird. Das mag zwar Journalisten noch immer irritieren, wenn sie das „enorme Risiko“ beschwören, das der Coach der Hawks angeblich eingeht, wenn er das „dynamische, aber oft ungestüme Glühwürmchen eines Aufbauspielers“ (ESPN.com) dem erfahreneren Jeff Teague vorzieht. Aber immerhin gibt es auch Experten, denen langsam dämmert, dass Schröder in dieser Mannschaft genau der Richtige ist: weil er schnell unterwegs ist und im entscheidenden Moment nicht vor der Verantwortung zurückschreckt.

          Experimente mit Kombinationen

          Woanders wäre das Anlass für Spannungen im Team, sobald es so aussieht, als ob die eingespielte Hackordnung ins Wanken kommt. Der 26-jährige All-Star-Spieler Teague sieht das nicht so. Er stand am Mittwoch am Spielfeldrand und wartete eigentlich wenige Minuten vor dem Schluss auf die Gelegenheit, eingewechselt zu werden. Als Dennis Schröder mit einem Sprungwurf die Hawks mit 76:73 in Führung gebracht hatte, trottete er zur Ersatzbank zurück: „Ich habe gesagt: Lass das laufen. Lass ihn das durchstehen.“

          Wenige Tage zuvor hatte der Deutsche seinen Mannschaftskollegen aufgemuntert. „Mach weiter“, hatte er Teague gesagt. „Geh zum Korb. Sie können dich nicht aufhalten.“ Angesichts einer solchen Chemie hat Budenholzer, der vor wenigen Wochen mit der Auszeichnung „Coach des Jahres“ bedacht wurde, schon häufiger mit einer eher ungewöhnlichen Kombination herumexperimentiert, bei der beide Aufbauspieler gleichzeitig auf dem Platz stehen. „Das war einer der Gründe, weshalb wir in der regulären Saison Erfolg hatten“, sagte Schröder neulich. „Ich glaube, es funktioniert gut. Und ich hoffe, wir machen das auch weiter so.“

          Erfolgreich experimentiert: Atlanta-Trainer Budenholzer ist NBA-Coach des Jahres

          Das hängt auch von den taktischen Konstellationen ab, auf die Budenholzer während jedes Spiels zu reagieren hat. So mussten die Wizards drei Spiele lang auf ihren besten Mann verzichten und improvisieren: John Wall hatte sich in der ersten Begegnung gegen die Hawks bei einem Sturz mehrere Knochen in der linken Hand gebrochen. Am Mittwoch kehrte er mit einer Manschette zurück und spielte sogleich gefährlich.

          Doch schon am Freitag kann Atlanta in Washington (01.00 Uhr MESZ) den notwendigen vierten Sieg holen, um sich für die Conference Finals zu qualifizieren. Es wäre der größte Erfolg des Klubs seit seinem Umzug nach Atlanta 1968.

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