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Nationaltrainer Giovanni Guidetti : Der Volleyball-Verrückte

Erfolgreiche Ansprache: Giovanni Guidetti und Denise Hanke Bild: picture alliance / dpa

Giovanni Guidetti hat die Volleyballfrauen in die Weltspitze geführt. Ihren Aufstieg will die Mannschaft mit dem Europameistertitel krönen. Zum Auftakt der Heim-EM geht es an diesem Freitag (17 Uhr) gegen Spanien.

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          Ist das nun ein Kompliment? Oder üble Nachrede? Oder einfach eine ziemlich besorgniserregende Diagnose? Ein „Volleyball-Verrückter“ sei Giovanni Guidetti, so sagen es die, die ihn gut kennen. Einer, der sich diesem Sport verschrieben hat, sich Tag und Nacht damit beschäftigt, einer der nie müde wird, diesen Sport zu erforschen, und der ihn deshalb so gut versteht wie wenige sonst. Das hat er gerade erst wieder bewiesen. Mit seinem türkischen Vereinsteam Vakifbank Istanbul gewann er zuletzt Meisterschaft, Pokal und Champions League - und blieb dabei sagenhafte 47 Spiele in Folge ungeschlagen.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für den Deutschen Volleyball-Verband (DVV) ist Giovanni Guidetti daher, Kompliment hin oder her, ein Glücksfall. Seit sieben Jahren trainiert der 40 Jahre alte Italiener nun die deutsche Frauen-Nationalmannschaft, und in diesen Tagen, vor der an diesem Freitag beginnenden Europameisterschaft in Deutschland und der Schweiz, ist viel die Rede von der Entwicklung, die die Auswahl in diesen Jahren genommen hat. Die erinnert schwer an Denksportaufgaben vom Typ „Vervollständigen Sie diese Reihe“: EM-Sechster 2007, EM-Vierter 2009, EM-Zweiter 2011. Die Wunschlösung ist auch Guidetti und seinem Team nicht entgangen, dank gütiger Mithilfe von DVV-Präsident Thomas Krohne, der früh den EM-Titel 2013 als Ziel ausgab. „Wir können die Goldmedaille gewinnen“, sagt Guidetti, „und wir wollen auch die Goldmedaille gewinnen.“

          „Dieses Team ist wie mein Kind“

          Das aber wollen andere auch. Titelverteidiger Serbien etwa, Rekordsieger Russland oder die zuletzt so starken Türkinnen. Gegen diese Teams werden die Deutschen bestehen müssen, und dass die Aussichten dafür gar nicht so schlecht sind, das ist für Guidetti schon jetzt ein Erfolg. „Vor sieben Jahren waren wir eine Gruppe junger Spielerinnen und Trainer, die auf dem höchstmöglichen Niveau Volleyball spielen wollten“, sagt er. „Jetzt ist Deutschland konstant unter den besten zehn der Welt, und jede einzelne Spielerin, jeder Trainer ist erfolgreich und bekannt geworden.“ Im Final-Four-Turnier der Champions League waren zuletzt vier deutsche Spielerinnen dabei - plus der Trainer Guidetti.

          Keine physischen Vorteile: Die deutschen Volleyballfrauen, hier Margareta Kozuch beim Blockversuch, entscheidet Spiele über ihren Teamgeist
          Keine physischen Vorteile: Die deutschen Volleyballfrauen, hier Margareta Kozuch beim Blockversuch, entscheidet Spiele über ihren Teamgeist : Bild: dpa

          Dennoch gab es in den sieben Jahren Höhen und Tiefen, und der jüngste Tiefpunkt ist so lange noch gar nicht her. Es war die verpasste Olympia-Qualifikation für London 2012. „Das war eine der schlimmsten Nächte meines Lebens“, sagt Guidetti. Als Hauptgrund für das Olympia-Aus hat er die zu knappe Vorbereitungszeit von vier bis fünf Wochen ausgemacht. „Unser Team braucht eine lange Vorbereitung, um wirklich gut spielen zu können“, sagt er. Die deutschen Frauen haben keine großen physischen Vorteile, sie verfügen auch nicht über die eine überragende Angreiferin, die sie zuverlässig aus schwierigen Situationen „raushaut“, wie das Georg Grozer bei den Männern zuweilen tut. „Die große Stärke dieses Teams ist der Teamgeist“, sagt Guidetti. Dieses Gemeinschaftsgefühl, der spezielle Zusammenhalt hat sich über die Jahre vertieft, und das rechnet der Trainer dem Team hoch an. Guidetti ist ein harter Trainer, er verlangt viel von seinen Spielerinnen, und er geht dabei auch häufig an Grenzen. „Ich sage oft, dieses Team ist wie mein Kind“, erklärt er. „Wir sind zusammen groß geworden, wir haben zusammen gefeiert, wir haben zusammen geweint; wir haben gegeneinander gekämpft, und wir haben uns in den Armen gelegen.“

          Spiel gegen die künftige Ehefrau

          Diese Familien-Beziehung hat auch deshalb so lange so gut funktioniert, weil Guidetti die Motivation, den Einsatz, die Leidenschaft, die er verlangt, selbst vorlebt. „Er ist ein außergewöhnlicher Trainer und ein außergewöhnlicher Mensch“, sagt Mittelblockerin Christiane Fürst, die mit ihm in Istanbul das Triple gewann. „Er lebt Volleyball“, sagt sie und erzählt, wie er in der Triple-Saison nebenher noch 14-, 15-Jährige trainierte, einfach, weil er Spaß dran hatte. „Er hat die besten Spielerinnen der Welt trainiert, er weiß, was Perfektion, was Spitzenvolleyball ist, und da will er auch hin“, sagt sie. „Aber er hat eben auch eine Riesenfreude daran, den Jungen was beizubringen, sie für Volleyball zu begeistern. Das gibt ihm Kraft.“

          An diesem Freitag beginnt für Guidetti das Abenteuer Heim-EM mit dem ersten Vorrundenspiel gegen Spanien (17 Uhr). Ein Abenteuer, das ihn abermals an Grenzen führen wird, sportliche und private. Der dritte und letzte Vorrundengegner am Sonntag heißt Türkei, und für dieses Team spielt die Mittelblockerin Bahar Toksoy - Guidettis Verlobte und künftige Ehefrau, nach der EM soll in Istanbul geheiratet werden. Unabhängig vom Ausgang der Partie am Sonntag. Aber: „Wenn wir verlieren, kriegt sie ein Jahr lang den Schlüssel von der Wohnung nicht“, kündigte Guidetti vorsichtshalber schon mal an. Alles für das Team eben.

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