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National Football League : Zweite Chance für reuige Sünder

  • -Aktualisiert am

Wide Receiver Plaxico Burress darf bei den New York Jets einen neuen Anfang machen Bild: dapd

Die gesellschaftliche Rehabilitierung von straffällig gewordenen NFL-Profis auf offener Bühne ist ein amerikanisches Phänomen. Die NFL fühlt sich gezwungen, auf das gesetzwidrige Verhalten ihrer Spieler mit Augenmaß zu reagieren.

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          Draußen auf dem Platz, wo er bei jedem Angriff schnell wie ein Sprinter Richtung Endzone rennt, genießt ein Wide Receiver in der National Football League (NFL) kaum Schutz. Der Helm und die gepolsterten Schultern täuschen: Amerikas populärster Mannschaftssport ist brutal. Die Risiken und Nebenwirkungen haben gut bezahlte NFL-Profis wie Plaxico Burress geprägt, der einst für den Super-Bowl-Gewinner New York Giants mit viel Flair Touchdown-Pässe gefangen hatte. Aufgewachsen in den Scherbenvierteln von Städten wie Norfolk/Virginia, strahlen sie sonntags im Stadion - großspurig, schnoddrig und arrogant - Unverletzlichkeit und Stärke aus.

          Im Privatleben brauchen sie dafür schon mal ein paar illegale Hilfsmittel. So hatte Burress im November 2008 eine geladene Pistole bei sich, als er mit einem Mannschaftskameraden eine Diskothek in Manhattan ansteuerte. Als er nach der Waffe griff, weil sie ihm aus dem Hosenbund seiner Trainingshose rutschte, löste sich ein Schuss. Das Neun-Millimeter-Projektil durchschlug seinen rechten Oberschenkel und brachte Burress für zwanzig Monate ins Gefängnis. Der Gesetzesverstoß: Er hatte keinen Waffenschein.

          „Ein schöner Tag“, sagte Burress, als er im Juni aus der Haft entlassen wurde, und er dankte Gott und „allen meinen Fans überall auf der Welt für ihre Tausende Briefe und ihre standhafte Unterstützung“. Das Timing passte. Denn der inzwischen 34 Jahre alte Burress fand rechtzeitig vor Beginn der neuen NFL-Saison einen neuen Klub, die New York Jets, mit dem er am kommenden Samstag in einem Vorbereitungsspiel nun gegen sein altes Team antritt. Die Bedeutung der Begegnung spielte Burress vor ein paar Tagen herunter: „Das ist nicht mehr als ein ganz normales Footballspiel.“ Doch zwei Jahre nachdem der herausragende NFL-Quarterback Michael Vick nach der Verbüßung einer knapp zweijährigen Gefängnisstrafe wegen Tierquälerei in den Profifootball zurückkehrte, hat die Partie durchaus eine gewisse Bedeutung. Denn sie unterstreicht das Bild einer Liga, die im Kontrast zum Rest der amerikanischen Gesellschaft einiges tut, um reuige Sünder nach ihrer Zeit hinter Gittern wieder einzugliedern.

          Das Prinzip betrifft nicht nur schwarze Sportler wie Burress und Vick. So wurde Quarterback Ben Roethlisberger von den Pittsburgh Steelers von der NFL im vergangenen Jahr für vier Spiele gesperrt und zu psychologischer Beratung verdonnert, nachdem ein Zwischenfall bekannt geworden war, der begründete Rückschlüsse darauf zuließ, dass der riesige Muskelmann in Nachtklubs Sex auch mit Frauen suchte, die mit seinen Avancen nicht einverstanden waren. Inzwischen ist Gras über die Angelegenheit gewachsen. Und zwar, weil die Liga ohne viel Federlesen handelte, und weil Roethlisberger seitdem nicht mehr unangenehm aufgefallen ist.

          Die gesellschaftliche Rehabilitierung von NFL-Profis auf offener Bühne ist ein amerikanisches Phänomen, das seine Wurzeln in einem Problemfeld hat, das vor mehr als zehn Jahren erstmals untersucht und in dem Buch „Pros and Cons“ von Jeff Benedict und Don Yeager statistisch erhärtet worden war. Danach hatte rund ein Fünftel der Spieler bereits mit der Polizei zu tun. Die Auslöser für die Festnahmen reichten von Widerstand gegen die Staatsgewalt über Kidnapping, Raubüberfälle, Drogenhandel bis hin zu Mordverdacht.

          Das Milliardengeschäft mit den Gladiatoren

          Während sich der größte Teil der amerikanischen Gesellschaft nur ungern mit einem Thema wie der Reintegration von Straffälligen beschäftigt und Politiker jahrzehntelang nur eine Lösung für das Ansteigen der Kriminalität im Lande sahen, längere Strafen und mehr Gefängnisse, fühlt sich die NFL gezwungen, auf das gesetzwidrige Verhalten ihrer Spieler mit Augenmaß zu reagieren. Für das Milliardengeschäft mit den Gladiatoren, in dem viele Athleten binnen weniger Jahre körperlich verschlissen werden, sind Chorknaben nicht geeignet. Und eine Null-Toleranz-Strategie, wie sie der ehemalige Wide Receiver Steve Largent forderte, der nach seiner Karriere Kongressabgeordneter der Republikaner in Washington war, ist unrealistisch.

          Zu den Figuren im Umfeld der Liga, die sich über die Rehabilitierung der NFL-Sportler Gedanken machen, gehört der ehemalige Trainer der Indianapolis Colts, Tony Dungy. Ihm war es als erstem schwarzen Coach gelungen, den Super Bowl zu gewinnen. Das Motiv des Mannes mit der milden Stimme ist sein Glaube: „Ich weiß, wie mächtig Gottes Geist ist“, hat er einmal geschrieben. „Ich weiß, dass er Menschen verändern kann.“ So gehörte Dungy auch zu den wenigen Prominenten, die Vick im Gefängnis besuchten. Dort sprachen sie auch über seine Zukunft. „Ich habe ihm gesagt: ,Du musst Zeit für das finden, was wichtig ist.' Ich glaube, dass er das tun wird. Er hat viele Fans enttäuscht und will das korrigieren“, sagte Dungy. Vick spielt inzwischen bei den Philadelphia Eagles und lebt von 300.000 Dollar im Jahr. Der Rest seines Gehalts von 1,6 Millionen Dollar pro Saison geht an seine Gläubiger.

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