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Finanzsorgen im Basketball : Der Fehler liegt im System

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Die Konsequenz aus der finanziellen Misere könnte künftig ein strengeres Lizenz-Verfahren sein Bild: obs

Phoenix Hagen hat Insolvenz angemeldet. Es ist der dritte Finanzkollaps in der Basketball- Bundesliga binnen vier Jahren. Nun will die Liga ihre Lehren daraus ziehen – sie verfolgt schließlich ein hoch gestecktes Ziel.

          Im Jahr 2020 will die Basketball-Bundesliga, so das selbstgesteckte Ziel, die „beste Liga Europas“ sein. Neben sportlichen Gesichtspunkten will sich die BBL dabei auch nach wirtschaftlichen Maßstäben messen lassen. Ein Rückschlag auf dem Weg dorthin sind die Nachrichten aus Hagen: Die Basketball Hagen GmbH & Co. KGaA, Betreibergesellschaft von Phoenix Hagen, hat vor kurzem beim Amtsgericht Hagen einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung gestellt. Selbst wenn der Klub die Saison zu Ende spielen sollte, ist der sportliche Abstieg kaum zu vermeiden. Mit den Basketball Löwen Braunschweig könnte dieses Schicksal einen weiteren traditionsreichen Basketball-Standort ereilen: Der Etat der Niedersachsen ist so knapp bemessen, dass sie sportlich nicht auf Augenhöhe mit der Konkurrenz sind.

          Auszug aus der Bundesliga? Phoenix Hagen droht die Insolvenz.

          Die Insolvenz des Hagener Klubs ist der vorläufige Tiefpunkt einer wirtschaftlichen Negativspirale, in der die „Feuervögel“ schon lange stecken. Zur aktuellen Spielzeit hatte Hagen zum dritten Mal in Serie die Lizenz nur unter Auflagen erhalten. In der vergangenen Saison waren der Mannschaft von Trainer Ingo Freyer sechs Punkte abgezogen und dem Klub eine Geldstrafe von 10.000 Euro auferlegt worden, weil er seiner Mitteilungspflicht über wirtschaftliche Schwierigkeiten nicht nachgekommen war. Damals konnte Phoenix den Abstieg noch vermeiden, dieses Mal wird - auch angesichts des aktuellen Abzugs von vier Punkten als sogenannter Negativvortrag - kein Weg daran vorbeiführen. Der Spielbetrieb werde aber, so Geschäftsführer Patrick Seidel, in Abstimmung mit der BBL GmbH fortgesetzt.

          „Bestimmte Hausaufgaben sind nicht gemacht worden“

          „Mit uns ist dies nicht abgestimmt“, widerspricht Stefan Holz, Geschäftsführer der Liga, dieser Darstellung. Es war in den vergangenen Tagen nicht die einzige Aussage, die bei Holz auf Verärgerung stieß. „Irritiert“ sei er gewesen über die jüngsten Zahlen, die der BBL im Rahmen des regelmäßigen Finanz-Reports Ende September von Phoenix vorgelegt worden waren.

          Diese seien offenbar „quasi über Nacht deutlich schlechter geworden“. Bei den ersten drei Heimspielen der Hagener kamen im Schnitt 600 Zuschauer weniger, ein Rückgang von 17 Prozent. Diese Einnahmen fehlen genauso wie jene durch langjährige Sponsoren. „Im Sommer sind bestimmte Hausaufgaben nicht gemacht worden, das wollen wir jetzt nachholen“, sagt der zuständige Insolvenzberater Dr. Dirk Andres.

          Der aufgrund einer schweren Erkrankung inzwischen abgelöste Geschäftsführer Peter Brochhagen war monatelang nicht im Büro, die notwendige Sponsorenpflege und -akquise lag brach. Ein Vakuum, das den Hagener Traditionsklub nun die Erstliga-Zugehörigkeit kosten dürfte.

          Die Insolvenz von Hagen ist kein Einzelfall in der jüngeren Geschichte der Liga. In der Saison 2014/15 erlitt Trier dasselbe Schicksal, in der Spielzeit zuvor wurde Würzburg aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten mit Punktabzug bestraft, der zum sportlichen Abstieg führte.

          Keine Probleme haben nur die Großen wie Bamberg und München

          Ende 2012 meldete mit Gießen ein weiterer Traditionsklub Insolvenz an. In den Jahren davor gerieten außerdem Vereine wie Köln, Düsseldorf, Göttingen, Paderborn und Jena in finanzielle Schieflagen. Stefan Holz betont, dass „gerade Hagen nach den Vorfällen der vergangenen Saison von uns enger begleitet wurde als jeder andere Klub“ - vergebens.

          Der BBL-Geschäftsführer schließt nach dem jüngsten Insolvenzfall Konsequenzen nicht aus: „Wenn einem Erstligisten nach dem fünften Spieltag der Businessplan platzt, gehen wir bestimmt nicht zur Tagesordnung über.“ Das Lizenzierungs- und Reporting-Verfahren komme auf den Prüfstand. „Vielleicht müssen wir bei den Klubs noch tiefer in das jeweilige Zahlenwerk steigen.“ Letztendlich könne die Liga aber nur die Zahlen prüfen, die vorgelegt würden.

          Andere Klubs könnten von Hagens Sorgen profitieren

          Zum Ansinnen der Hagener, die Saison zu Ende zu spielen, äußert sich Holz zurückhaltend: „Darüber haben neben dem Insolvenzverwalter auch die zuständigen BBL-Gremien zu befinden, nachdem sie sich ein Bild von der neuen Situation gemacht haben. Schön wäre zudem, wenn der sportliche Wettbewerb nicht zu einer Farce wird.“ Genau dieses Szenario droht jedoch, wenn Spitzenkräfte das Tabellenschlusslicht verlassen sollten. Andere Bundesligaklubs liebäugeln mit der Verpflichtung der besten Spieler. Gleichzeitig zeigt das Beispiel Braunschweig, dass eine Mannschaft, die mit einem Mini-Etat zusammengestellt werden musste, nur bedingt konkurrenzfähig ist.

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