https://www.faz.net/-gtl-144zw

Musik beim Marathonlauf : Abba bis zur Erschöpfung

Musik kann Beine machen Bild: Wonge Bergmann

Popmusik macht gute Laune und kann die Leistung von Läufern steigern. Doch Wissenschaftler warnen die Jogger: Rhythmen lenken von Körpersignalen ab. Die Euphorie führt so weit, dass eine Überbelastung unbemerkt bleibt.

          Drei Tage lang wähnte sich Jennifer Goebel am Ziel ihrer Wünsche. Die Amerikanerin war beim Lakefront Marathon in Milwaukee nach 3:02,50 Stunden zwar nur als Zweite über die Ziellinie gelaufen; aber weil die einzige Frau, die schneller gewesen war, unmittelbar nach dem Rennen disqualifiziert wurde, hatte Jennifer Goebel die Siegprämie von 500 Dollar einstreichen dürfen. Die Freude über Zeit und Geld endete jedoch jäh, als in den Tagen nach dem Marathon ein Foto auftauchte, mit dem auch der Siebenundzwanzigjährigen ein Regelverstoß nachgewiesen wurde: Sie hatte während des Rennens vor drei Wochen einen iPod am Bund ihrer Laufhose befestigt – für die Veranstalter Grund genug, die Leichtathletin umgehend zu disqualifizieren.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Das ist doch lächerlich“, sagte die Bestrafte, die nur im letzten Drittel des Rennens ein wenig Rockmusik und Techno gehört haben will. „Wenn sie mich disqualifizieren, dann müssten sie es auch mit jedem anderen tun, der einen iPod besitzt.“ Tatsächlich liegt die Läuferin mit ihrer Einschätzung nicht falsch. In den Vereinigten Staaten ist es laut Regel 144.3 des Leichtathletikverbandes USATF seit zwei Jahren verboten, elektronische Geräte wie MP3-Player bei offiziellen Wettbewerben zu verwenden. Gilt Musik während des Wettkampfs womöglich als Doping, weil sie leistungssteigernd wirken könnte? Ist ein iPod etwa so schlimm wie Epo?

          Auch Oliver Stoll, Professor für Sportpsychologie und Sportpädagogik an der Universität Halle-Wittenberg, findet die Disqualifikation der Marathonläuferin „ein bisschen lächerlich“. Stoll, der als Psychologe zum deutschen Olympiateam in Peking gehörte und selbst vierzig Marathonrennen absolviert hat, weiß jedoch aus eigener Erfahrung um die aufputschende Wirkung von schnellen Beats. „Man kann sich mit Musik beim Laufen von Schmerzen ablenken oder seine Emotionen positiv beeinflussen. Doping würde ich das aber nicht nennen.“ Offiziell hat die USATF den Gebrauch von MP3-Playern untersagt, weil Läufer mit Knöpfen im Ohr Durchsagen der Rennleitung nicht mitbekämen und Unfälle verursachen könnten. Aber auch einen Wettbewerbsvorteil könnten sich laufende Musikhörer verschaffen.

          Die Rhythmusgruppe

          Die subjektive Bewertung der Belastung ist wichtiger als die absolute

          Seit der Verbreitung tragbarer Abspielgeräte wie dem Walkman und dem MP3-Player hat sich auch unter Joggern der Glauben verstärkt, dass ein Mensch durch Musik zu einem besseren Läufer würde. Das subjektive Laufgefühl kann die Wissenschaft im Grunde bestätigen. „Jede körperliche Aktivität wird aus dem Hirn begründet und initiiert“, erklärt Helge Knigge vom Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft an der Deutschen Sporthochschule Köln. Wenn äußere Reize wie Musik aufgenommen, verarbeitet und positiv bewertet würden, so Knigge, könne diese Motivation die Leistung steigern. Die Neurowissenschaft habe nachgewiesen, dass „die subjektive Bewertung der Belastung wichtiger ist als die absolute“.

          Bei dem Versuch, leistungsfördernde Effekte von Musik zu messen, hat Costas Karageorghis von der Londoner Brunel-Universität die meiste Aufmerksamkeit erregt, weil seine Studie das persönliche Empfinden vieler Hobby-Athleten bestätigt. Karageorghis untersuchte dreißig Freiwillige, die er auf dem Laufband zu Rock- und Popmusik trainieren ließ. Bei den anschließenden Befragungen stellte er fest, dass die Versuchsteilnehmer meinten, ihre Ausdauerfähigkeit um durchschnittlich 15 Prozent gesteigert zu haben; vorausgesetzt, sie hätten die richtige Musik gehört. Ein mittleres Tempo von 120 bis 140 Schlägen pro Minute müsste es laut Karageorghis sein, um länger laufen zu können. Darum müssten die Stücke, abhängig von Alter, Gesundheit und Geschmack des Sportlers, sorgfältig ausgewählt werden, so Karageorghis: „Punk-Songs sind aber ebenso ungeeignet wie Rock-Balladen.“

          „Punk-Songs sind aber ebenso ungeeignet wie Rock-Balladen“

          Die Londoner Probanden hätten sich auf Lieder wie „Mercy“ von Duffy, „Dancing Queen“ von Abba, Glenn Freys „The Heat is on“ oder „Don’t stop me now“ von Queen einigen können. Auch Songs von Madonna und den Red Hot Chili Peppers sollen die Motivation erhöht haben. Weil aber die Tests nicht repliziert, also von unabhängigen Forschergruppen bestätigt wurden, können sie kaum als streng wissenschaftlich gelten. Weil zudem nicht vorab die absolute Leistungsfähigkeit der Testläufer festgestellt wurde, ist die angeblich durch Musik erzielte Steigerung eine eher vage Größe. Sportpsychologe Stoll hält die Ergebnisse daher für „höchst spekulativ“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Annegret Kramp-Karrenbauer am Samstag beim feierlichen Gelöbnis neuer Rekruten zusammen mit Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr

          Annegret Kramp-Karrenbauer : Mehr Unterstützung für die Ministerin, bitte!

          Als Parteichefin hat Kramp-Karrenbauer schwere Wahlkämpfe vor sich. Gleichzeitig will sie ihr Ministerium und die Truppe besser kennenlernen. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Sie verdient dabei Unterstützung – gerade aus der Bundeswehr.
          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.
          Emanuel Buchmann (vorne) und Thibaut Pinot (Zweiter von vorne) bei der Tour de France

          Tour de France : Buchmanns Glanzstück am Tourmalet

          Bei der Fahrt auf den berüchtigten Tourmalet ist Thibaut Pinot am Schnellsten. Zweiter wird ebenfalls ein Franzose, der das Gelbe Trikot behält. Emanuel Buchmann landet nach einer starken Leistung auf Platz vier.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.