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Murray siegt über Djokovic : Die Erlösung von Wimbledon

Der König von Wimbledon: Andy Murray gewinnt das wichtigste Tennisturnier Bild: AFP

Nach 77 Jahren gewinnt mit Andy Murray wieder ein Brite in Wimbledon. Der 26-jährige Schotte besiegt im Duell der beiden besten Tennisspieler der Welt Novak Djokovic in drei Sätzen.

          3 Min.

          Sie hatten 77 Jahre auf diesen Moment gewartet, aber jetzt konnte es ihnen nicht schnell genug gehen. Andy Murray führte 6:4, 7:5, 5:4 und 40:0 bei eigenem Aufschlag - und nun endlich sollte doch nichts mehr schief gehen. „Murray, Murray“-Rufe hallten schon über den Centre Court, dann ein erstes Aufstöhnen: 40:15. Dann 40:30, Einstand, schließlich sogar ein Breakpunkt für Novak Djokovic, Murray wehrte ab, ein Netzroller bescherte dem Serben wieder einen Breakpunkt, Murray wehrte wieder ab, und noch einmal das Ganze: Breakpunkt Djokovic, Einstand.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Es folgte der vierte Matchball für Andy Murray, und dann der kollektive Aufschrei von 15.000 Zuschauern. Novak Djokovic hatte den Ball ins Netz geschlagen, die beiden Freunde, die im Alter von elf Jahren das erste Mal gegeneinander gespielt hatten, umarmten sich innig, und dann sank Murray mitten auf dem Platz auf die Knie. Die größte denkbare Last, die auf den Schultern eines Tennisspieler liegen kann, war mit einem Schlag von ihm abgefallen. Fred Perry hatte hier 1936 als letzter Brite gewonnen - und nun war Murray am Ziel.

          „Das waren die schwersten Punkte meines Lebens“, sagte er später, und nicht auszudenken, wie es wohl weiter gegangen wäre, hätte er tatsächlich in diesem Moment noch einmal ein Break zum 5:5 hinnehmen müssen. Aber es passt zu diesem neuen Andy Murray, zu dem er nach seinem Olympiasieg im vergangenen Jahr und dem folgenden Triumph bei den US Open geworden ist. Damals hatte er als erster Brite seit eben diesem Fred Perry wieder einen Grand-Slam-Titel gewonnen, nun überwand er auch diesen Wimbledon-Fluch, der all seine Vorgänger hatte scheitern lassen.

          Murray kletterte auf die Tribüne, und der Erste, dem er in die Arme fiel, war Ivan Lendl. Dessen Verpflichtung zum Jahreswechsel 2011/12 war eine Überraschung gewesen, denn der in den Vereinigten Staaten lebende gebürtige Tscheche hatte sich nach seiner Karriere vom Tennis vollkommen zurückgezogen. Aber Lendl, in seiner aktiven Zeit ein akribischer Arbeiter, glaubte an Murray, an einen Spieler, der nach drei verlorenen Grand-Slam-Endspielen selbst am meisten an sich zweifelte. Vor einem Jahr folgte in Wimbledon gegen Roger Federer die Finalniederlage Nummer vier, wieder war der Traum geplatzt, aber diesmal machte dieses Erlebnis den Schotten stärker denn je.

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          Auf dieses Bild haben die Briten 77 Jahre warten müssen :

          „Ivan hat mir beigebracht, aus den Niederlagen zu lernen“, sagte Murray, und in diesem Fall lernte er schnell. Als er nur drei Wochen danach auf dem Rasen in Wimbledon die olympische Goldmedaille gewann, platzte der Knoten. Ein paar Wochen später holte sich Murray - wie einst auch Lendl - nach vier Endspielniederlagen den ersten Grand-Slam-Titel.

          Trotzdem lag danach immer noch dieser riesige Berg namens Wimbledon vor ihm, wo die Erwartungen noch jeden britischen Tennisspieler förmlich erdrückt hatten. Wie groß diese Belastung war, wurde deutlich, als der 26 Jahre alte Schotte da auf den Knien lag, das Gesicht mit den Händen verdeckt. Es sei hart gewesen, ihm bei den Matchbällen zuzusehen, sagte BBC-Reporterin Sue Barker, eine ehemalige Tennisspielerin beim Siegerinterview. „Stellen Sie sich vor, wie hart es war, sie zu spielen“, antwortete Murray.

          Grenzenlose Freude des Publikums

          Das Finale war zu einer physischen Angelegenheit geworden, und in diesem Bereich kann Murray, am Anfang seiner Karriere in langen Spielen am Ende oft körperlich unterlegen, längst mithalten. Schon die Anfangsphase aber verlangte beiden alles ab. Nach 26 Minuten stand es gerade einmal 2:2, nach genau einer Stunde hatte der Schotte den ersten Satz gewonnen. Das schien ein wenig zu viel Kraft gekostet zu haben, denn Djokovic ging im zweiten Durchgang 4:1 in Führung, konnte den Vorsprung allerdings nicht halten.

          Der frenetisch angefeuerte Murray glich nicht nur aus. Nach 2:09 Stunden Spielzeit und dem 7:5 waren die Briten angesichts einer 2:0-Satzführung dem Moment, dem sie Jahr für Jahr entgegen gefiebert hatten, so nah wie noch nie gekommen. Und zur grenzenlosen Freude des Publikums war es noch besser gekommen: Ihr Liebling hatte auch den dritten Durchgang gleich mit einem Break begonnen.

          Aber natürlich gibt sich ein Djokovic, der nicht seinen besten Tag erwischt hatte, nicht so einfach geschlagen. Ein paar Breaks später führte der Serbe plötzlich 4:2, aber Murray kämpfte sich abermals zurück, und dann folgte das so dramatische wie glückliche Ende für ihn. Ungläubig starrte er später den Siegerpokal an, und die Frage, was er beim Matchball gedacht habe, was er gedacht habe, als alles vorbei war, konnte er nicht beantworten. „Ich kann mich nicht einmal erinnern, wie dieser Matchball war“, sagte der Schotte, der es lange schwer hatte bei den englischen Fans, nun aber ihr größtes Idol ist.

          Aus den „Murray, Murray“-Rufen waren nach dem Matchball sofort „Andy, Andy“-Sprechchöre geworden. „Ich weiß, was euch allen das bedeutet“, sagte Novak Djokovic über das Platzmikrophon, und oben auf der Tribüne kletterten seine Eltern in die Box von Andy Murray und gratulierten dessen Mutter Judy. Und tatsächlich, Ivan Lendl, der als Spieler nie in Wimbledon gewonnen hatte, lächelte. Murray wusste nur zu gut, was sein Trainer dachte: „Ich glaube, das war heute zumindest das Zweitbeste, was neben einem eigenen Erfolg hier hätte passieren können für ihn.“

          Sieger im Tennis-Einzel von Wimbledon seit 1991

          1991  Michael Stich (Hamburg)
          1992  Andre Agassi (USA)
          1993  Pete Sampras (USA)
          1994  Pete Sampras (USA)
          1995  Pete Sampras (USA)
          1996  Richard Krajicek (Niederlande)
          1997  Pete Sampras (USA)
          1998  Pete Sampras (USA)
          1999  Pete Sampras (USA)
          2000  Pete Sampras (USA)
          2001  Goran Ivanisevic (Kroatien)
          2002  Lleyton Hewitt (Australien)
          2003  Roger Federer (Schweiz)
          2004  Roger Federer (Schweiz)
          2005  Roger Federer (Schweiz)
          2006  Roger Federer (Schweiz)
          2007  Roger Federer (Schweiz)
          2008  Rafael Nadal (Spanien)
          2009  Roger Federer (Schweiz)
          2010  Rafael Nadal (Spanien)
          2011  Novak Djokovic (Serbien)
          2012  Roger Federer (Schweiz)
          2013  Andy Murray (Großbritannien)

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