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Teilnehmer von Olympia 1972 : Manfred Letzerich lief viermal um die Erde

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Manfred Letzerich 1972 Bild: imago/WEREK

Manfred Letzerich kann eine facettenreiche Läuferkarriere vorweisen – mit vielen Erfolgen und Ehrungen. Dreimal nimmt er an Olympischen Spielen teil. Die Geiselnahme in München erlebt er hautnah mit.

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          Als Manfred Letzerich am 26. August 1972 im Pulk der westdeutschen Delegation die Tartanbahn des Münchner Olympiastadions betritt, ahnt er noch nichts von den dramatischen Ereignissen, die er zehn Tage später mitansehen muss. Der Wiesbadener Hindernisläufer – gerade zum zweiten Mal Vater geworden – zählt damals zu den Routiniers seines Sports. Es sind seine dritten und letzten Olympischen Spiele.

          Die Eröffnungszeremonie erlebt er dennoch als „sehr emotional“. Ihm imponieren die farbenfrohen Anzüge der Athleten, das Medley der Big Band um Jazzmusiker Kurt Edelhagen, das frisch fertiggestellte Stadion mit seinem futuristischen Zeltdach und die bayrischen Schuhplattler: „Es herrschten Heiterkeit und Lebensfreude.“

          Die Hüfte schmerzt

          Auf seine Paradedisziplin 3000 Meter Hindernis, für die er den gesamtdeutschen Rekord hält, muss Letzerich in München wegen einer Fußverletzung verzichten. Über 10.000 Meter reicht es nur zu einem enttäuschenden vorletzten Platz im Vorlauf, die Hüfte macht Probleme. So verpasst der siebenmalige deutsche Meister nach Tokio 1964 und Mexiko-Stadt 1968 abermals die Medaillenränge, gibt sich aber gelassen: „Sich mit dreißig ein drittes Mal für Olympia zu qualifizieren, das war doch auch schon was.“

          Als Zuschauer erlebt er nach seinem Ausscheiden, wie die deutschen Leichtathleten abräumen: Heide Rosendahl avanciert mit drei Medaillen zum Gesicht der Auswahl, im Bahnradvierer setzen sich die westdeutschen Fahrer gegen das DDR-Quartett durch. Am Ende steht ein bemerkenswerter vierter Platz im Medaillenspiegel der Leichtathletik.

          Zeuge des Attentats

          Am Morgen des 5. Septembers, dem elften Tag der Spiele, findet die allseits beschworene Heiterkeit ein jähes Ende: Palästinensische Terroristen dringen in das Quartier der israelischen Delegation ein, nehmen Geiseln. Am Ende sterben elf Israelis, fünf Terroristen und ein Polizist. Manfred Letzerich wird von seinem Balkon aus Zeuge, wie die gefesselten Geiseln unter vorgehaltener Waffe gemeinsam mit ihren Peinigern zwei Hubschrauber besteigen.

          Ein Anblick, den er nicht vergessen wird. „Wäre ich Sportschütze gewesen, ich hätte auf die Terroristen schießen können“, sagt er fünfzig Jahre später nachdenklich. Man merkt Letzerich an, dass die Ereignisse von damals an ihm nagen.

          „Das war sehr schlimm“

          Die Meldung vom Tod aller elf Geiseln gelangt erst mit Verzögerung und nach einer Falschmeldung über die vermeintliche Befreiung von neun Personen an die Öffentlichkeit. Letzerich erinnert sich: „Das war sehr schlimm. Keiner von uns hat damit gerechnet, dass es auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck so ausgeht.“

          Die Entscheidung von IOC-Präsident Avery Brundage, die Spiele am nächsten Tag fortzusetzen, empfindet der Sportler schon damals als richtig: „Was hätte es denn gebracht, sie abzubrechen?“, fragt er heute.

          Erfolge und Ehrungen

          München 1972 markiert den letzten von vielen internationalen Wettbewerben des Läufers: 38 Länderkämpfe hat er absolviert – jene Wettkämpfe zwischen zwei Ländern, die bis in die 90er-Jahre populär waren, mittlerweile von Europameisterschaften oder durch Wettbewerbe anderer Verbände abgelöst wurden.

          1966 knackt er den Europarekord über 20.000 Meter und den deutschen Rekord über 3000 Meter Hindernis, vor Olympia 1972 außerdem den deutschen Rekord über 10.000 Meter. Mit dem Erfolg kommen die Ehrungen: Als erstem Athleten überhaupt wird ihm 1970 mit der Sportplakette des Landes Hessens die höchste Auszeichnung des Hessischen Leichtathletik-Verbandes zuteil. Auch in seiner Heimat ist man stolz, dass er den Namen „Wiesbaden“ in die weite Welt getragen hat, Letzerich darf sich in das Goldene Buch der Stadt eintragen.

          Karrierehöhepunkt in Tokio

          Den emotionalen Höhepunkt seiner Karriere erlebt der Sportler acht Jahre vor und 500 Kilometer nördlich von München: Im August 1964 werden im Berliner Olympiastadion Ausscheidungswettkämpfe für die Spiele in Tokio ausgetragen. Mit Letzerich bewerben sich acht Läufer aus Ost und West auf die drei zu vergebenden Startplätze für die 5000 Meter.

          Es wird das letzte Mal sein, dass BRD und DDR ihre Systemkonkurrenz für zwei Wochen ausblenden, um ein gesamtdeutsches Team zu bilden. Angefeuert von 50.000 Zuschauern und seinem Trainer Olaf Lawrenz wird Letzerich überraschend Zweiter, erfüllt sich das erste Mal seinen Traum von Olympia und darf den 6000 D-Mark teuren Flug ins unbekannte Japan antreten.

          „Mein Leben anders verlaufen“

          Der Athlet arbeitet damals als Dreher für ein Metallunternehmen in Schierstein, verdient 470 D-Mark im Monat. Er wächst mit zwei Schwestern auf. Als der Vater stirbt, ist er gerade zwölf. Sein Taschengeld erarbeitet sich Letzerich auf den Tennisplätzen im Nerotal als Balljunge.

          Mit 16 Jahren schließt er sich dem Sportverein Eintracht Wiesbaden an, eine Entscheidung mit Folgen: „Ohne den Sport wäre mein Leben anders verlaufen. Ich wurde selbstsicherer, reiste in ferne Länder und – am wichtigsten – lernte meine Frau Erika kennen.“ Die Sprinterin und der Hindernisläufer begegnen sich 1966 bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Hannover. Das Paar lebt heute im Wiesbadener Bezirk Heßloch, hat drei Enkel.

          Dem Laufsport bleibt der mittlerweile 80-Jährige auch nach seinem Karriereende treu. Als Trainer beim Deutschen Leichtathletik-Verband hat er mit Michael Karst, Gert Frähmcke und Willi Maier gleich drei Läufer von internationalem Format unter seinen Fittichen, die er zu den Spielen 1976 in Montreal begleitet.

          Manfred Letzerich ist bis heute rund 140.000 Kilometer gelaufen, knapp viermal um die Erde. Er hält sich fit beim Walking, fährt Fahrrad und hat seine Leidenschaft für die Malerei entdeckt. Der jungen Generation rät er: „Jeder Mensch sollte einmal Leistungssport treiben, egal wie weit er mit seinen Leistungen kommt. Denn in jedem Menschen steckt mehr Leistung, als er glaubt.“

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