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Motorsport : Schlachtfeld Le Mans

„Die Zuschauer hatten keine Chance” Bild: AP

Es war eine Tragödie, die den Motorsport bis heute geprägt hat: Vor 50 Jahren raste der Franzose Pierre Levegh mit seinem Mercedes 300 SLR beim berühmten 24-Stunden-Rennen von Le Mans in die Zuschauer. 82 Besucher kamen ums Leben.

          Das Rennen läuft weiter. Während die tollkühnen Männer draußen auf der Piste in ihren zerbrechlichen Kisten weiter ihr Leben riskieren, versuchen Ärzte, Sanitäter und Freiwillige verzweifelt, Leben zu retten. "Einige Meter entfernt schossen noch Flammen aus dem Tank des verunglückten Wagens", schildert ein leicht verletzter Fan den Agenturen. "Durch all das Chaos hindurch hörte man weiter die Rennwagen über die Bahn dröhnen und über den Lautsprecher Akkordeonmusik" (Siehe auch: "Das Leben hing am seidenen Faden").

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Selbst Alfred Neubauer hat sich das größte Unglück in der Geschichte des internationalen Motorsports nicht vorstellen können. Aber der gewichtige Rennleiter von Mercedes ahnte die Gefahr. Weil er Schwierigkeiten für die vielen Rennleiter mit der Zeichengebung an die 60 Piloten voraussieht, warnte er Le-Mans-Chef Faroux. "Wenn ein Fahrer ein Haltezeichen zu spät erkennt, plötzlich bremst und zu den Boxen ausscheren will, könnte es auf dieser schmalen Bahn zu einer Katastrophe kommen", erklärte Neubauer dem Franzosen (aus: Rowe/Neubauer: "Männer, Frauen und Motoren"). Faroux lehnt den Antrag des Deutschen, für sein Team einen Signalturm einen Kilometer vor den Boxen bauen zu lassen, ab: "Wir machen das nicht erst seit gestern hier", sagt der 81 Jahre alte Chef: "Es hat nie ein solches Unglück gegeben."

          Signale übersehen

          Auch am 11. Juni 1955 werden die Fahrer unmittelbar vor der Rennbahn hektisch zur Box gewinkt. Es gibt keine gesicherte Zufahrt. Der Brite Mike Hawthorn, behauptet Neubauer, soll die Signale zweimal übersehen haben, als er sich gegen 18.20 Uhr wieder der Anlage nähert. Der führende Engländer schießt mit etwa Tempo 220 an dem Austin mit Lance Macklin vorbei. Es ist eine Überrundung. Dann aber zieht Hawthorn - so die in Deutschland verbreitete Version - seinen Jaguar nach rechts zur Box und bremst. So heftig, daß Macklin beim Ausweichmanöver ins Schleudern gerät.

          Herumfliegende Trümmer verletzten die Fans tödlich

          Der hinter ihm liegende Mercedes mit Levegh am Steuer wird beim Auffahrunfall nach links weggedrückt und prallt gegen die Betonmauer vor den Stehplätzen, wo sich Hunderte Zuschauer neugierig drängen. Der Bolide schießt in die Höhe, wird dabei zerrissen, das Benzin explodiert. Levegh verbrennt. Die herumfliegenden Trümmer treffen die völlig überraschten Menschen. Sie haben keine Chance. "Die meisten Todesfälle", heißt es im "eigenen Drahtbericht" der F.A.Z. "wurden durch Kopfverletzungen verursacht."

          Levegh verbrennt

          Es war ein Rennunfall. Zu diesem Ergebnis kommt die Untersuchungskommission. Die Formulierung ist ein Freispruch für alle Beteiligten, verknüpft mit dem unausgesprochenen Hinweis, daß so etwas im "gefährlichen" Motorsport nun mal passieren kann. Hawthorn mußte nicht mehr erklären, warum er erst 80 Meter hinter seiner Box zum Halten kam. Weil er das Boxensignal endlich gesehen hatte und doch noch schnell abbiegen wollte? Andernfalls wäre das Überholmanöver sinnlos gewesen - wer setzt schon zur Überrundung an, wenn er weiß, daß er kurz darauf zum Nachtanken anhält?

          Angeblich hat sich der Pilot schwere Vorwürfe gemacht und diese dem Mercedes-Star Juan Manuel Fangio in seiner Fahrpause hinter den Boxen gestanden. Später wollte er davon nichts mehr wissen. Ein Amateurfilm stützt die Aussage, das Überholmanöver sei ordentlich abgeschlossen worden. Hat also Hintermann Macklin überreagiert und eine fatale Kettenreaktion ausgelöst?

          Unklare Schuldfrage

          Die von Anfang an unklare Schuldfrage verhindert eine angemessene Reaktion. Neubauer hatte auf Anregung seines Pressechefs sofort abbrechen wollen. Aber Le-Mans-Rennleiter Faroux erinnerte ihn an die "internationalen Gepflogenheiten" und warnte vor den Folgen: Wenn 200.000 Zuschauer die Strecke verließen, würden die Straßen verstopft und die Rettung der Verletzten behindert. Aber es gibt noch einen anderen Grund, im Rennen zu bleiben. Jaguar schließt einen Rückzug sofort aus. Mercedes, fürchtet Neubauer deshalb, würde mit einem Alleingang eine Schuld eingestehen.

          Auf den ersten Blick hat schließlich ein Mercedes das Unheil angerichtet. Erst um zwanzig vor zwei in der Nacht läßt der Boss nach stundenlanger Absprache mit der Unternehmensführung "als Zeichen der Trauer für die Opfer des Schicksals" die Stuttgarter Renner anhalten und einpacken. Längst sind die Straßen frei von Ambulanzen. Jaguar übernimmt die Führung und erreicht 21 Stunden und etwa vierzig Minuten nach dem Unfall das Ziel. Der Sieger lächelt auf den Fotos: Es ist Mike Hawthorn.

          „Er war mein Lebensretter“

          Eine Woche später schon trifft sich die Rennfahrer-Elite beim Formel-1-Rennen in Holland. Alle Größen sind dabei. Hawthorn fährt für Ferrari. Doch vier andere Grand Prix werden abgesagt. Die Regierung der Schweiz beschließt, große Rennveranstaltungen zu verbieten. Bis heute. Auch Mercedes macht einen Schnitt. Das Kapitel Motorsport wird für mehr als drei Jahrzehnte geschlossen. Die Katastrophe von Le Mans war aber nicht der Anlaß für den Rückzug. Laut den Vorstandsprotokollen ist das Ende des Formel-1-Engagements schon vorher beschlossen worden - aus wirtschaftlichen Gründen.

          Das Unglück von Le Mans bestärkte die Direktoren nur, nun auch an Sportwagenrennen nicht mehr teilzunehmen. "Le Mans als Ausstiegsgrund anzuführen ist also nur eine Teilwahrheit", sagt Dr. Harry Niemann vom Mercedes-Benz-Archiv. Ganz und gar wahr aber soll die kurze Heldengeschichte des armen Levegh sein. Im Angesicht des Todes hat der Fünfzigjährige - bei Tempo 220 - angeblich den Arm gehoben. "Er war mein Lebensretter", behauptete Fangio vierzig Jahre lang: "Hätte er mir nicht das Bremszeichen gegeben, wäre auch ich in das Gewirr der Wagen hineingeraten."

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