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Motorrad : Die rote Welle

  • -Aktualisiert am

Rot wie Ferrari, schnell wie der Blitz: Das tolle Comeback von Ducati versetzt tutta l'Italia in Schwingung und macht Hoffnung auf große Titel in der Weltmeisterschaft.

          Italien, das ist das Land, wo im Motorradsport die Träume blühen. Die Italiener haben Valentino Rossi, einen Jahrhundertfahrer, der die Königsklasse der WM-Serie beherrscht wie Michael Schumacher die Formel 1 und trotzdem ein schräger Vogel geblieben ist. Sie haben den spitzbärtigen Max Biaggi, eine Primadonna mit beinahe krankhafter Erfolgssucht. Sie haben Marco Melandri, einen Jungspund, der schon Weltmeister war, bevor er überhaupt einen Führerschein hatte. Und sie haben mit Aprilia einen Motorradhersteller, der seit Jahren mit großem Erfolg Rennmaschinen baut. Und trotzdem, irgend etwas hat der italienischen Motorradszene bislang noch gefehlt: etwas, das tutta l'Italia in Schwingung versetzt - wie Ferrari in der Formel 1.
          Jetzt weiß man, was den Italienern gefehlt hat. Das gewisse Etwas trägt den Schriftzug Ducati. Es ist, wie Ferrari, von tiefem Rot. Es ist schnell wie der Blitz. Und es klingt wie ein Donner, dessen Grollen Grashalme vibrieren läßt.
          Seit Ducati in die Königsklasse zurückgekehrt ist, hat sich die Schlagzahl der WM nicht nur in Italien erhöht. 30 Jahre lang hatte sich die kleine Edelschmiede aus Bologna, einst ein Synonym für Rennsport, herausgehalten aus der prestigeträchtigsten Serie. Man baute für die kleine, aber feine Gemeinde der "Ducatisti" Straßenmotorräder, die ein Genuß für Augen und Ohren waren und wie ein Gegenentwurf zur stromlinienförmigen Massenware aus Japan daherkamen. Doch genauso legendär wie ihr sonorer Klang war auch die Unzuverlässigkeit dieser Schönheiten. Und deshalb kam der mächtige V-Twin-Motor, der die italienischen Maschinen antrieb, mit den Jahren ins Stottern. Mitte der neunziger Jahre war Ducati so gut wie am Ende. Dann übernahm das amerikanische Unternehmen Texas Pacific Group das Steuer - es war, wie man heute weiß, der Beginn einer erstaunlichen Erfolgsstory.
          Längst schreibt das einstige Auslaufmodell tiefschwarze Zahlen. Dennoch scheuten die Ducati-Lenker in Bologna lange den Einstieg in die Weltmeisterschaft. Die Zwei-Takt-Technologie, die in der WM-Serie seit langem den Ton angab, paßte einfach nicht zur Philosophie des Unternehmens. Statt dessen bewährte sich Ducati auf einem anderen Feld des Rennsports, der Superbike-Klasse für Maschinen, die auf Serienmodellen basieren. Erst mit der Zulassung großvolumiger Vier-Takttriebwerke in der bis dato auf 500 Kubikzentimeter begrenzten "Königsklasse" vor einem Jahr war die Zeit reif für die Rückkehr der Italiener. Nachdem die Entscheidung gefallen war, gingen sie in der Emilia Romagna aufs Ganze. Nur ein Jahr Zeit hatten sie, um eine völlig neu entwickelte Vier-Zylinder-Maschine aus dem Boden zu stampfen. Es sollte eine triumphale Rückkehr werden, auch wenn das viele in der Szene für ein Luftschloß hielten.
          Doch die Ingenieure aus Bologna schafften das schier Unmögliche. Als die "Desmosedici" - der Name steht für die desmodromisch genannte Art der Motorsteuerung und für 16 Ventile - im Winter erstmals zu Testfahrten auf den Rennstrecken in Südeuropa erschien, hielt die Szene den Atem an. "Wenn du dieses Ding anschaust, kannst du dir gar nicht vorstellen, daß es sich um eine Rennstrecke fahren läßt", spottete der frühere amerikanische Weltmeister Kenny Roberts jr. noch nach seiner ersten Begegnung mit der Ducati. Doch der Hohn verging den arrivierten Fahrern schnell. Auf den Geraden kamen die roten Renner so in Fahrt, daß die anderen Piloten von ihr nur das schlanke Hinterteil zu sehen bekamen. "Die müssen einen Ferrari-Motor eingebaut haben", sagte Roberts' Suzuki-Kollege John Hopkins. Wenig später brach der italienische Ducati-Pilot Loris Capirossi bei Testfahrten den Temporekord der Motorrad-WM - er katapultierte sich und sein Gefährt auf eine Geschwindigkeit von 328,2 Kilometern pro Stunde.
          Inzwischen hat die rote Welle den ganzen Rennzirkus erfaßt. "Ducati hat die WM in der Moto GP-Klasse auf ein höheres Niveau gehoben", sagte selbst Honda-Star Max Biaggi dem Fachblatt Motorsport aktuell. "Festival rosso" dichtete die italienische Tageszeitung Tuttosport vor vier Wochen beim Grand Prix von Spanien - dabei gab es nicht einmal Siege von Ducati zu beweihräuchern, sondern nur die Trainingsbestzeiten der beiden Piloten Loris Capirossi und Troy Bayliss. Da erscheint es nur eine Frage der Zeit, wann Ducati zum ersten Mal ein Rennen gewinnt. Womöglich schon an diesem Sonntag beim Grand Prix im toskanischen Mugello, dem ersten WM-Auftritt von Ducati in Italien seit 30 Jahren.
          Dort wird sich die Prominenz davon überzeugen können, daß bei Ducati auch die PR-Maschine im roten Bereich dreht. Mit Unterstützung eines großen Zigarettenherstellers leistet sich der Rennstall die edelste VIP-Lounge, die der Motorradrennsport bislang gesehen hat. Auch hier kommt der Ferrari auf zwei Rädern dem Vorbild Formel 1 nahe. Wer sich nicht vom Klang und vom Namen der Ducati betören läßt, könnte die Selbstdarstellung indes als skurril und mitunter großspurig empfinden. So werben die Italiener mit großflächigen Fotos, die die beiden Piloten Bayliss und Capirossi nackt im Reagenzglas zeigen, wie sie die Genesis der "Desmosedici" bestaunen. Das sieht ein bißchen affig aus, erfüllt aber offenbar seinen Zweck: dem Basteln am Mythos. Für Claudio Domenicali, den Manager des Rennstalls, ist die Sache ohnehin klar. "In der Motorrad-Welt gibt es nur zwei Marken: Ducati und Harley-Davidson", sagt er. "Der Rest sind Motorradhersteller."





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