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MotoGP : Bradl fährt um seine Zukunft

Verpokert: Stefan Bradl auf dem Sachsenring Bild: REUTERS

Der deutsche Motorradrennfahrer enttäuscht beim Heim-Grand-Prix auf dem Sachsenring. Am Ende erreicht er als Sechzehnter das Ziel. Der Sieger heißt wieder mal Marc Marquez.

          Zwanzig Minuten vor dem Start kam der Regen, aber er war genauso schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war. Stefan Bradl hatte kurz zum Himmel geschaut, dann ließ er die Trockenreifen auf seine Maschine ziehen. Ein Pokerspiel. Als die Ampel auf Rot schaltete, rollte er auf Startplatz drei, stand aber beinahe allein auf der Geraden. Fast all seine Gegner gingen aus der Boxengasse in den Großen Motorrad-Preis von Deutschland, weil sie nach der Einführungsrunde nochmals ihre Maschinen wechseln mussten, um ebenfalls auf Slicks ins Rennen zu gehen.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jubel auf den Tribünen, denn Bradl führte das Feld an - zumindest fünf Runden lang. Dann kamen die beiden Honda-Piloten Marc Márquez und Daniel Pedrosa angeschossen und zogen an ihm vorbei. Kurz danach folgten die beiden Yamaha-Fahrer Jorge Lorenzo und Valentino Rossi und dann die anderen. Bradl bekam zunehmend Probleme, am Ende blieb nur Platz 16, Márquez siegte zum neunten Mal im neunten Rennen der Saison.

          Was für eine Enttäuschung aus deutscher Sicht. Dabei ist der Name Bradl hierzulande noch immer so etwas wie ein Synonym für den Motorradrennsport: Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre war es Vater Helmut, der die Schlagzeilen bestimmte; seit beinahe zehn Jahren ist es nun sein Sohn Stefan, der in der Weltmeisterschaft in verschiedenen Klassen antritt. „Mir ist schon bewusst, was auf dem Spiel steht“, sagt der Vierundzwanzigjährige. Am Ende dieser Saison läuft sein Vertrag beim LCR-Honda-Team aus, in jedem Rennen fährt er deshalb nicht nur um Punkte, sondern auch um seine Zukunft. „Es ist eine verrückte Zeit in der Saison, es wird viel geschrieben und spekuliert. Es läuft jetzt eben ein Pokerspiel ab“, sagt Bradl. Ein Pokerspiel, bei dem es um Geld und Macht geht.

          Wieder mal ganz oben: der Spanier Marc Marquez

          Ein paar Tage vor dem Rennen steht Lucio Cecchinello im Fahrerlager am Sachsenring. Er ist ein kleiner und schmaler Italiener, der selbst einmal Motorradrennfahrer war. Heute gehört ihm das LCR-Team, er ist der Teamchef – und er würde Bradl gern behalten. Allerdings kann der Vierundvierzigjährige nicht allein entscheiden, wer bei ihm am Gashahn dreht. „Die Fahrerfrage muss von der obersten Etage abgenickt werden“, sagt Bradl. Von den Honda-Managern Shuhei Nakamoto und Livio Suppo. Beide beäugen die Leistungen Bradls in dieser Saison kritisch, weil der Mann aus Zahling in den vergangenen Wochen nicht konstant genug unterwegs war und wiederholt stürzte. „Ich gehe davon aus, dass ich auch im kommenden Jahr in der MotoGP fahre“, beteuert Bradl. Aber er sagt auch diesen Satz: „In diesem Geschäft kann so viel und so schnell etwas passieren, und plötzlich ist alles wieder ganz anders – deshalb muss man sehr vorsichtig sein.“

          In der Gesamtwertung liegt Bradl nach diesem Wochenende auf Rang neun. Dass er mit den großen Vier der Branche – mit den Werksfahrern Márquez, Pedrosa (beide Honda), Rossi und Lorenzo (beide Yamaha) - nicht dauerhaft würde mithalten können, war absehbar. Dass er aber in seinem zweiten Jahr in der MotoGP keinen Leistungssprung macht, hat viele Experten enttäuscht. Die meisten Fans aber sind froh, dass er da ist, dass einer der Ihren mit den großen Jungs um die Wette fährt.

          Rund 90.000 Menschen sind am Sonntag zum Rennen gekommen, der Große Preis von Deutschland ist das am besten besuchte Sportereignis der Republik. „Dieses Rennen ist ein absoluter Imagefaktor für uns“, sagt Oberbürgermeister Lars Kluge (CDU). Rund zwanzig Millionen Euro sollen pro Rennen in der Region umgesetzt werden. Zehntausende campen auf dem Ankerberg, der sich direkt neben der Strecke erhebt. Die Zelte stehen dort teilweise im Matsch, Musik wummert aus den Lautsprechern, dazu tanzen halbnackte Frauen und einige Männer machen Fotos, sie tragen T-Shirts mit Aufdrucken wie: „Sachsenring statt Ehering“.

          Valentino Rossi führt die Hitliste der Fans an

          Noch immer ist Valentino Rossi in der Fan-Hitliste die Nummer eins, gefolgt von Marc Márquez, Bradl führt die deutsche Rangliste an. Denn auch am Sachsenring blieben seinen Landsleuten nur Plätze im Mittelfeld - wenn überhaupt: Philipp Öttl wurde immerhin Zwölfter in der Moto3-Klasse, Marcel Schrötter kam in der Moto2-Klasse als Zwölfter ins Ziel, Sandro Cortese und Jonas Folger schieden aus. Durchschnitt - nicht mehr und nicht weniger. Doch schon vor diesem Grand-Prix-Wochenende sagt Bradl: „Wir können in Deutschland kein Mittelmaß gebrauchen.“ Das gilt auch für ihn.

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