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Motivation : Der Superstar-Effekt in der Ökonomie

  • -Aktualisiert am

Tiger Woods im Dienst Bild: AFP

Profigolfer spielen schlecht, wenn Superstar Tiger Woods an einem Turnier teilnimmt. Der Effekt lässt sich aufs Büro übertragen: Nichts ist weniger anspornend für Arbeitskräfte als die Anwesenheit desjenigen, der auf seinem Gebiet der Beste ist.

          3 Min.

          Wenn man wissen will, was Menschen anspornt, die einen Beruf ausüben, in dem die besten jedes Jahr mehr als ein Million Euro verdienen, kann man das über zwei Methoden herausfinden: Der Sozialwissenschaftler wird einen Fragebogen erarbeiten und damit möglichst viele kenntnisreiche Gesprächspartner ausforschen und anschließend die Gedanken aus den Antworten zu einer Theorie verarbeiten. Der Statistiker hingegen wirft den Computer an und kalkuliert das Netzwerk der vielen Parameter durch. Immer auf der Suche nach unentdeckten Zusammenhängen, die dem Menschen mit dem Fragebogen womöglich nie aufgefallen wären.

          Zu der zweiten Kategorie gehört die Kanadierin Jennifer Brown, die im vergangenen Jahr an der Universität in Berkeley/Kalifornien eine erstaunliche und stark beachtete Untersuchung abgeschlossen hat. Darin zeigt sie einerseits auf, dass die besten Profigolfer der Welt nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv schlechter spielen, wenn sich Tiger Woods im Teilnehmerfeld befindet. Und zwar um fast einen Schlag in jeder Runde (der exakte Wert beträgt 0,8).

          „Drückeberger siegen nie“

          Brown ermittelte gleichzeitig den ihrer Meinung nach entscheidenden Grund für dieses erstaunliche Phänomen: Die Gegner des Weltranglistenersten sind immer dann, wenn er bei einem Turnier mitmacht, sehr viel weniger motiviert, weil sie kaum eine Chance sehen, beim Kampf um die Siegprämie und die Preisgelder für die vorderen Plätze viel zu gewinnen. Und so gab die Forscherin ihrer Untersuchung den provokativen Titel: "Quitters Never Win" - Drückeberger siegen nie.

          Besonders interessant sind Browns Schlussfolgerungen dort, wo sie sich vom Golfplatz auf normale Wettbewerbssituationen in der Geschäftswelt übertragen lassen - zum Beispiel ganz konkret auf das System von Beförderungen. Also in jenem neuen Gebiet der Betriebswirtschaft, das mit dem Begriff Turnier-Theorie umrissen wird und wo man unter anderem eine Antwort auf die Frage sucht: Welche Beförderungsanreize sind sinnvoller? Und wie hilfreich sind enorme Lohnunterschiede zwischen einzelnen Hierarchiestufen?

          Die Gegner resignieren

          Turniertheoretiker kommen jedoch nicht unbedingt zu gleichen Ergebnissen. So war das Resultat einer Forschungsarbeit der beiden Bonner Betriebswirtschaftler Christian Grund und Christian Gürtler aus dem Fußball-Bundesliga-Alltag vor ein paar Jahren, dass die größere Risikobereitschaft und Lust an der Offensive - abgeleitet am Beispiel jenes Personals, das die Trainer im Laufe eines Spieles als Ersatz auf den Platz schicken - sich nicht auszahlt. Ihre Datenbasis? 306 Begegnungen mit 1682 Einwechslungen.

          Jennifer Brown zog hingegen aus ihren Zahlen die Erkenntnis, dass die Konkurrenten von Woods erst gar nicht auf Risiko setzen, sondern gleich resignieren. Sie nennt das den Superstar-Effekt, der ganz offensichtlich etwas ganz anderes erreicht als gedacht und geplant: Er verleitet die Konkurrenz nicht etwa dazu, sich mehr anzustrengen, um dem überragenden Vertreter der Zunft seine Grenzen aufzuzeigen, sondern er führt dazu, dass sich die Gegner weniger anstrengen. Ganz entgegen jener amerikanischen Volksweisheit, dass Wettkampf- und Wettbewerbssituation definitionsgemäß die Teilnehmer animieren, mehr Leistung zu bringen. Die Berechnungen von Jennifer Brown stellen diesen Gedanken eindeutig in Frage: "Die Präsenz eines Superstars im Wettkampf kann zu reduzierten Anstrengungen der Teilnehmer führen", schreibt die Wissenschaftlerin.

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