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Mittelblockerin Christiane Fürst : Volleyball und Herbert Wehner

Sechs Jahre Auslandserfahrung: Nationalspielerin Christiane Fürst Bild: picture alliance / dpa

Christiane Fürst hat in diesem Jahr rund um die Uhr gerackert und drei Titel gewonnen. Fehlt nur noch der EM-Sieg. Zum Abschluss der Vorrunde trifft sie mit dem deutschen Team an diesem Sonntag (18 Uhr) auf die Türkei.

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          Die Volleyball-Welt der Christiane Fürst sieht so aus: Zu Ligaspielen kommen bis zu 10.000 Zuschauer; im Fernsehen läuft regelmäßig Volleyball, Play-off-Spiele gibt es auf zwei großen Sendern zu sehen; die Topklubs haben einige der besten Spielerinnen der Welt unter Vertrag, dank Großsponsoren, die ihnen Millionenbudgets ermöglichen; und wenn Christiane Fürst in der Stadt unterwegs ist, wird sie von vielen als Volleyball-Größe erkannt - nicht wegen ihrer 1,93 Meter, sondern weil auch die Zeitungen an jedem Spieltag voll sind mit Volleyball.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Volleyball-Welt der Christiane Fürst ist kein Wunschtraum. Es gibt sie wirklich. In der Türkei. Nach drei Jahren in der italienischen Profiliga spielt die Dresdnerin nun seit 2010 in Istanbul, erst eine Saison bei Fenerbahce, seither für Vakifbank. Ihre Bekanntheit dort hat freilich besondere Gründe. Vakifbank Istanbul ist in der vergangenen Saison türkischer Meister geworden. Und türkischer Pokalsieger. Und Sieger der Champions League. Wenn man es genau nimmt, hat das Team, das von Bundestrainer Giovanni Guidetti betreut wird, 47 Spiele lang nicht verloren. Eine kaum fassbare Serie.

          Unter den Top 3 der Welt

          Wie geht das? „Wir haben praktisch acht Monate durchgearbeitet, haben immer hundert Prozent gegeben, in jedem Training, in jedem Spiel“, sagt Christiane Fürst. Acht Monate Vollgas, volle Kraft, volle Konzentration - das blieb nicht ohne Spuren. „Nach dem letzten Spiel“, sagt die 28 Jahre alte Mittelblockerin, „waren wir stehend k. o.“. Es musste vieles zusammenkommen für diese perfekte Saison, die richtige Mannschaft, die richtigen Trainer, die richtige Atmosphäre. „Der Verein stand immer voll hinter uns, hat uns sein Vertrauen geschenkt, auch wenn es mal nicht so lief“, sagt Christiane Fürst. „Das spürt man. Da möchte man was zurückgeben.“ Nun steht Christiane Fürst bei der Europameisterschaft im eigenen Land am Netz, diesmal für die Nationalmannschaft, wieder mit dem Trainer Guidetti. Es ist eine andere Volleyball-Welt, von der Außenwirkung her und auch sportlich gesehen. „Wir müssen jeden Sommer wieder von null anfangen, uns erst wieder zusammenfinden“, sagt sie.

          Die deutsche EM-Auswahl ist eine Mischung aus jungen und bereits turniergestählten Spielerinnen, und Christiane Fürst, die bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 und bei der EM 2011 jeweils zur besten Blockspielerin gekürt wurde, kommt dabei die Rolle zu, ihre Erfahrung, die Sicherheit, Souveränität und persönliche Reife, die sie in sechs Auslandsjahren erworben hat, an die Talente im Team weiterzugeben. Für den Bundestrainer zählt sie auf ihrer Position zu den Top 3 der Welt, im Blockspiel, sagt Guidetti, „ist sie die Beste. Sie ist körperlich sehr stark, spielt intelligent und ist unglaublich professionell. Sie ist fast nie zufrieden mit sich selbst, will jeden Tag besser werden.“ Und noch was bewundert der selbst zum Perfektionismus neigende Guidetti: „Es ist kaum zu glauben, wie sie es zwölf Monate im Jahr ohne Pause mit mir aushält.“

          Die letzte Krönung

          Mit einem EM-Sieg könnte Christiane Fürst nun ein sowieso schon unvergessliches Jahr krönen. Unvergesslich wegen des Triples, aber nicht nur deshalb - sie hat auch ihr Studium der Geschichte und Sprachwissenschaft abgeschlossen, vor kurzem kam die Note für die Magisterarbeit über Herbert Wehner und die Ostpolitik: 1,3. Ihr vierter Titel in dieser Saison. „Es war teilweise schon extrem“, beschreibt sie die Belastung in letzter Zeit. Aber groß rumjammern will sie deshalb auch nicht, andere Studenten müssten genauso viel büffeln, die Uni habe sie sehr unterstützt, und überhaupt habe das Studium jetzt ja auch fast zehn Jahre gedauert. In Zukunft würde sie gern noch ein bisschen Sprachen lernen, eventuell einen Master-Studiengang dranhängen.

          Christiane Fürst zählt auf dem Feld nicht zu den Lautsprechern, und abseits davon hält sie es nicht viel anders. Was sie erreicht hat, ist dennoch beeindruckend. Und die letzte Krönung? Der EM-Titel in Deutschland? „Natürlich ist das Finale in Berlin ein Traum von jedem“, sagt sie. „Aber es gibt viele Teams auf einem Niveau. Es wird viel von der Tagesform abhängen.“ So wie am Samstag, als die Deutschen vor 6500 Zuschauern nach dem 3:0 gegen Spanien tags zuvor 3:2 gegen die Niederlande gewannen. Zum Abschluss der Vorrunde treffen sie an diesem Sonntag auf einen Christiane Fürst bestens bekannten Gegner: die Türkei (18.00 Uhr/Sport 1) - mit sechs Triple-Kolleginnen von Vakifbank Istanbul.

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