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Mit Prothesen auf den Everest : „An den Füßen bekomme ich keine Frostbeulen“

  • Aktualisiert am

Mark Inglis 2006 am Mount Everest Bild: AP

Der Neuseeländer Mark Inglis hat den Mount Everest auf zwei Prothesen bezwungen. Doch als behinderten Bergsteiger sieht er sich nicht. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über seine umstrittene Expedition auf den Mount Everest und den Himalaja-Tourismus.

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          Der heute 47 Jahre alte Mark Inglis bestieg am 15. Mai vergangenen Jahres als erster beidseitig beinamputierter Mensch den Mount Everest. Inglis lebt in Neuseeland, ist verheiratet, hat drei Kinder, arbeitet auch als Winzer und gewann bei den Paralympics in Sydney 2000 eine Silbermedaille im Radfahren. Der Sender Premiere zeigt, beginnend am Sonntag (21.10 Uhr), auf dem Discovery Channel die sechsteilige Dokumentation „Everest“, die Inglis' Expedition nachzeichnet.

          Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über das Bergsteigen, seine Expedition auf den Mount Everest und den Himalaja-Tourismus.

          Herr Inglis, Sie standen vor einem Jahr als erster Mann auf zwei Kunststoffprothesen auf dem Mount Everest. Wie war's?
          Wir sahen zu, dass wir schleunigst wieder runterkamen: 38 Grad minus, nur die Wegwerfkamera funktionierte, und mein Sauerstoffgerät war defekt. Der Berg war einzigartig, aber das Herunterkommen furchtbar, weil meine Prothesen nicht richtig griffen. Ich habe mir dabei meine Stümpfe ruiniert, die Knochen schauten aus dem rohen Fleisch heraus.

          Wie kamen Sie bis ins Tal?
          Von Camp 2 bis zum Advanced Basecamp bin ich auf dem Hosenboden gerutscht. Von dort an bin ich auf einem Yak-Ochsen geritten. Dann das tagelange Warten an der Grenze, die Fahrt im Jeep, Herumsitzen in nassen Absteigen - meine Stümpfe waren so ruiniert, dass ich nach der Rückkehr unters Messer musste und drei Zentimeter abgenommen wurden. Zusammen mit vier Fingern, die erfroren waren.

          Mark Inglis war der erste doppelt Amputierte, der den höchsten Berg der Welt bezwang

          Kamen da Erinnerungen an das Drama vor 25 Jahren hoch, als sie 14 Tage während eines Sturms mit ihrem Kletterpartner in einer Eishöhle auf Neuseelands höchstem Berg lagen und danach Ihre erfrorenen Beine unterm Knie abgetrennt werden mussten?
          Von der Zeit auf Mount Cook war ich traumatisiert. Ich hatte eine Lungeninfektion, dämmerte im Delirium und verlor 40 Prozent meines Körpergewichts. Diesmal habe ich vor allem Wut gespürt: auf den Schmerz und auf alles, was schiefging. Dass die Beine ein Stück kürzer wurden, ist halb so schlimm - sie waren ja bereits ab. Zumindest bekomme ich keine Frostbeulen mehr an den Füßen.

          Während Sie im Krankenhaus lagen, wurden Sie kritisiert, weil Ihr Team an dem sterbenden Engländer David Sharp vorbei geklettert war.
          Niemand konnte Sharp in der Todeszone auf einer Höhe von 8500 Metern retten. Er war bereits im Koma. Mit einer Bergung - die übrigens die Entscheidung unseres Führers gewesen wäre - hätten wir uns selbst in Lebensgefahr gebracht. Ich kannte Sharp nicht und erfuhr erst fünf Tage später, wer er überhaupt war.

          Niemandem der 40 Menschen, die an dem Morgen über den Halbtoten stiegen, hat man solche Vorwürfe gemacht wie Ihnen.
          Was die Absurdität zeigt: Ausgerechnet ich, der am schlechtesten zu Fuß war, hätte jemanden hinunterschleppen sollen?

          Auch Edmund Hillary, der Erstbesteiger des Everest, kommentierte Ihre Aktion: "Ein Menschenleben ist weit wichtiger, als auf die Spitze eines Berges zu kommen." Hat Sie das getroffen?
          Bei allem Respekt vor Sir Ed - aber er war nicht dabei. Ich kann mir aber vorstellen, wie so ein Kommentar zustande kommt, seit ich die Medien kenne.

          Einbeinige, Einäugige, Blinde - welcher absurde Behindertenrekord muss am Everest noch gebrochen werden?
          Im Rollstuhl wird man dort niemanden hochschieben können. Doch solange man sich selber bewegen kann - was ist daran verkehrt? Ich bin nicht aufgestiegen, weil ich Amputierter bin, sondern weil das schon immer mein Traum war, als ich noch Beine hatte - seit ich zwölf war. Die Operation hat mich nur um ein paar Jahre zurückgeworfen. Ich sehe mich nicht als behinderten Bergsteiger. Und genau daran haben einige der anderen Kollegen zu knabbern: Dass ich ohne Beine weiter komme als sie. Als ob meine Behinderung ihre Leistung schmälern würde.

          Viele Himalaja-Kenner beklagen sich über die Kommerzialisierung der Everest-Expeditionen.
          Nicht die Kommerzialisierung ist das Problem, sondern die Unprofessionalität mancher Teams. Ich habe 50 000 Dollar bezahlt, denn ich wollte zwei Sherpas bei mir haben und sicher sein. Andere zahlen nur 8000 Dollar bis zum Basislager und versuchen es dann im Alleingang. Das ist unverantwortlich, denn andere riskieren ihr Leben, wenn diese Leute Probleme bekommen. Daher bin ich auch wütend auf David Sharp, so leid es mir um ihn tut.

          Er stieg sogar ohne Sauerstoffflaschen hoch . . .
          . . . und das haben bisher nur 80 oder 100 Menschen geschafft.

          Die Todesrate am Everest liegt bei einem Opfer pro 14 Gipfelbesteigungen. Sind da touristische Ausflüge nicht makaber?
          Beim Everest ist man ganz auf seine eigenen Kräfte angewiesen. Es ist die ultimative Herausforderung. Das hat sich seit Edmund Hillarys Erstaufstieg 1953 nicht geändert. Die Stiefel sind besser und die Sauerstoffflaschen leichter, das ist alles. Der einzige Unterschied ist, dass dort oben mehr Leute sind.

          Etwa 600 Menschen warten zur Zeit im Hochlager Advanced Basecamp auf den Gipfelsturm. Zu viele?
          Sicher. Viele von ihnen sollten dort nicht sein, denn sie sind nicht von Natur aus Bergsteiger, wie ich das mein Leben lang war, sondern haben einzig den Everest als Ziel. Aber wer kann ihnen den Aufstieg verbieten? So einen Berg kann man nicht absperren. Die Leute finden einen Weg, dort hochzukommen. Anarchie ist die Natur des Bergsteigens.

          Sie haben sich in Ihrer Heimat Neuseeland als Prominenter vermarktet. Sie haben sich im Himalaja filmen lassen und auch im Jahr 2002, als sie schließlich doch noch auf den Gipfel des Mount Cook gelangten. Dass sie den Weg nach unten im Hubschrauber zurücklegten, nehmen Ihnen viele Bergsteiger übel.
          Das war ein großer Fehler. Aber wir hatten schon einiges an Strecke zurückgelegt, als man uns anbot mitzufliegen. So viele Hubschrauber am Berg - das stieß einigen übel auf.

          Haben Sie aus den missglückten Medienspektakeln nichts gelernt?
          Das nächste Mal werde ich selber Regie führen! Ich hasse es, nicht die Kontrolle über alles zu haben.

          Warum kehren Sie jetzt in den Himalaja zurück?
          Weil ich dort amputierten Nepalesen mit Prothesen und Spenden helfe und mich mit Hilfe einer Stiftung um die Entwicklung eines unbemannten Rettungshubschraubers kümmere, der in diesem Jahr zum ersten Mal fliegen soll. Er ist wesentlich leichter als herkömmliche Hubschrauber und kann daher in Höhen von 8000 Meter hinauf. Damit sollte sich die Zahl der Toten auf dem Everest verringern lassen.

          Warum opfert man eigentlich für einen Abenteuersport seine Beine?
          Ich habe mir nicht ausgesucht, sie zu verlieren. Es war ein Unfall. Ich hätte sie gerne zurück. Aber da sie nicht nachwachsen, habe ich das Beste daraus gemacht. Zwischen einer Hand mit intakten Fingern und einer, der vier halbe Finger fehlen, liegen ganze zwei Monate. So schnell gewöhnt man sich daran - auch wenn mir noch immer die Olivenölflasche aus der Hand rutscht. Klavierspielen werde ich wohl nicht mehr lernen.

          Gibt es sonst etwas, was Sie noch nicht können?
          Schwimmen. Ich hatte immer Angst vor dem Wasser.

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