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Missbrauchsskandal im Turnen : „Eine massive Vertuschung“

„Beleidigend“: Aly Raisman macht sich für die Opfer stark. Bild: AP

Opfer des Missbrauchsskandals im amerikanischen Turnen wollen verhindern, dass der Verband sich freikauft. Prominente Athletinnen äußern nun deutliche Kritik.

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          Jahrelang haben sie geschwiegen. Aber längst erheben die amerikanischen Turnerinnen, die Opfer des monumentalen Missbrauchsskandals auch unter dem Dach des nationalen Verbandes USA Gymnastics wurden, unüberhörbar ihre Stimmen. Vor wenigen Tagen erst schoss Aly Raisman, zweifache Olympiasiegerin von London 2012, wieder scharf gegen den Verband. Dessen Angebot, die Hunderte von Opfern mit insgesamt 215 Millionen Dollar (193 Millionen Euro) zu entschädigen, bezeichnete die 25 Jahre alte Sportlerin als „beleidigend“. In einem Interview der NBC-Sendung „Today“ sagte sie, dieses Angebot zeige, dass dem Verband die Opfer egal seien. „Sie versuchen einfach, alles unter den Teppich zu kehren, und hoffen, dass die Leute alles vergessen, wenn sie diesen Sommer die Olympischen Spiele schauen.“ Auf Twitter ergänzte sie: „Dies ist eine massive Vertuschung.“

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Die „Washington Post“ hatte zuvor über Details aus dem Angebot berichtet, das USA Gymnastics Ende Januar vorgelegt hatte und das die Opfer-Anwälte umgehend zurückwiesen. Hauptsächlich kritisieren die prominenten Turnerinnen, dass der Vorschlag die Verbandsfunktionäre aus der Haftung entlassen wolle, darunter den ehemaligen Verbandspräsidenten Steve Penny und das Trainer-Paar Martha und Bela Karolyi, auf deren Ranch in Texas der langjährige Verbandsarzt Larry Nassar sein Unwesen treiben konnte. Dort wurde unter anderen Simone Biles sein Opfer, die Athletin, die zum großen Star der Olympischen Spiele im Sommer in Tokio werden könnte. Nassar wurde für den Missbrauch zum Teil minderjähriger Turnerinnen zu bis zu 175 Jahren Gefängnis verurteilt.

          Irritation durch Vier-Stufen-Plan

          Biles kommentierte das Thema am vergangenen Samstag per Twitter. „Ich will immer noch Antworten von USAG und USOPC“, erklärte sie in Richtung des Verbandes und des Nationalen Olympischen Komitees. Und in einem weiteren Tweet: „Wollen Sie nicht auch wissen, wie es kam, dass all das zugelassen wurde und wer es zugelassen hat, damit es nie wieder passiert? Sollten nicht Leute zur Verantwortung gezogen werden?“ Und Rachel Denhollander, die junge Frau, die den Skandal in Zusammenarbeit mit der Zeitung „Indianapolis Star“ aufdeckte, ergänzte: „Sponsoren dieser Organisationen müssen wissen, dass das Schlimmste, was sie den Überlebenden, den Athleten und der nächsten Generation antun können, darin besteht, diese kaputten Organisationen am Leben zu halten.“

          Um sich selbst zu schützen, hatte USA Gymnastics im Dezember 2018 ein Insolvenzverfahren beantragt. Mit ihrem Angebot an die Opfer verbanden die Funktionäre die Hoffnung, die Affäre rechtzeitig vor Tokio zu Ende zu bringen, um mit neuem Glanz um verlorengegangene Sponsoren werben zu können. Doch die Einigung ist angesichts der Inhalte in die Ferne gerückt. USA Gymnastics betont, genug für die Aufklärung zu tun, und beruft sich auf Vertraulichkeitsgebote.

          Irritation löste auch ein im Angebot enthaltenes Vier-Stufen-System der Entschädigung aus, das sich nach der Leistungsklasse und dem Umfeld richten soll, in dem ein Missbrauch passierte. Höchster Entschädigungsgrad mit 1,25 Millionen Dollar (1,12 Millionen Euro) würde dabei Sportlerinnen eingeräumt, die zum Beispiel bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften missbraucht wurden.

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