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Missbrauch im Sport : Vertuschen und verschweigen

Tatort Sportverein: „Wir brauchen endlich einen Verhaltenskodex” Bild: © Latin Stock Collection/Corbis

Macht und Nähe: Der Sport hat auf Täter eine besonders anziehende Wirkung. Sexueller Missbrauch ist verbreiteter als gedacht. Oft werden die Opfer alleingelassen. Aufklärungsarbeit der Vereine und Verbände ist mangelhaft.

          Wolfgang D. galt als engagierter Sportsmann. Er war Nachwuchstrainer und Betreuer des örtlichen Judoklubs in Passau und bei Auswärtsturnieren immer gerne bereit, die Kinder zu fahren. „Ein wirklich hilfsbereiter Mensch“, wie es im Verein hieß. Ein schwerwiegender Irrtum mit schockierenden Folgen: Der Übungsleiter steht für einen der gravierendsten Fälle von sexuellem Missbrauch im Sport.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Weil er sich innerhalb von 15 Jahren in 211 nachgewiesenen Fällen an acht Jungen und einem Mädchen verging, wurde er im Januar zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Obwohl bereits lange zuvor durch frühere Ermittlungsverfahren und eine Bewährungsstrafe klare Anhaltspunkte vorlagen, wurde er dennoch vom Verein weiter als Judotrainer für die Kinder eingesetzt. Der Vorsitzende Richter sprach bei seiner Anklage nur von einer „Spitze des Eisbergs“.

          Auch der Sport wird sich der Diskussion über sexuellen Missbrauch und die Kultur des Wegschauens stellen müssen. Während es derzeit bei der Kirche und in verschiedenen Schulorganisationen Tag für Tag zu neuen Enthüllungen kommt, werden mehr Lebensbereiche der Gesellschaft durchleuchtet. Dabei gehen Experten im Sport sogar von höheren Fallzahlen aus.

          „In unserer Arbeit mit Opfern wird dieser Bereich wesentlich häufiger genannt als der Missbrauch in der Kirche“, sagt Ursula Enders. Sie ist Mitbegründerin von „Zartbitter“, der in Köln ansässigen ersten Opferorganisation in Deutschland für missbrauchte Jungen und Mädchen, und gehörte beim Weltkongress gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern schon zur deutschen Regierungsdelegation.

          „Das Ausmaß ist größer als bekannt“

          Ihre Einschätzung wird von anderen Organisationen, in denen sich Missbrauchsopfer zusammengetan haben, geteilt. „Das Ausmaß ist größer als bekannt“, sagt Ingo Fock vom bundesweit tätigen Verein gegen Missbrauch. „Aber Sportvereine und Sportverbände tun oft noch so, als ob bei ihnen nichts passieren würde. Die Opfer oder Eltern von betroffenen Kindern stehen diesen Institutionen dann meist hilflos gegenüber, weil das Thema totgeschwiegen wird.“

          Gesicherte Zahlen über Missbrauchsfälle im Sport liegen nicht vor. Relevante Untersuchungen besagen, dass, auf die Gesamtpopulation bezogen, jedes vierte Mädchen und jeder elfte Junge vor dem 18. Lebensjahr sexuell missbraucht wird. Das Bundeskriminalamt registrierte im vergangenen Jahr insgesamt 16.000 Missbrauchsfälle, woraus Experten eine Dunkelziffer von rund 280.000 Fällen ableiten.

          „Der Sport ist besonders betroffen“

          27 Millionen Menschen sind Mitglieder in deutschen Sportvereinen, fünf Millionen davon Kinder bis 14 Jahre. Der Sport ist ein riesiges Betätigungsfeld und soll auf Täter eine besonders anziehende Wirkung haben. Ursula Enders berichtet von Pädosexuellen, die als gut vernetzte Seilschaften Vereine geradezu ausguckten für ihre Taten.

          „Der Sport ist besonders betroffen, weil es oft zu engen körperlichen Kontakten – zum Beispiel bei Hilfestellungen – kommt. Es gibt gemeinsame Fahrten oder Trainingslager, und der Übungsleiter verfügt über eine besondere Machtposition“, sagt Ursula Enders. Zudem übernähmen Vereinsmitglieder auch ohne pädagogische Vorbildung oder Überprüfung schnell Aufgaben. Schon ein polizeiliches Führungszeugnis könne da weiterhelfen. Ein Drittel der Täter sind inzwischen Jugendliche unter 18 Jahren.

          Fall Karel Fajfr sorgte für Aufsehen

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