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Missbrauch im Sport : Hört endlich zu!

Zu viel Körperkontakt? Hinsehen, wenn einem etwas „komisch“ vorkommt. (Symbolbild) Bild: REUTERS

Sexueller Missbrauch im Sport wird tabuisiert. Es wird immer noch nicht genug zugehört. Das liegt auch daran, dass Erfolg mit etwas verknüpft ist, für das viele blind sind.

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          Im Sport geht es um Erfolg. Aber wo Erfolg ist, da geht es auch um Macht. Um Macht von Funktionären, Verbänden, Trainern. Das Problem ist, dass die Mächtigen meist die Trainer sind und die, die auf sie angewiesen sind, Kinder und Jugendliche. Die Geschichte der Abhängigkeitsverhältnisse ist lange bekannt. Aber an der Struktur des Sports hat sich wenig geändert. Er erleichtert sexuellen Missbrauch, damals wie heute.

          Wie kann es sein, dass ein Bewusstsein für diese Machtverhältnisse immer noch nicht so ausgeprägt ist, wie es sein müsste? Und dass denen, die sich trauen, über Finger an Stellen, wo sie nicht hingehören, und über unangemessene Worte zu sprechen, nicht oder nicht ausreichend zugehört wird? Dass ihre Schmerzen heruntergespielt werden, ihnen gesagt wird: ,Ach, stell dich mal nicht so an, das hast du sicher falsch verstanden.‘ Zurück bleiben verletzte Seelen von Kindern, die erwachsen werden und die fremden Finger und verletzenden Worte noch Jahrzehnte spüren.

          Erschreckendes Bild

          Zuhören ist einfach. Aber wenn den von sexuellem Missbrauch Betroffenen ernsthaft und aufmerksam begegnet wird, dann ergibt sich beim guten Zuhören mitunter ein erschreckendes Bild: dass häufig mehrere Personen beteiligt waren an der Anbahnung eines Missbrauchs. Es war vielleicht der andere Trainer, der etwas geahnt hat, aber schwieg. Vielleicht der Vater oder eine Mutter, die mal etwas „Komisches“ mitbekommen haben, aber verdrängten. Und es gab vielleicht auch andere Mächtige, die den einen Täter schützten. Dahinterzuschauen, die Kraft dafür aufzubringen ist schwer. Aber es muss sein. Noch immer wollen das in Vereinen und Verbänden viel zu wenige.

          Von 2014 bis 2017 wurden für die Studie „Safe Sport“ 1799 Kader-Athleten befragt. Eines der zentralen Ergebnisse: Etwa ein Drittel der befragten Athleten und Athletinnen hat schon einmal sexualisierte Gewalt im Sport erlebt. Einer von neun Befragten hat schwere und/oder länger andauernde sexualisierte Gewalt erfahren. Umso mehr gilt es, überall dort hinzuschauen, wo es um Körperkontakt geht. Und mitzubekommen, was in Umkleiden, Sporthallen oder Saunen von Vereinen passiert.

          Dazu müssen vertrauensvolle, kompetente Personen in Vereinen gefunden werden, an die sich Betroffene wenden können, die ihre Andeutungen erkennen, ernst nehmen und sich fragen: Wie ermögliche ich es Kindern, über das Erlebte zu sprechen? Wie gehe ich mit einem Kind um, das sexuellen Missbrauch erlebt hat? Wie bekommt es wieder ein Gefühl von Sicherheit? Die Verantwortlichen in den Vereinen müssen sich zudem der Macht von Trainern bewusst sein.

          Alle müssen verstehen, dass Missbrauch auch Teil ihres Vereinslebens sein kann, auch wenn auf den ersten Blick nichts auf eine gewaltige Störung hinter den Kulissen der „heilen Welt“ hindeutet. In den Vereinen, die sich häufig als große Familien verstehen, ist die Scham der Betroffenen, sich anzuvertrauen, noch größer als in vergleichsweise anonymen Institutionen. Sie wollen, das wird immer wieder geschildert, niemandem schaden, den sie kennen. Sie bleiben am Ende stumm, allein mit ihrem Schmerz und fliehen aus einer Gemeinschaft, die vorgibt, sie zu schützen. Vereine müssen dafür sorgen, dass nicht die Opfer den Sport verlassen, sondern die Täter.

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