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Missbrauch im Turnen : „Einige Dinge waren extrem schmerzhaft“

  • -Aktualisiert am

„Erzogen worden, den Mund zu halten“: Gabby Douglas. Bild: Reuters

Es ist der größte Missbrauchsskandal im amerikanischen Turnen. Die Aussagen der Betroffenen schlagen hohe Wellen. Nun äußert sich auch der beschuldigte Teamarzt zu den schlimmen Vorwürfen.

          „Es tut mir schrecklich leid“, sagte der ehemalige Teamarzt der amerikanischen Turnerinnen Larry Nassar am Mittwoch vor einem Gericht in Michigan. In sieben Fällen bekannte er sich sexueller Übergriffe schuldig – Übergriffe auf Minderjährige, die zum Teil noch keine 13 Jahre alt waren. „Ich bete jeden Tag den Rosenkranz“, sagte er in seinem kurzen Statement und auch, man müsse jetzt nach vorne schauen.

          Vor wenigen Tagen hatte sich auch die Mehrkampf-Olympiasiegerin von 2012 Gabby Douglas im größten Missbrauchsskandal des amerikanischen Turnens als Opfer von Nassar bekannt. „Als würde man sagen, dass es wegen der Turnanzüge unsere Schuld war, dass wir von Larry Nassar missbraucht worden sind“, schrieb Douglas auf Instagram und fügte hinzu, sie habe ihre Erlebnisse „bislang nicht öffentlich gemacht, weil wir über Jahre erzogen worden sind, den Mund zu halten. Und einige Dinge waren extrem schmerzhaft.“

          Zunächst hatte Gabby Douglas viel Unmut auf sich gezogen, als sie twitterte, es sei „die Verantwortung der Frauen, sich bescheiden zu kleiden“. Aly Raisman, ebenfalls dreifache Olympiasiegerin und Kapitänin der siegreichen Teams von 2012 und 2016 hatte vor zwei Wochen erklärt, Nassar habe sie als Fünfzehnjährige missbraucht. Sie wiederum war McKayla Maroneys Beispiel gefolgt, die Mitte Oktober im Zuge der MeToo-Kampagne per Twitter an die Öffentlichkeit gegangen war. Maroney, ebenfalls Olympiasiegerin 2012, schrieb, der Arzt habe sie erstmals als Dreizehnjährige bei einem Trainingscamp des Nationalteams „behandelt“ und dies immer wieder getan, auch kurz vor Wettkämpfen.

          Die Statements der drei in den Vereinigten Staaten berühmten Olympiasiegerinnen schlagen nun hohe Wellen, obschon die Geschichte seit mehr als einem Jahr im Detail bekannt ist. Die Zeitung Indystar, ebenso wie der mächtige amerikanische Turnverband (USAG) in Indianapolis ansässig, berichtete im August 2016, der Verband habe zahlreiche ihm vorliegende Informationen über sexuelle Übergriffe von Trainern nicht weiter verfolgt. Daraufhin erstatteten Rachael Denhollander sowie eine Olympia-Medaillengewinnerin, deren Name anonym blieb, in Kalifornien Anzeige gegen Nassar. Der 54-Jährige war verantwortlicher Teamarzt über vier olympische Zyklen. Bekannt wurde er, als er bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 die verletzt zum Sprung angetretene Kerry Strug in der Halle verarztet hatte.

          please hear my heart

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          Denhollander, die es als Turnerin nie in die Spitze geschafft hatte, ging als Erste an die Öffentlichkeit. Sie erzählte, Nassar habe im Jahr 2000 bei einer Massage zur Behandlung von Rückenschmerzen seine Hand ohne Handschuhe in ihre Vagina geschoben. Ihre Mutter sei bei der Behandlung anwesend gewesen, doch Nasser habe so im Raum gestanden, dass diese nichts sehen konnte. Denhollander erklärt, sie habe damals als Fünfzehnjährige gedacht: „Wenn hier irgendwas falsch läuft, dann würde meine Mutter ja eingreifen“. Nassar stritt zunächst alles ab, dann erklärten seine Anwälte, ihr Mandant habe nie bestritten, „medizinische Techniken zu benutzen, welche die vaginale Penetration einschließen“. In kürzester Zeit meldeten sich Dutzende ehemalige Turnerinnen und legten auch vor Gericht Zeugnis über Nassars „Behandlungen“ ab.

          Der Verband hatte Nassar stillschweigend im September 2015 von allen Pflichten entbunden, nach eigener Pressemitteilung „sofort“, nachdem intern Anschuldigungen aufgekommen seien. Verbandspräsident Steve Penny, der Nassars Bedeutung für das amerikanische Turnen in der Vergangenheit nicht selten lobend hervorgehoben hatte, trat im März 2017 zurück. Der Verband engagierte die ehemalige Staatsanwältin Deborah Daniels zur Aufklärung der Vorfälle und Erarbeitung neuer Richtlinien, die seit Juni vorliegen. Bei der WM im Oktober in Montreal sagte der neue Cheftrainer Valeri Liukin zu diesem Thema nur: „Es ist eine sehr schwierige Zeit, für uns alle, aber wir arbeiten uns da durch.“ Aus der amerikanischen Delegation war niemand zu einem Interview bereit. Anfang Dezember wird mit der Sportmarketing-Expertin Kerry J. Perry eine Frau die Führung des Verbandes übernehmen. Nassar erwartet schon Anfang Dezember ein Urteil in einem Verfahren zum Besitz kinderpornographischen Materials. Das Urteil in Michigan wird für Mitte Januar erwartet, weitere Verfahren in anderen Bundesstaaten laufen.

          Teamarzt Larry Nassar (Mitte) am Mittwoch vor Gericht im amerikanischen Lansing.

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