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Millionen-Turnier in Madrid : „Das ist der Taj Mahal des Tennis“

  • -Aktualisiert am

Das Zugpferd ist unzufrieden: Rafael Nadal hielt mit seiner Kritik am Madrider Turnier nicht hinter dem Berg Bild: AFP

Bescheidenheit ist nicht seine Sache: Sein Turnier in Madrid hält Ion Tiriac schlicht für das beste der Welt. Doch die „Caja Magica“, 180 Millionen Euro teuer, wirkt leblos und steril. Zudem kritisiert ausgerechnet Rafael Nadal das neue Millionenevent auf der ATP-Tour heftig.

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          Das weiße Golfcar, mit dem eigentlich Golfspieler von Loch zu Loch chauffiert werden, ist extra für ihn reserviert: „Mr. Ion Tiriac“ steht auf einem Zettel, der hinter der Windschutzscheibe klebt. Die Wege sind mitunter lang, hier in der „Caja Magica“, der Zauberdose am Stadtrand von Madrid, in der laut Eigenwerbung die Zukunft des Tennis begonnen hat.

          Möglich gemacht hat das alles er: Impresario Ion Tiriac, Ex-Profi, Ex-Manager von Boris Becker, Ex-Turniermacher in Frankfurt, Hannover und Stuttgart - auch wenn er beteuert, nur fünf Prozent seiner Zeit in den letzten Jahren für das neue Großturnier geopfert zu haben, bei dem Damen und Herren parallel antreten. Genauso wie bei den Grand-Slam-Turnieren. Das ist die Liga von Ion Tiriac, darunter macht er es nicht mehr.

          Spanien ist der wichtigste Markt in Europa

          Deutschland wandte er den Rücken zu, als der Tennismarkt ihm zu wenig Rendite einbrachte. 2002 verkaufte Tiriac sein Stuttgarter Hallenevent nach Madrid. 2008 entzog die ATP dem Hamburger Traditionsturnier den Masters-Status, weil der Standort nicht mehr lukrativ war: kein Titelsponsor, zu geringe Fernsehzeiten, zu schlechte lokale Spieler. Jetzt hat Madrid den Masters-Status und darf sich 1000er Turnier mit einem Gesamtpreisgeld von 7,2 Millionen Euro nennen.

          Madrid steht kopf: Spanien ist der wichtigste Tennismarkt Europas - nun hat die Hauptstadt ein entsprechend wichtiges Turnier

          „Es wurde höchste Zeit, dass wir solch ein Turnier bekommen“, kommentiert Albert Costa, spanischer Davis-Cup-Coach, den Wechsel nach Madrid. Tatsächlich ist Spanien in Europa zum wichtigsten Tennismarkt aufgestiegen. Das Zugpferd für diese Entwicklung ist natürlich Rafael Nadal, 22 Jahre alt, sechsfacher Grand-Slam-Sieger und Weltranglistenerster.

          Der Bau wirkt leblos und steril

          Ion Tiriac hat für solche Entwicklungen eine feine Nase. 2004 begann der Bau der „Caja Magica“, 180 Millionen Euro wurden investiert. Das Geld stellte die Stadt Madrid im Zuge der Bewerbung für die Olympischen Spiele 2016 zur Verfügung. „Das ist der Taj Mahal des Tennis“, sagt Tiriac über den Tennistempel der Extraklasse mit den drei Hauptplätzen, die bei Bedarf überdacht werden können. Die Australian Open, bisher konkurrenzlos in dieser Rubrik, haben „nur“ zwei überdachte Plätze. Aufgeschreckt von den Entwicklungen in Madrid und dem überdachten Centre Court in Wimbledon, der an diesem Samstag eröffnet wird, ließen Offizielle der French Open am Donnerstag verkünden: „Spätestens 2014 haben wir in Paris einen überdachten Centre Court.“

          Neben den mobilen Dächern, die wie Deckel von Pappschachteln hoch- und runtergefahren werden, ist die gesamte Konstruktion beeindruckend. „Das Stadion hat keine echten Außenwände. Stattdessen haben wir es mit Vorhängen aus kleinen Metallgittern konstruiert. Sie sind luftdurchlässig, halten aber Sonne und Wind ab“, erklärt der Architekt Dominique Perrault, der auch das Velodrome in Berlin entwarf. So ungewöhnlich der Bau ist: Er wirkt, trotz künstlicher Seen und Flüsse, leblos und steril. Viel Pomp, wenig Charme. Andererseits: Wenn es Nacht wird, entfaltet die „Zauberbox“ durch die Illumination im Inneren und in der luftigen Außenhülle eine anziehende Atmosphäre. Spätabends erwacht das Turnier auch erst. Dann kommen die meisten Zuschauer, um im 12.500 Fans fassenden Centre Court den spanischen Helden zuzusehen. Ab 20 Uhr, pünktlich zu Beginn der Nightsession, überträgt der frei empfangbare Sender TVE 1 live.

          Heftige Kritik von Rafael Nadal

          Gigantisch ist der VIP-Bereich, den Tiriac auch zu seinen deutschen Turnierzeiten immer weit in den Vordergrund rückte. In Madrid erreicht das eine neue Dimension. Knapp 400 VIP-Boxen sind am Rande des Centre Court installiert, sie nehmen fast die Hälfte des Stadions ein. Der VIP-Eingang liegt gesondert im Erdgeschoss und ist gestaltet wie bei einem renommierten Filmfest: erleuchtete Säulengänge, schwere Teppiche, kurzberockte Hostessen.

          Das gemeine Tennisvolk muss eine Etage höher steigen, um Einlass zu finden. Rund um die Anlage erinnert wenig an die große Krise: Stände von Champagner-Herstellern, Autobauern und sogar Whirlpool-Anbietern reihen sich aneinander. Den Profis gefällt dieses Szenario nur zum Teil. „Tennis ist nicht nur Showbiz“, sagte etwa Nadal, der das Turnier heftig kritisierte. Zu wenig Trainingsplätze, schlechte Qualität der Courts, zu enge Kabinen. Mittlerweile dämpfte Nadal seine Kritik. Er sei falsch verstanden worden, und Madrid wäre doch eigentlich klasse.

          „Sand ist rot, nicht blau“

          Bei einem Punkt knickte er nicht ein. Es ging um die Frage, welche Farbe ein Tennisplatz aus Sand haben muss. Tiriac wollte auf blauen Sandplätzen spielen lassen zum Wohle einer spanischen Versicherung, die als Titelsponsor auftritt und die Farbe Blau bevorzugt. Es folgte ein Sturm der Entrüstung aus dem Profilager. Daraufhin wurde nur ein Trainingsplatz blau gefärbt, doch der wird von den Stars gemieden. „Sand ist rot, nicht blau“, sagte Nadal trotzig.

          Tiriac lässt das kalt. 2010 wäre die Zeit reif für blaue Sandcourts, war in Madrid zu hören. Sowieso hätte er große Pläne mit dem „besten Turnier der Welt“. Nein, Madrid müsse nicht gleich ein Grand-Slam-Event werden, entkräftet er angebliche Absichten, mit seinem Turnier in die höchste Liga aufsteigen zu wollen. „Aber gleiches Preisgeld und gleich viele Weltranglistenpunkte sind vorstellbar“, sagt er und fährt mit seinem Golfcar wieder davon.

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