https://www.faz.net/-gtl-909vy

Tennisturnier am Rothenbaum : Notfalls auf Kuhmist

  • -Aktualisiert am

Die Altmeister schlagen am Rothenbaum auf: Michael Stich und Tommy Haas. Bild: dpa

Jede Anstrengung für die Spieler beim Tennisturnier in Hamburg ist es wert, denn „der Star ist das Turnier“. Aber noch immer gibt es diese Unsicherheit und Machtlosigkeit über die ungeklärte Zukunft. Stich hat dennoch einen Plan.

          „Mich interessiert nur die Qualität des Tennissports, weniger interessieren mich die Namen der Spieler“, sagte Michael Stich, „und die Qualität war wirklich außergewöhnlich.“ Der Turnierdirektor der German Open am Hamburger Rothenbaum zog ein zufriedenes Fazit zum Ende der 111. Auflage des deutschen Traditionsturniers. Dass mit Florian Mayer aus Bayreuth und Leonardo Mayer aus Argentinien zwei Spieler jenseits der Top 100 der Weltrangliste im Finale standen – Leonardo Mayer siegte 6:4, 4:6, 6:3 – das machte überhaupt nichts.

          Rund 7500 Zuschauer hatten bei Sonnenschein auch am Sonntag wieder den Weg zu der Anlage im feinen Harvestehude gefunden. Die norddeutschen Tennisfans lieferten damit trotz einer Woche Schietwetter eine klare Abstimmung per pedes für das Turnier. Seit dem Verlust des Mastersstatus 2009 kamen nur 2013 und 2015 mehr Zuschauer, das waren die Jahre, als Stich Roger Federer und Rafael Nadal verpflichten konnte. Über 60.500 Zuschauer haben 2017 die Drehkreuze des Stadions passiert. „Die Hamburger Fans kommen auch ohne namhafte Stars“, stellte Stichs Partner Detlef Hammer zufrieden fest.

          Frühestens im September will sich der DTB entscheiden, wer von 2019 an Deutschlands traditionsreichste Tennisveranstaltung ausrichten darf.

          Auch am Samstag bei den Halbfinals war es voll und die Stimmung prächtig. Dass einige Zuschauer nach der Aufgabe von Philipp Kohlschreiber beim Stand von 6:4, 2:3 aus Sicht des Augsburgers gegen Florian Mayer pfiffen, war der Enttäuschung geschuldet. „Ungerecht“, fand Stich das, auch Mayer hatte Mitleid mit seinem Davis-Cup-Kollegen, der wegen Adduktorenproblemen nicht weiterspielen konnte. „Es wäre schwer geworden, ihn zu schlagen. Ich hatte Glück, dass er sich verletzt hat“, sagte der 22-Jährige, „sehr schade, dass es so geendet hat.“

          Sein Finalgegner Leonardo Mayer hatte sich im ersten Halbfinale 6:3, 7:5 gegen seinen Landsmann Federico Delbonis durchgesetzt. Mayer kam als Lucky Loser weiter. Denn der Rothenbaum-Sieger von 2014 hatte vor einer Woche das Qualifikationsfinale gegen den erst 16 Jahre alten Deutschen Rudolf Molleker verloren. Alles ist möglich, die Leistungsdichte ist enorm. „Es waren viele phantastische Matches, keiner hat abgeschenkt“, sagte Stich. Mit 1,6 Millionen Euro Preisgeld und 500 Weltranglisten-Punkten für den Sieger ist Hamburg auch jede Anstrengung für die Spieler wert, die nicht auf der Sonnenseite der Top 20 stehen. „Der Star ist das Turnier“, behauptete Stich.

          Und dennoch: Noch immer gibt es da auch diese Unsicherheit und Machtlosigkeit, die ungeklärte Zukunft. Bis 2018 noch haben Stich und Hammer das Recht, das Turnier auszutragen. Die Lizenz der ATP aber hält der Deutsche Tennisbund (DTB), und der sondiert zurzeit seine Optionen. Drei weitere potentielle Ausrichter haben ihren Hut in den Ring geworfen. Frühestens im September will sich der DTB entscheiden, wer von 2019 an Deutschlands traditionsreichste Tennisveranstaltung ausrichten darf.

          „Wir haben das Turnier seit 2009 wiederaufgebaut und etabliert“, sagte Stich, „wir haben dabei einen guten Job gemacht, wir wissen, was wir können, und wollen langfristig weiterhin Tennis für Hamburg bieten.“ Der DTB will einerseits gerne in der Hansestadt bleiben, wo er die Nutzungsrechte für das Stadiongebäude hat und seine Geschäftsstelle unterhält. Aber das 13.000 Zuschauer fassende Stadion hat einen gewaltigen Renovierungsbedarf, insbesondere das Faltdach muss dringend gemacht werden. Die Restaurierungskosten sollen zwischen einer und drei Millionen Euro betragen; Geld, das der DTB nicht hat. Wohl aber der Klub an der Alster, der das Erbpachtrecht des Geländes innehat und dem das Stadion pro forma gehört. Der Klub möchte jedoch gemeinsam mit seinem Partner Allianz ein neues Stadion für 7000 Zuschauer sowie Hockeyplätze errichten.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Die Stadt möchte, dass das Turnier in Hamburg bleibt, will aber möglichst wenig dafür bezahlen und favorisiert deshalb in ihrem Sportkonzept „Active City“ die Lösung des Klubs an der Alster. DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff gefällt das nun wieder nicht, er fordert unverhohlen mehr Geld von der Stadt als die bisherigen 100.000 Euro jährlich. „Wenn wir für das Dach eine Lösung mit der Stadt finden, spricht viel dafür, mit dem Turnier der dritthöchsten Kategorie hier zu bleiben. Dann ist es fast sicher, dass wir in Hamburg bleiben.“ Das Problem: Die Akteure Alster, Stadt und DTB reden nicht direkt miteinander, sondern nur übereinander.

          2019 will die ATP Veränderungen im Turnierkalender vornehmen. Dann will der DTB laut Hordorff eine „Leuchtturmveranstaltung“ abliefern. Er würde gerne eine Woche weiter nach hinten gehen, denn unmittelbar nach Wimbledon machen viele Spieler Pause. Nur drei Top-20-Akteure sind in dieser Woche auf Turnieren unterwegs. Auch die Option Hartplatz wird immer wieder diskutiert, die Chancen dafür sind aber eher gering, weil die amerikanisch dominierte ATP amerikanische Interessen hoch einschätzt. Stich ist der Belag egal, er möchte nur weiterhin sein erfolgreiches Turnier austragen: „Wir versperren uns keiner Option, egal ob Rasen, Hartplatz, Sand oder Kuhmist.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Anwalt Michael Cohen : Tricksen für Trump

          Der ehemalige Anwalt des Präsidenten soll vor dem Wahlkampf eine Firma bezahlt haben, Online-Umfragen für Trump zu manipulieren. Für Cohen sprang ein Fake-Fanclub heraus, dessen Huldigungen immer noch online sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.