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Michael Stich : Einsamer Kämpfer gegen die Tennis-Tristesse

  • -Aktualisiert am

Voller Einsatz: Für ein Showmatch gegen Ivan Lendl steht Stich greift Stich selbst zum Schläger Bild: dapd

Mangelnde Kooperation der Stadt und leere Plätze am Hamburger Rothenbaum - Turnierdirektor Michael Stich will aber nicht klagen. Zumindest die deutschen Profis stellen ihn dieses Jahr halbwegs zufrieden. Bis 2013 ist das Turnier gesichert.

          Das Leben kann so ungerecht sein. Von morgens bis in die Nacht kümmert sich Michael Stich zusammen mit seinem Geschäftspartner Detlef Hammer seit Monaten um das Tennisturnier am Rothenbaum. Man sieht Stich an, dass das Kraft gekostet hat. Und dann so ein Wetter am Finaltag! Es dürfte einer der schlechtesten Juli-Sonntage seit Beginn der Wetteraufzeichnung gewesen sein, an dem das Endspiel des wichtigsten deutschen Tennisturniers zwischen Nicolas Almagro und Gilles Simon ausgetragen wurde.

          „Für das Wetter können wir nichts“, sagte Stich am Sonntag mit einem gequälten Lächeln. Man hätte dem emsigen Turnierdirektor in seinem dritten Jahr als Chef der Hamburger Traditionsveranstaltung mehr Wetterglück gewünscht als diese 15 Grad bei Nieselregen und böigem Wind. Ein Julitag zum Teetrinken und Bücherlesen im warmen Wohnzimmer. So war der große Centre Court nur lückenhaft gefüllt, als der Franzose Simon den Spanier Almagro in drei Sätzen 6:4, 4:6, 6:4 besiegte.

          Stich will nicht klagen; er hat gerade verkündet, das Turnier zusammen mit seinem Partner und dessen Firma HSE (Hamburg Sports and Entertainment) auf jeden Fall noch die nächsten beiden Jahre auszurichten. „Bis einschließlich 2013 ist die Veranstaltung gesichert“, sagt Stich. Bis dahin läuft der wichtigste Sponsoren-Vertrag mit einem österreichischen Anbieter für Sportwetten. Darüber hinaus wagt Stich keine Prognosen.

          Bis 2013 ist die Veranstaltung gesichert - trotz weniger Zuschauer, hier beim Match zwischen Tobias Kamke (u.) und Marin Cilic

          „Wir sind unzufrieden, dass uns die Stadt nicht unterstützt“

          Es gibt am Rothenbaum nämlich genug Dinge, die ihn frustrieren: beginnend mit der mangelnden Kooperation der Stadt Hamburg – die hatte den 2010 noch gewährten Zuschuss von 200.000 Euro einfach gestrichen. Dass die Stadt anderen Veranstaltungen wie Marathon, Triathlon oder dem deutsche Derby unter die Arme greift, aber die Finger vom Rothenbaum lässt, missfällt Stich: „Wir wollen klare Regularien, welche Unterstützung die Stadt welcher Veranstaltung gewährt. Natürlich sind wir unzufrieden damit, dass die Stadt uns nicht unterstützt.“

          Zumindest das Abschneiden der deutschen Tennis-Profis war in diesem Jahr halbwegs zufriedenstellend. Fünf Deutsche erreichten das Achtelfinale, der beste Einheimische, Florian Mayer aus Bayreuth, schied im Viertelfinale gegen Almagro aus. 2010 hatte Mayer das Halbfinale erreicht. Stich ist ein kritischer Geist, bei vielen Deutschen fehlen ihm Einstellung und Ernsthaftigkeit, sich auf das größte deutsche Turnier vernünftig vorzubereiten.

          Dieses Mal hatte er wenig auszusetzen: „Die Deutschen haben sich sehr gut verkauft. Ich bin zufrieden mit der Art und Weise, wie sie sich hier gezeigt haben.“ Dann schob Stich allerdings das nach, was man seit Jahren über die deutschen Herren sagen kann und was auch am Rothenbaum mehr Tennis-Fans verhindert haben dürfte: „Ihnen allen fehlt leider das letzte bisschen zur Weltspitze. Dabei merken sie doch, dass sie vieles an Sympathien bekommen, wenn sie Leistung bringen.“

          „Die Öffnung der Anlage war der richtige Weg“

          Diese Zustandsbeschreibung galt vor allem für die Nebenplätze. Dort hat sich das neue Konzept Stichs und Hammers durchgesetzt. Freier Eintritt abgesehen vom Centre Court, das brachte proppevolle Zuschauerränge auf den Nebenplätzen und eine Atmosphäre, die viele Profis lobten. „Die Öffnung der Anlage war der richtige Weg“, sagte Detlef Hammer. Über Zahlen wollte er allerdings nicht sprechen, denn zu den zahlenden Fans hatten Tag für Tag (bei besserem Wetter als am Sonntag) nur jeweils 3000 Personen gehört.

          Durch die abgehängten Ränge auf dem Centre Court, auf dem nun nur noch 7000 und nicht mehr 13.000 Zuschauer Platz haben, war die Stimmung dort ordentlich. „Ein Tennis-Stadion mit 13.000 Plätzen wird in Deutschland auf absehbare Zeit nicht zu füllen sein“, sagt Stich. Er erinnerte daran, dass der Rothenbaum nicht einmal 2008 ausverkauft war, als Federer und Nadal im Finale standen. So gab es den besten Zuspruch am vergangenen Sonntag, als er selbst in einem Show-Match gegen Ivan Lendl spielte – und sich einen Knorpelschaden im rechten Knie zuzog.

          Bessere Beispiele im Ringen ums Publikum

          Die Zeiten könnten also besser sein für Michael Stich und seine Veranstaltung. Die in diesem Hamburger Sportsommer ja auch noch vorgeführt bekommt, wie man es anders und besser machen kann im Ringen ums Publikum. Beim Marathon, Triathlon und dem Rad-Weltcup im August starten Amateure und Profis und bevölkern die Stadt. Die Zuschauer strömen, um die Jedermänner zu sehen, ohne einen Cent Eintritt bezahlen zu müssen.

          Den Gedanken, die Pforten des Rothenbaums dergestalt zu öffnen, findet Stich absurd: „Wir können nicht vor oder neben den German Open die Hamburger Meisterschaften mit 800 Teilnehmern ausrichten, nur um den Platz zu füllen.“ Doch wer weiß, vielleicht muss sich Stich als einsamer Kämpfer gegen die Tennis-Tristesse noch mit Dingen auseinandersetzen, die er derzeit für undenkbar hält.

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