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Michael Phelps : Der Außerirdische ist zurück auf der Erde

In Peking noch der „Aquaman“ - nun nur noch ein sehr, sehr guter Schwimmer: Michael Phelps Bild: dapd

In Peking gewann Michael Phelps achtmal Gold. Danach pokerte der Amerikaner, spielte Golf oder fuhr nach Las Vegas. Er war nicht mehr einzigartig. Nun fragen sich viele: Welchen Phelps wird man bei seinem Abschied in London sehen?

          Es war wie ein Trip in die eigene Vergangenheit, den Michael Phelps vor drei Wochen in Omaha erlebte. Katie Ledecky hatte sich gerade über 800 Meter Freistil für das amerikanische Olympia-Team qualifiziert, eine Leistung, die mächtig Wellen schlug, bei den Zuschauern, bei ihr selbst und eben auch bei Michael Phelps. Die Schwimmerin Katie Ledecky ist 15, sie wird die jüngste amerikanische Athletin in London sein, und diese Situation kam Phelps ziemlich bekannt vor - auch er hatte mit 15 erstmals den Sprung zu Olympia geschafft, 2000 nach Sydney. „Ich stand da und schaute Katie heute Abend zu, und es lief ganz genauso ab, sie ging raus, sie gab alles, sie schwamm ein großartiges Rennen. Da gehen einem eine Menge Erinnerungen und Emotionen durch den Kopf“, sagte Phelps. Denn er selbst qualifizierte sich in Omaha zum letzten Mal für Olympische Spiele - nach London wird für den Mann, der 14 Mal Olympia-Gold gewonnen hat, Schluss sein mit dem Schwimmsport.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          In den zwölf Jahren seit Sydney hat Phelps diesen Sport geprägt wie kein anderer. Durch den Coup 2008 in Peking, den olympischen Rekord von acht Goldmedaillen, war er zum „Aquaman“ geworden, zu einem Schwimmer, der nicht von dieser Welt schien. Der russische Schwimmer Alexander Sukhorukow fand: „Er ist ein ganz normaler Mensch, nur vielleicht von einem anderen Planeten.“ Sein britischer Kollege Simon Burnett wusste: Phelps kommt gar nicht von einem anderen Planeten. Sondern: „Er ist aus der Zukunft. Sein Vater schuf ihn, und er schuf eine Zeitmaschine. In 60 Jahren ist Phelps ein durchschnittlicher Schwimmer, aber er ist hierher zurückgekommen, um uns aufzumischen.“

          Ein Foto mit Marihuana-Pfeife

          Was in Peking selbst auf Funktionäre wie Cornel Marculescu, Generalsekretär des Weltverbands Fina, wie das Werk eines Außerirdischen wirkte, war in Wahrheit schwer erkauft. Wie schwer, zeigte erst die Zeit danach. Jahrelang hatte Phelps alles dem Ziel Peking untergeordnet, mit voller Konsequenz. Er hatte seine Heimat Baltimore verlassen, um zu seinem Trainer Bob Bowman nach Ann Arbor in Michigan zu ziehen, sein Leben wurde nahezu komplett vom Schwimmen bestimmt. Als er das Ziel erreicht hatte, schloss sich nahtlos eine gewaltige PR-Tour an, Phelps auf allen Kanälen, sogar ein eigenes Videospiel wurde unter seinem Namen entwickelt. Nur vom Training, da hatte Phelps erst mal genug. Stattdessen schien er all das aufholen zu wollen, was er zuvor verpasst hatte. Er pokerte, spielte Golf, fuhr mit Kumpels nach Las Vegas.

          Er tat das, was normale amerikanische Jungs eben gern tun. Im Januar 2009 tauchte ein Foto mit ihm an einer Marihuana-Pfeife auf. Er verlor einen Großsponsor, der Verband sperrte ihn für drei Monate. All das brachte ihn sportlich nicht unbedingt weiter. Im Sommer 2010 war für Trainer Bowman der Tiefpunkt erreicht: Eine Woche vor den nationalen Meisterschaften ließ Phelps einen wichtigen Test einfach sausen - er war an dem Wochenende nach Las Vegas gefahren. Und hatte, wie er später zugab, nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei.

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