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Michael Kraus : Eine versandete Karriere

  • -Aktualisiert am

Er sollte das Gesicht des deutschen Handballs werden - und erhielt entsprechende Werbeverträge Bild: Schießer

Einhundert Tage nach seinem Autounfall spielte Michael Kraus wieder Handball. Der hochbegabte Sonnyboy will endlich ein ernstzunehmender Sportler werden. Doch nun hat er sich wieder verletzt.

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          Das Spiel ist fast eine Stunde vorbei, doch Michael Kraus huscht immer noch in seinem blauen Trikot durch die Halle. Es gab eine größere Autogrammstunde aller Spieler nach der Partie, und von „Mimi“ wollten die meisten Fans eine Unterschrift. Er steht mit seinem Dauerlächeln im Gang vor der Kabine, in der Hand eine kitschige Geschenktüte mit der Aufschrift „Happy Birthday“.

          Michael Kraus wird erst im nächsten September 29 Jahre alt, aber tatsächlich ist dieser 17. November 2011 eine Art Geburtstag für den Handball-Profi des HSV Hamburg. Eigentlich noch viel mehr, sagt Kraus strahlend: „Es ist wie Ostern, Weihnachten und Geburtstag zusammen.“

          In der Tüte stecken ein paar Geschenke junger, weiblicher Fans. Sie gratulieren, weil Kraus am vergangenen Donnerstag nach einhundert Tagen Verletzungspause wieder Handball gespielt hat. Es waren zwar nur acht Minuten beim 31:22 gegen den TV Großwallstadt - „es hätte länger sein können“, sagt Kraus. Trotzdem empfindet er „grenzenlose Freude“.

          Und während die müden Kollegen in Badelatschen durch die Gänge schlurfen und den Reisestress beklagen - schon am Morgen nach der Partie fliegt der HSV ins polnische Plock, und es folgen acht Spiele bis Weihnachten - sagt Kraus bester Laune: „In mir kribbelt alles. Ich könnte gleich wieder auf die Platte.“

          Vor einhundert Tagen schlidderte Kraus mit seinem weißen Porsche 911 GTS im Regen gegen einen Baum im Hamburger Stadtteil Ohlsdorf. Er prellte sich einige Rippen, das Innenband im rechten Knie riss. Es war die erste schwere Verletzung seiner Laufbahn. Eine Verletzung kommt nie zur rechten Zeit, aber Kraus traf sie besonders hart: Er will sich selbst und der Handball-Öffentlichkeit in dieser Saison beweisen, dass er doch noch eine ernstzunehmende Größe dieser Sportart werden kann.

          Ständig passieren kleine Unfälle

          Daran bestehen erhebliche Zweifel: Seit er als bestauntes Regie-Talent 2007 aus Göppingen nach Lemgo und dann 2010 zum HSV ging, stagnieren die Leistungen dieses begnadeten Spielers mit der großen Explosivität. Die Zeit in Lemgo war eine Abfolge von Undiszipliniertheiten; er nahm sich dort mehr heraus, als seine Leistungen erlaubt hätten.

          Zu spät kommen, Termine verpassen, verschlafen, taktische Absprachen vergessen - Kraus passieren solche kleinen Unfälle ständig. Genau wie in der Nationalmannschaft. Aber er kann sie mit seiner freundlichen Art meist sofort wiedergutmachen. Diesem hübschen Luftikus kann doch niemand böse sein!

          2007 feierte Michael Kraus mit Torwart Johannes Bitter den WM-Titel im eigenen Land
          2007 feierte Michael Kraus mit Torwart Johannes Bitter den WM-Titel im eigenen Land : Bild: ddp

          Allerdings versandete seine Karriere in Ostwestfalen zusehends, und in Hamburg kam Kraus bislang nicht über den Mitläuferstatus hinaus. Der ehemalige Trainer Martin Schwalb ließ ihn gern beginnen, dann wollte Kraus es allen zeigen und produzierte hektisch Abspielfehler oder Fehlwürfe. Schon ab dem ersten Drittel der vergangenen Spielzeit vertraute Schwalb dem fünf Jahre jüngeren Domagoj Duvnjak oder Routinier Guillaume Gille als Regisseur.

          Kraus’ Anteil am ersten großen Titel des HSV war verschwindend. Doch er ist selbstkritisch und sagt: „Ich habe mein erstes Jahr beim HSV als Übergangsjahr betrachtet. So doll war das nicht. Im zweiten wollte ich dem HSV meinen Stempel aufdrücken. Ich hatte mir viel vorgenommen. Dann kam der Unfall.“ Kraus hat seine eigene Art, Folgen aus dem unverschuldeten Unglück zu ziehen: Er kaufte sich einen Smart.

          Das Gesicht des deutschen Handballs

          Wenn Handballfans den Namen Michael Kraus hören, fallen vielen die Szenen der traumhaften Weltmeisterschaft 2007 ein, als die Deutschen in heimischen Hallen von Sieg zu Sieg eilten und auch dank Kraus Weltmeister wurden. Mag Linksaußen Thorsten Jansen der beste Spieler der WM gewesen sein, Kraus war der auffälligste. Mitreißend, wie er die Rolle des Spielmachers für den verletzten Anführer Markus Baur ausfüllte. Dieser Mann sollte neben Pascal Hens das Gesicht des deutschen Handballs werden.

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