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MHP Riesen Ludwigsburg : Ohne Spitzenbudget fast ganz oben

  • -Aktualisiert am

Ludwigsburgs Trainer John Patrick fordert viel von seinen Spielern. Bild: Picture-Alliance

Dass die Ludwigsburger Basketballer national und international vorne mitspielen, liegt insbesondere an Trainer John Patrick. Der Amerikaner setzt dabei vor allem auf einen bestimmten Spielertyp.

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          John Patrick ist eher ein Mann der leisen Töne. Der einzige amerikanische Trainer in der Basketball-Bundesliga wirkt in Interviews fast schon sanft und hält sich mit der Ankündigung großer Ziele eher zurück. Er genießt lieber die Genugtuung, wenn sein Team die Erwartungen übertroffen hat. Umso verwunderter rieben sich Beobachter die Augen, als der 49 Jahre alte Amerikaner Ende 2017 einen Titelgewinn in Aussicht stellte. Patrick arbeitet nicht etwa in München, Bamberg oder Berlin, sondern „nur“ bei den MHP Riesen Ludwigsburg. Allerdings schafft er auch dort, was ihm zuvor schon in Göttingen und in Würzburg gelungen war. Er produziert mit überschaubaren Mitteln beeindruckende Ergebnisse.

          Es gibt Trainer im Basketball, die primär versuchen, möglichst gute Spieler zu finden und dann den Spielstil auf ihr Personal zuzuschneiden. Andere wiederum haben eine sehr klare Vorstellung im Kopf, wie ihr Basketball aussehen soll, und verpflichten auf Grundlage dieses Bildes ihre Akteure. John Patrick gehört zur letzteren Spezies. In Göttingen etablierte der Vater von fünf Kindern erstmals seine Vorstellungen. Patrick erreichte mit einem Mini-Etat dreimal die Playoff-Runde und gewann als Sahnehäubchen mit der EuroChallenge einen internationalen Titel. Die zweimalige Auszeichnung als Trainer des Jahres war der verdiente Lohn. Aufstellungen mit vergleichsweise kleineren, schnellen, wendigen Spielern („Small Ball“), häufige Spielerwechsel, um die Intensität hochzuhalten, Verteidigung über das ganze Feld mit häufigem „Doppeln“ des ballbesitzenden Gegenspielers und eine tendenziell weniger strukturierte Offensive waren die Charakteristika des Erfolgskonzeptes.

          Nach einer erfolgreichen Zwischenstation in Würzburg heuerte „JP“ in Januar 2013 in Ludwigsburg an, konnte aber den sportlichen Abstieg nicht verhindern. Dank einer Wildcard blieben die Schwaben in der Liga. Es war das einzige Mal, dass das System Patrick nicht funktioniert hat. Der Grund lag auf der Hand. Zum Einstieg inmitten der Saison hatte er nicht die Möglichkeit, die Mannschaft nach seinem Gusto zusammenzustellen.

          Der Spielertyp, nach dem Patrick Ausschau hält, muss in erster Linie mentale Härte und Willen zur Verteidigung mitbringen. Wenn der Coach diese Attribute vermisst, scheut er sich nicht, auch schon früh in der Saison Umstrukturierungen im Kader vorzunehmen. Andererseits kehren Profis, die diese Tugenden in der Vergangenheit an den Tag gelegt haben, nach Intermezzi bei anderen Klubs oftmals zurück.

          Viele Ballgewinne gleichen schlechte Wurfquoten aus

          Patrick musste sich lange Zeit dem Vorwurf aussetzen, auf den Quotenplätzen für deutsche Spieler zu sehr auf eingebürgerte Akteure zu setzen. Mit der Entwicklung von Johannes Thiemann, der in Ludwigsburg zum Nationalspieler gereift ist, hat er diesen Kritikern einigen Wind aus den Segeln nehmen können. Aktuell belegen die Schwaben vor dem Heimspiel an diesem Samstag (20.30 Uhr) gegen Bremerhaven überraschend den dritten Platz in der Bundesliga. Der wieder einmal runderneuerte Kader ist – wie bei John Patrick üblich – sehr athletisch. „Small Ball“ spielt mittlerweile jedoch eine kleinere Rolle als noch zu Göttinger Zeiten. Nach wie vor soll aber mit viel Druck und Arbeit über das ganze Feld die gegnerische Struktur verändert und durchbrochen werden. Die Mannschaft provoziert extrem viele Ballverluste beim Gegner und erlaubt trotz ihm trotz des hohen Tempos nur 73,3 Punkte pro Partie. Alle Spieler sind defensiv ständig in Bewegung, was per se keine Qualität ist, aber sie sind ständig aktiv – und das ist ein Qualitätsmerkmal. Im Angriff werden die schwachen Wurfquoten durch die hohe Zahl an Versuchen aufgefangen, die auf den meisten Ballgewinnen und der mit Abstand höchsten Zahl von Rebounds der Liga unter dem gegnerischen Korb fußen. Extrem auffällig ist die ausgeglichene Punkteverteilung. Acht Spieler erzielen zwischen 7,4 und 11,4 Punkte pro Partie. Dennoch ragt einer hervor, Thomas Walkup. Er ist ein klassischer Allrounder, der alle Außenpositionen bekleiden kann. Der 25 Jahre alte Amerikaner hat eine hohe Trefferquote, reboundet gut und hat ein exzellentes Spielverständnis.

          Neben dem starken Auftreten in der Bundesliga läuft es auch international rund. In der hinter der Euroleague und dem Eurocup einzustufenden Champions League gehören die Ludwigsburger zu den besten Mannschaften und gewannen am vergangenen Dienstag souverän beim französischen Meister Chalon (70:56). In diesem Wettbewerb dürften die Chancen auf den Titel besser stehen als in der Bundesliga. Die wohl beste Gelegenheit haben die Ludwigsburger aber ausgelassen, als sie mit einer Niederlage in Berlin das Pokalendturnier in Ulm verpassten. Doch auch ohne Titel verdienen die Leistungen großen Respekt. Ludwigsburg spielt ohne Spitzenbudget (geschätzt gut vier Millionen Euro) in der Spitzengruppe.

          Der Autor:

          Stefan Koch ist zweimaliger Trainer des Jahres und Kommentator bei Telekom Sport.

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