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Medien : Weil alles wahr ist

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Hartnäckig: Frank Thonicke Bild: F.A.Z. / Markus Kaufhold

Während der einstige Sportchef des HR, Jürgen Emig, in Frankfurt gegen seine fristlose Entlassung klagt, erhält Frank Thonicke, der Reporter, der Emigs illegale Geschäfte aufdeckte, den Wächterpreis. Die Geschichte einer langen, harten Recherche.

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          Vor mehr als seinem halben Leben entdeckte Frank Thonicke im nordhessischen Sprachraum die Langsamkeit. Heute redet der Berliner so bedächtig wie die Leser seiner Zeitung. Etwa wenn er sagt, daß man „hier der Meinung ist, daß der Hessische Rundfunk der Südfunk ist und wenig für Kassel und Nordhessen tut“. Man muß wissen, daß in Hessen italienische Verhältnisse herrschen, nur andersherum: In Hessen ist der Norden schön, aber weit unten.

          Frank Thonicke hat sich auf die Empfindungen eingelassen; das Vertrauen der Leser einer Regionalzeitung fliegt nicht jedem zugereisten Vielschreiber zu. Das ist in Passau nicht anders als in Stuttgart - oder eben in Kassel. Frank Thonicke hat sich dieses Vertrauen in langen Reporterjahren erarbeitet. „Man kennt viele Leute, und die kennen einen auch, das ist über Jahre gewachsen, und deshalb wird einem viel erzählt.“ Als Vierundzwanzigjähriger holt ihn der damalige Chefredakteur nach Kassel, vom West-Berliner Lokalboulevard „Abend“ an den grünen Fuldastrand. Man hatte sich im Urlaub kennengelernt. Das waren solche Zeiten; da gab es noch schlaue Setzer, stinkende Fotoentwickler und Bier im Redaktionskühlschrank.

          Als Reporter bestätigt

          Und nun, im dritten Arbeitsjahrzehnt bei seiner „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“, wird Frank Thonicke dafür belohnt, daß er die Menschen versteht - mit dem Wächterpreis der Tagespresse. „Der macht schon was her, sag' ich mal. Ist für so eine Art Lebenswerk, sozusagen.“ Ist für seine Texte und Recherchen im Fall Jürgen Emig, des inzwischen zurückgetretenen Sportchefs des Hessischen Rundfunks, sagt die Stiftung „Freiheit der Presse“, die Thonicke heute auszeichnet, während sich Emig - welche Koninzidenz, am selben Tag vorm Frankfurter Landgericht gegen seine fristlose Kündigung wendet.

          Thonicke fühlt sich als Reporter rundherum bestätigt, wenn er nun im Frankfurter Römer seinen Preis abholt. „Denn Emig war nicht meine schwierigste Recherche. Ich habe ja schon Geschichten gemacht, da hatte ich vierzehn Prozesse am Laufen. Aber in diesem Fall hatte ich keine Gegner, weil sich auch Emig nicht gemeldet hatte. Es gab keine Gegendarstellung. Es gab nichts von irgendwelchen Rechtsanwälten, weil alles wahr ist, was wir geschrieben haben.“ So bedächtig, wie er spricht, bewegt sich der hochgewachsene kräftige Reporter, leicht schlurfend mit hängenden Schultern, über die Flure des Kasseler Presse- und Druckzentrums an der Frankfurter Straße. Unaufgeregt sammelt er Aufreger ein: den Rotenburger Kannibalen oder die Geschichte eines Mannes in Fritzlar, der einen toten Rentner, dessen Rente er kassiert, an seine Schweine verfüttert. Und wenn es einen Flug vom Kassel-Caldener Flugplatz nach Mallorca gibt, dann schreibt Thonicke auch über Lothar Vosseler, den Halbbruder des Ex-Kanzlers Schröder, der sich in einem Tauchboot vor Palma für Touristen zum Affen macht. Thonicke macht die Geschichten, für die andere keine Zeit haben.

          „Ruhm, der auf unser Haus strahlt“

          „Ich habe ja als fester Reporter ziemliche Freiheiten. Würde ich im Lokalen sitzen und müßte den Umbruch machen, dann wäre das nicht möglich.“ Dann wäre keine Zeit für Emig gewesen, kein Wächterpreis, kein „Ruhm, der auf unser Haus strahlt“, wie der Verleger Dirk Ippen sagt. Seit vier Jahren gehört dem Großverleger aus München die HNA. Und seit vier Jahren gibt es nur noch einen festangestellten Reporter. Vor Ippen gab es zwei. Damals, als Thonicke noch einen schönen Titel auf der Visitenkarte hatte und der Chefredakteur aus der HNA eine Autorenzeitung machen wollte, „die mit Funk und Fernsehen konkurriert“: „Als Ippen die Zeitung übernahm, wurde ich den Titel Chefreporter los, weil es den im Ippen-Konzern nicht gibt.“ Als nächstes gibt es - dem Vernehmen nach - wohl auch kein Berliner Korrespondentenbüro mehr.

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