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Hartung und die Säbelfechter : Die Lebensversicherer des deutschen Fechtens

Vorbild durch Haltung und Erfolg: Megan Rapinoe Bild: AFP

Bei der Fecht-WM tragen die Säbelfechter die Verantwortung für deutsche Erfolge. Vorkämpfer Max Hartung wünscht sich, dass sich Sportler auch gesellschaftlich mehr einbringen. Als Vorbild nennt er Megan Rapinoe.

          Wer berufsbedingt viel mit dem Auto unterwegs ist, kennt den Gedanken: Wie kann die Zeit auf dem Weg von A nach B sinnvoll genutzt werden? „Carpool Karaoke“ ist so eine Idee. Quatschen und singen bei der Fahrt und sich dabei filmen. Säbelfechter Max Hartung und sein Teamkollege Matyas Szabo haben die preisgekrönte Idee des britischen Fernseh-Moderators James Corden aufgenommen: Wenn sie auf dem Weg zum täglichen Training nach Dormagen sind, unterhalten sich die beiden über Gott, die Welt und das Fechten – und manchmal nehmen sie es auch mit dem Smartphone auf: fertig ist ein Youtube-Filmchen. Nur das Singen lassen sie.

          Stattdessen erfährt der geneigte Zuseher vor der Fecht-Weltmeisterschaft in Budapest, bei der Hartung als Medaillenkandidat im Einzel an diesem Donnerstag und mit dem Team am Sonntag gilt, so manches über Technik, Taktik und Trainingsinhalte. Dass die Dormagener Säbel-Schule von ungarisch-rumänischen Wurzeln geprägt und mit Einflüssen aus dem Florett-Fechten garniert ist – was bei dieser Waffe eher selten ist. Säbel-Bundestrainer Vilmos Szabo, Vater von Matyas, war einst von seiner als Florettfechterin erfolgreichen Ehefrau Reka Lazar als Trainer engagiert worden. Nur konnte der Säbel-Experte, der selbst Olympiateilnehmer war und EM-Bronze gewann, mit dem Florett nicht so recht umgehen. Also brachte sie es ihm erst mal bei, ehe er sie trainieren konnte. Reka Zsofia Lazar-Szabo wurde zweimal Weltmeisterin.

          Der Säbel ist im Unterschied zum Florett eine Hieb- und Stichwaffe. Beim Säbelfechten sind demnach Schlagen und Stoßen erlaubt. Schlagen erscheint einfacher, schon wegen des Peitscheneffekts, deshalb vernachlässigen viele Säbler das Stoßen. Nicht so die Dormagener, die vor einem Monat in Düsseldorf Team-Europameister wurden. Sie bezeichnen die „zusammengewürfelte Fechtschule“ von „Willi“, wie sie ihren Coach nennen, als Teil des Erfolgsgeheimnisses. Vorkämpfer Hartung bekennt sich als großer Freund der Einbindung ehemaliger Leistungssportler in den Trainingsbetrieb: „Das wichtigste im Fechten ist der Trainer. Bei uns unterrichtet der Meister den Schüler“. Mit Sorge betrachtet er die Entwicklung, dass viele der besten Trainer in den Fecht-Großmächten Italien, Frankreich und Ungarn arbeiten oder gar nach Asien oder Amerika auswandern, da sie dort deutlich bessere Gehälter bekommen.

          Athletensprecher Hartung wünscht sich, dass sich mehr Sportler „einmischen und einbringen“

          In der einstigen deutschen Domäne Fechten sind die Säbelkämpfer „zu einer Art Lebensversicherung“ geworden, wie Sven Ressel, Sportdirektor des Deutschen Fechter-Bundes, angesichts ausbleibender Erfolge mit anderen Waffen sagte. Schon 2014 waren Hartung und Szabo mit Nicolas Limbach und Benedikt Wagner Team-Weltmeister. In dieser Woche gehen die aktuellen Europameister mit fast unveränderter Besetzung den neuerlichen WM-Kampf an, nur Björn Hübner hat Limbach mittlerweile ersetzt.

          Zuvor steht der Einzel-Wettbewerb an. Aufgrund seiner guten Weltranglistenposition war der zweimalige Einzel-Europameister Hartung für die Runde der besten 64 gesetzt, während sich Wagner und Hübner am Montag durch die Qualifikation kämpfen mussten. Der Ranglisten-Zehnte Szabo blieb dort unerwartet hängen. Auch deshalb will sich Hartung nicht auf ein definiertes Ziel festlegen lassen, dafür birgt ein K.o.-Wettbewerb zu viele Unwägbarkeiten. „Ich möchte einen Gegner nach dem anderen schlagen und nicht von hinten mit der Goldmedaille anfangen“, sagt der an Position vier gesetzte Rheinländer.

          Sein Understatement hat nichts damit zu tun, dass er offene Worte scheut. Als langjähriger Vorsitzender der Athletenkommission im Deutschen Olympischen Sportbund und Gründungspräsident des Vereins „Athleten Deutschland“ ist es der 29-Jährige gewohnt, sich eine Meinung zu bilden und sie auch zu vertreten. Hartung würde sich im Gegenteil wünschen, dass sich mehr Sportler „einmischen und einbringen“. Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, egal ob Sportler, Künstler oder Musiker sollten sich seines Erachtens ihrer „gesellschaftlichen Verantwortung“ stellen.

          Sieggewohnt und dennoch zurückhaltend: Max Hartung

          Als leuchtendes Vorbild nennt er die amerikanische Fußball-Weltmeisterin Megan Rapinoe, deren Auftreten während der WM und auch danach „überragend“ gewesen sei. Rapinoe hatte den amerikanischen Präsidenten Trump für dessen Haltung und Politik offen kritisiert und dem daraus resultierenden Druck Stand gehalten. Die Chefkritikerin führte ihr Team als Torschützenkönigin zum Titel. „Überragend“, meint Hartung, der ansonsten findet, es sei alles „sehr brav“ geworden, was möglicherweise auch an den Abhängigkeiten liege. Dass es Zwänge gibt, merkte er freilich selbst nach der Heim-EM in Düsseldorf. Trotz Einzel-Bronze und Team-Gold fielen die Feierlichkeiten mit den Säbel-Kollegen aus. Abends ging es ins Fernsehstudio, gleich danach ins Trainingslager. Nun hofft Hartung, in Budapest die Feier nachholen zu können. Vielleicht mit Singen im Auto – dann allerdings sicherheitshalber eher auf der Rückbank.

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