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Markus Fothen : Radeln, bis die Lichter ausgehen

  • -Aktualisiert am

Fothen beim medizinischen Check vor der für ihn enttäuschenden Tour 2007 Bild: picture-alliance/ dpa

Der Kapitän des Gerolsteiner-Teams ist in einer Sportart voller Skandale unterwegs. Doch er will weitermachen, für sich und seine Familie. Schließlich habe er sich nichts vorzuwerfen und nichts zu verbergen. Nicht einmal Asthmaspray brauche er.

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          Gegenüber liegt der elterliche Betrieb, braune, dunkle Ziegelsteine, ein schöner alter Hof. Schweineerzeugung. Markus Fothen hat dort seine Lehre gemacht. Und vermutlich würde er heute dort arbeiten, dem Vater helfen, wäre er nicht Radprofi geworden. So aber schlagen sich die Eltern hier in Kaarst in der niederrheinischen Tiefebene alleine durch. Viel Arbeit. Sie kennen nichts anderes, sagt Fothen, sie sind zufrieden damit.

          Markus Fothen hat mit seiner Frau Jessica auf der anderen Straßenseite ein Haus gebaut, weiß und hell, mit freiem Blick auf die Felder.

          Die Gegend ist Fußball-Land. Berti Vogts kommt aus dem nächsten Dorf, fast alle hier sind Anhänger von Borussia Mönchengladbach. Als Kind ist Markus Fothen verrückt nach Fußball. Mittelfeld, Mannschaftskapitän, er ist schnell, hat ein gutes Auge. Und er ist Bayern-Fan, der Vater sieht es ihm nach. Bruder Thomas, anderthalb Jahre jünger, radelt lieber, die Eltern besorgen ihm im Einkaufsmarkt ein Mountainbike, melden ihn beim VfR Büttgen an, einem Verein mit eigener Bahn. 1997, mit fünfzehn, steigt auch Markus in den Ferien aufs Rad, um fit zu bleiben für den Fußball.

          Fothens Frau Jessica erklärt den Einbruch mit privaten Belastungen
          Fothens Frau Jessica erklärt den Einbruch mit privaten Belastungen : Bild: picture-alliance/ dpa

          Die Jugendlichen treffen sich an der Radsporthalle und fahren neun Kilometer raus auf eine alte Raketenstation, dann drehen sie auf asphaltierten Wegen Runden auf dem Feld, vier Kilometer sind das, sie fahren sie zehnmal, es ist wenig Verkehr, ein bisschen hügelig, ein gutes Trainingsquartier. Markus ist ein Talent, heimlich bestellt der Verein eine Rennlizenz für ihn.

          „1996 bin ich mein erstes Rennen gefahren, in Köln, um die Gesamtschule, ich bin Siebter geworden und habe meine ersten zehn Mark verdient. Ich war fürchterlich stolz.“

          Auf den siebten Platz oder auf die zehn Mark?

          „Auf die zehn Mark. Mein erstes verdientes Geld. Ich habe gedacht: Das macht Spaß. Den Umschlag aufmachen, gucken, was drin ist, die zehn Mark rausziehen.“

          Junior Fothen spielt samstags Fußball und fährt sonntags Rennen, schließlich muss er sich entscheiden. Die Wahl fällt auf den Radsport.

          „Der Grund war, dass beim Fußball einige Mitspieler den Sport in der Pubertät nicht mehr so ernst nahmen. Sie haben angefangen zu rauchen, kamen nicht mehr konsequent zum Training. Ich weiß noch: Das hat mich gestört. Ich habe mir gesagt: Im Radsport bist du für dich selbst verantwortlich, du kannst trainieren, so viel du willst, du kannst die Früchte deiner Arbeit einfahren. Im Fußball konnte man immer leicht sagen: Die anderen sind schuld. Im Radsport ist man immer selbst schuld, wenn es nicht läuft.“

          Er zieht seine Lehre durch auf dem Bauernhof, geht zur Bundeswehr, Sportfördergruppe, fährt in der U-23-Nationalmannschaft und weiß, er hat vier Jahre Zeit, dann muss es geklappt haben. Und es klappt. 2003 wird er Europa- und Weltmeister im Zeitfahren der U 23, bekommt einen Vertrag bei Gerolsteiner, 2004 ist sein erstes Profijahr.

          „Das erste Jahr ist ein Schnupperjahr, man kann schauen, welche Rennen einem liegen. Die Sportlichen Leiter können zunächst schlecht einschätzen, welches Potential ein Neuprofi hat. Sie haben nicht die Zeit, sich ganz genau in den Jugendklassen umzuschauen. Sie wissen zwar, da kommt ein Rennfahrer mit gewissen Fähigkeiten, aber wie er letztlich in den Rennen einzuschätzen ist, das muss man im ersten Jahr erst einmal sehen.“

          Auch ein U-23-Weltmeister beginnt als Flaschenholer?

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