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Markus Fothen : Radeln, bis die Lichter ausgehen

  • -Aktualisiert am

„Dass sie mich nicht beschatten“, sagt er, „wundert mich.“

Er hofft auf die neu eingeführten Blutprofile. Sein Hämatokritwert, sagt er, sei hoch, zwischen 45 und 48 Prozent, und weil im Radsport ab einem Wert von 50 eine Schutzsperre gilt, balanciert er in jedem Höhentrainingslager am Rande einer Sperre. Nun könnten die regelmäßigen Blutbilder den natürlichen Hämatokritwert sichtbar machen und auch, dass er ihn im Höhentrainingslager steigern kann. Darauf hofft er. Und darauf, dass der Anti-Doping-Kampf international zuverlässiger wird.

„Es wäre wünschenswert, dass nicht nur Deutsche Deutsche kontrollieren, sondern zum Beispiel auch Deutsche Spanier - und umgekehrt.“

Das würde den Spaniern wahrscheinlich weniger gefallen als den Deutschen.

„Da brauchen wir nicht drüber zu reden.“

Wäre Fußballer vielleicht nicht doch besser gewesen?

Fothen lacht: „Es ist jetzt so, wie es ist.“

„Es ist alles schon sehr extrem“, sagt Jessica. „Ich denke, jeder normale Mensch käme sich sehr transparent vor.“

„Es geht nicht anders“, sagt Fothen. „Wenn sie mir eine elektronische Fußfessel anlegen wollten, ich weiß zwar nicht, ob das menschenrechtlich zulässig wäre, aber ich würde es machen.“

Aber es gibt Grenzen. Vor zwei Wochen wurde der belgische Radprofi van Impe in einem Krematorium, wo er die Einäscherung seines kurz nach der Geburt gestorbenen Sohnes organisierte, zu einem Doping-Test aufgefordert. Fothen und seine Kollegen haben deshalb vor einer Etappe von Tirreno-Adriatico fünf Gedenkminuten eingelegt.

„Wir müssen uns viel gefallen lassen“, sagt er, „aber irgendwo hört es auf.“ Im Mai erwarten er und Jessica ihr zweites Kind, einen Sohn.

Radprofis haben „Gesundheitspässe“, in denen Medikamente verzeichnet sind, die auf der DopingListe stehen, die Fahrer aber nehmen dürfen, weil dies medizinisch angeblich notwendig sei. So ist Floyd Landis vergangenes Jahr mit Hüftschmerzen zur Tour angereist und durfte ganz offiziell Cortison nehmen. Dies wurde zufällig bekannt, in der Regel wird über den Inhalt der nicht öffentlichen „Gesundheitsbücher“ geschwiegen.

Fothen holt seinen Gesundheitspass. Blättert um, Seite um Seite. Es gibt keinen einzigen Eintrag.

„Ich bin stolz darauf, dass meine Hefte leer sind. Da sagen dann die Kontrolleure: Oh, da steht ja gar nichts drin! Dann sage ich: Ja, warum sollte da was drinstehen? Ich bin kerngesund. Ich brauche keine Medikamente, ich brauche nicht einmal Asthmaspray. Mein Heft kann jeder sehen, ich habe nichts zu verbergen.“

Sportler, die von sich behaupten, sauber zu sein, sprechen oft von der Angst, Opfer von Anschlägen zu werden. Kennen Sie dieses Gefühl?

„Es gibt in Restaurants diese Wasserkaraffen, daraus trinke ich nichts. Ich möchte immer eine verschlossene Flasche haben. Die Leute schauen mich dann an, als hätte ich Verfolgungswahn, aber es geht nicht anders. In letzter Konsequenz aber kann man sich nicht schützen. Wenn man irgendwo im Hotel ist und der Koch tut irgendetwas ins Essen, davor kannst du dich nicht schützen. Aber darüber mache ich mir keine Gedanken, sonst könnte ich diesen Sport nicht mehr ausüben. Wenn es einmal dazu kommen sollte, dass irgendetwas nachgewiesen wird, was nicht sein kann, was ich absolut nicht erklären und deshalb auch nicht widerlegen kann, weil mir irgendeiner was ins Essen getan hat, dann muss ich sagen: Dann ist es so. Dann muss ich mit den Konsequenzen leben, weil ich nicht aufgepasst habe oder nicht aufpassen konnte. Dann packe ich meine Sachen und sage: Wenn es so weit ist, dann reicht es und es ist genug.“

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