https://www.faz.net/-gtl-y2rb

Marita Koch : Für immer an ein System gekettet

Ein Weltrekord für die Ewigkeit: Mit 47,60 Sekunden läuft Marita Koch im australischen Canberra über die Ziellinie Bild: dpa

47,60 Sekunden: Der 400-Meter-Weltrekord von Marita Koch wird 25 Jahre alt - und noch lange Bestand haben. Der Aufwand, den die DDR-Leichtathletin damals betrieb, war mehr als Training, mehr als Doping. Sie kämpfte stets auch für ihren Trainer.

          Marita Koch feiert in diesen Tagen das Jubiläum ihres Modehauses in der Rostocker Innenstadt. Seit zehn Jahren ergänzt es ihr „Sporteck“. Man hätte von der einstigen Läuferin ein großes Fest erwarten können. Schließlich werden an diesem Mittwoch die 47,60 Sekunden 25 Jahre alt, mit denen sie das olympische Motto für den 400-Meter-Lauf obsolet gemacht hat. Citius, fortius, altius – das gilt für Frauen auf der Stadionrunde nicht mehr. Beim Weltcup 1985 in Canberra scheint Marita Koch mit ihrem Weltrekord die Jagd nach dem Weiter, Stärker, Höher, nach dem nächsten Superlativ ein für allemal beendet zu haben.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nur neun Läuferinnen sind je die 400 Meter in weniger als 49 Sekunden gelaufen. Marita Koch gelang das fünfzehn Mal. Den 47,60 ist in den 25 Jahren seitdem die Französin Marie-José Perec bei ihrem zweiten Olympiasieg, in Atlanta 1996 mit 48,25 Sekunden am nächsten gekommen. Für Sanya Richards, die schnellste 400-Meter-Läuferin dieser Tage, stehen vier 48er-Zeiten zu Buch, die beste von 2006 mit 48,70. Olympiasiegerin Christine Ohuruogu aus Großbritannien ist noch nie schneller als 49,61 Sekunden gelaufen.

          „Noch ein bisschen stolz“ sei sie auf ihren Rekord, sagte Marita Koch, als die Deutsche Presse Agentur sie danach fragte. Das klingt so bescheiden, wie sie Zeit ihrer Karriere in aller Welt Sympathie gewann. Zu einem Gespräch mit dieser Zeitung ist sie nicht bereit. Die Berichte zum Zwanzigjährigen, als sie viele Interviews gab, seien so einheitlich und so einseitig auf Doping ausgerichtet gewesen, sagt sie; das wolle sie sich ersparen.

          Über das Thema Doping will sich Koch nicht äußern

          Der „vergiftete Rekord“

          Diese 47,60 Sekunden, dieser „vergiftete Rekord“, wie ihn Ines Geipel genannt hat, dieses Mahnmal für das Wettrüsten, das vor 25 Jahren den Spitzensport in Ost und West pervertierte, ist für immer mit Marita Koch verbunden. „Manchmal denke ich, wäre ich bloß nicht diesen dämlichen Weltrekord gelaufen“, sagte sie vor der Leichtathletik-Weltmeisterschaft von Berlin. „Manchmal denke ich, eigentlich kannst du doch darauf richtig stolz sein.“

          Zum Thema Doping scheint sie bis heute keine Haltung gefunden zu haben. Ihr Beharren darauf, dass sie niemals überführt wurde, beweist nichts, und ihre Interpretation der „Doping-Dokumente“ von Brigitte Berendonk und Werner Franke, in denen die hohen Anabolikadosierungen belegt sind, ist gleichfalls wenig überzeugend. Dort sei protokolliert, was ausgegeben wurde, sagte Marita Koch einmal. „Man hat versucht, sich dem zu entziehen, wie man konnte.“ Konnte man denn? „Ich habe Marita Koch nicht gefragt, ob ihre überragenden sportlichen Leistungen mit Hilfe von Doping zustande gekommen sind“, schrieb der frühere Hochspringer Paul Frommeyer, als er zum Zwanzigjährigen der 47,60 Sekunden - „neben Bob Beamons Weitsprung auf 8,90 Meter und Florence Griffith-Joyners zweifelhaften Rekorden über 100 und 200 Meter vielleicht das Spektakulärste, was es in der Leichtathletik je gegeben hat“ – Marita Koch begegnet war. „Warum (...) soll ich einen angenehmen Menschen in die Verlegenheit bringen, mir etwas zu erzählen, das nur ein Märchen wäre – vielleicht.“

          Der frühere Athlet aus dem Westen hat verstanden, dass es nicht jedem möglich ist, eine Lüge eine Lüge zu nennen und Doping Doping. Der Deutsche Leichtathletikverband scheiterte mit seinem Versuch, die Rekordliste neu zu beginnen.

          16 Weltrekorde in elf Jahren

          Als Marita Koch an jenem 6. Oktober 1985 in Canberra im blauen Trikot der DDR antrat, triumphierte ihr Team. Zwölf von sechzehn Wettkämpfen gewannen die Athletinnen der DDR. Von ihrem Sieg über 200 Meter war Marita Koch enttäuscht, denn sie hatte ihren Weltrekord von 21,71 Sekunden nicht verbessert. Mit der Staffel sollte sie auch die 4 x 400 Meter gewinnen; die Sprintstaffel unterbot ohne Marita Koch den Weltrekord, den sie mit ihr aufgestellt hatte, in 41,37.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Oh Schreck! Der Gesundheits-Check!

          FAZ Plus Artikel: Führerschein : Kommt der Gesundheits-Check?

          Seit 20 Jahren gilt die Lkw-Fahrerlaubnis nicht mehr auf ewig, und keiner hat sich beschwert. Und auch junge Fahrer schwerer Wohnmobile mit mehr als 3,5 Tonnen müssen jetzt regelmäßig zum Arzt. Wann droht das dem Autofahrer?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.