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Marion Jones' Buch : Gottes Plan und Marions Beitrag

  • -Aktualisiert am

Das Buch zum Leben, aber doch nicht die ganze Wahrheit: Titelheldin Marion Jones Bild: dapd

Ein Buch mit Erinnerungslücken: Die frühere Star-Leichtathletin Marion Jones schreibt über ihre „Männerprobleme“. Wichtige Namen werden gar nicht erwähnt oder falsch geschrieben. Die Auslassungen dürften kein Zufall sein.

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          Es muss für weibliche Athleten der jüngeren Generation ein paar ungeschriebene Gesetze geben, die sie nie im Leben übertreten würden. Das oberste Gebot: Alles, was der Trainer sagt, wird gemacht und nie hinterfragt, selbst wenn er einem Doping-Mittel verabreicht. Und das zweite lautet: Hat der Lebensgefährte einen dringenden Wunsch, sagen wir mal, dass man für ihn einen Scheck über mehrere zehntausend Dollar bei einer Bank einreicht, macht man das natürlich auch ohne Wenn und Aber.

          So steht es in einem Buch, das gerade in den Vereinigten Staaten erschienen ist. Autorin: Die zweitschnellste Frau aller Zeiten, die auf dem Höhepunkt ihrer Erfolge Millionen verdiente, aber Jahre später für sechs Monate ins Gefängnis ging. Das Fazit, sagt Marion Jones, inzwischen 35 Jahre alt und Mutter dreier Kinder, im vierten Kapitel ihrer Selbstbespiegelung: „Ich habe mich mit den falschen Leuten umgeben, besonders Männer.“

          Die Leichtathletin, die einst die Sprintstrecken beherrschte und bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 drei Goldmedaillen gewann, geriet demnach nicht deshalb in die Mühlen des bis heute größten amerikanischen Doping-Skandals, weil sie Teil eines großen Netzes aus Leistungsmanipulation, Betrug und Verschleierung war, sondern weil sie als vaterlos aufgewachsenes Mädchen „ungelöste Probleme mit Männern“ hatte.

          Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney gewann sie Gold - gedopt

          Jones schreibt den Namen Novitzky immer falsch

          Das Buch mit dem Titel „On the Right Track“ – auf Deutsch: „Auf dem richtigen Weg“ – wird vom angesehenen New Yorker Verlag Simon & Schuster als Bekenntnislektüre angepriesen: Der Text sei eine „ehrlich erzählte Geschichte, wie Marion sich mit ihren Lügen und mit den Konsequenzen ihrer Handlungen auseinanderzusetzen begann“.

          Tatsächlich ist die Beichte sehr selektiv ausgefallen. Wichtige Namen tauchen auf den 224 Seiten überhaupt nicht auf: der des Besitzers des Balco-Doping-Labors, Victor Conte, der ebenfalls zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde, und der ihres früheren Trainers Trevor Graham, der vom Gericht zu Hausarrest verurteilt wurde. Und der Name des Mannes, der sie zu Fall brachte, ist konsequent falsch geschrieben. Marion Jones nennt Jeff Novitzky, der damals die Balco-Ermittlungen leitete und heute auf den Spuren des Doping- und Betrugsverdachts gegen den Radprofi Lance Armstrong unterwegs ist, Novitsky.

          Es fehlen auch solche Begriffe wie „Lügendetektor-Test“, den sie vor ihrem Geständnis im Jahr 2007 abgeleistet hatte und mit dessen Resultat sie ihre angebliche Unschuld beweisen wollte. Und von den wahren Ausmaßen des Scheckbetrugs, in den sie verwickelt war, spricht sie auch nicht. Das einstige Paar Tim Montgomery/Marion Jones nahm 1,7 Millionen Dollar ein, ehe die Aktion aufflog. Der ehemalige 100-Meter-Weltrekordhalter Montgomery wurde später auch noch mit Heroin erwischt und sitzt zur Zeit eine langjährige Haftstrafe ab. Jones ist mittlerweile mit dem 100-Meter-Bronzemedaillengewinner von Sydney, Obadele Thompson aus Barbados, verheiratet.

          Ja, sie war gedopt, aber das passierte ohne ihr Wissen

          Die Auslassungen dürften kein Zufall sein. Denn während Leute wie Victor Conte oder ihr früherer Ehemann, der 2000 des Dopings überführte ehemalige Kugelstoß-Weltmeister C. J. Hunter reinen Tisch machten, als sie beschrieben, wie sich Marion Jones Wachstumshormone selbst injizierte, hatte die prominenteste Angeklagte der Balco-Ermittlungen ganz offensichtlich beschlossen, dass sie nur das Unvermeidliche zugibt. Es galt einen Strafprozess zu vermeiden, der das ganze Ausmaß ihrer Verwicklungen öffentlich gemacht hätte, und der zu einer noch sehr viel längeren Strafe hätte führen können.

          Also beharrt sie auch heute noch darauf: Ja, sie war gedopt, aber das passierte ohne ihr Wissen und ohne ihre ausdrückliche Zustimmung, als sie eine Substanz einnahm, die ihr vom Trainer als Leinsamenöl verabreicht wurde. Und ja, diese ungewollte Doping-Erfahrung wurde ihr nur deshalb zum Verhängnis, weil sie bei ihrer Vernehmung vor der Grand Jury des Balco-Falls einen schlichten Fehler begangen hatte. Sie hätte einfach nur zugeben sollen, dass sie den Stoff namens „The Clear“ kenne, den ihr Jeff Novitzky damals präsentierte. Das hatten die anderen vorgeladenen Sportler schließlich auch getan. Und niemand von ihnen wurde strafrechtlich belangt.

          Marion Jones' Mantra: „Gott hat einen Plan für mich“

          Marion Jones hingegen musste ins Gefängnis, wo „jeder Tag ein Kampf ums Überleben war“ und wo sie nach einer Schlägerei mit einer Mitgefangenen 48 Tage in Einzelhaft verbrachte. Ohne solche Annehmlichkeiten des Haftalltags wie E-Mail und Besuche von Angehörigen fand sie angeblich eine neue Beschäftigung: Gebete und das Lesen der Bibel. Das Resultat ist ein neuer missionarischer Eifer. Kein Wort kommt in ihrem Buch so oft vor wie Gott.

          „Gott hat einen Plan für mich“, lautet ihr Mantra. Zu dem Plan gehört das Basketballspielen, eine Sportart, in der sie als Collegestudentin amerikanische Meisterin geworden war. In der abgelaufenen Saison der Frauen-Profiliga WNBA trat sie für die Mannschaft der Tulsa Shock an. Auf diesem Weg will sie auf jeden Fall weitergehen. Etwas anderes bleibt ihr auch gar nicht übrig.

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