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Marie-Sophie Hindermann : 100.000 Sprünge fehlen noch

Stabhochsprung statt Stufenbarren: Marie-Sophie Hindermann Bild: dpa

Im Turnen sah Marie-Sophie Hindermann keine Perspektive mehr - dann griff sie zum Stab. Dort ist sie noch Azubi. Aber die neue sportliche Karriere ist wie eine Befreiung für sie.

          3 Min.

          Sie strahlt. Trotz Platz 13 - unter 15 Konkurrentinnen. Und das bei deutschen Meisterschaften. Dabei hat Marie-Sophie Hindermann doch zur Weltklasse gehört: WM-Fünfte 2007, Olympiateilnehmerin 2008, und den Start bei den Spielen in London hat nur eine Schulteroperation verhindert. Aber das war in einem anderen Leben. Da war sie noch Kunstturnerin. Eine von der fraulich-eleganten Sorte, Paradedisziplin Stufenbarren. Jetzt, mit 22 Jahren, versucht sie sich als Stabhochspringerin - und mit der Eleganz ist es einstweilen vorbei. Sie fängt halt ganz von vorne an.

          Ausgerechnet in der leichtathletischen Disziplin mit der höchsten Leistungsdichte hierzulande. Von der deutschen Meisterin Martina Strutz (4,65 Meter) trennen sie in Ulm 60 Zentimeter. Aber Marie-Sophie Hindermann ist, obwohl sie sich schon eine ganze Hochleistungssport-Karriere hinter sich hat, immer noch eine der Jüngsten. Und sie hat keinerlei Probleme damit, sich hochzuarbeiten. Sie genießt es sogar. „Im Turnen war ich ziemlich schnell auf einem hohen Level, und dann ging es zur noch darum, den zu halten. Diesen Druck habe ich jetzt nicht mehr“, sagt sie.

          Im Turnen hat sie ohnehin keine Perspektive mehr gesehen. „Da habe ich alles erreicht, was in meinen Möglichkeiten steht.“ Also hat sie einen Schlussstrich unter ihre internationale Karriere gezogen. „Und Stab wollte ich schon immer probieren. Man denkt ja, das sei so einfach.“ Weltrekordhalterin Jelena Isinbajewa war ja auch bis zwölf Kunstturnerin, ehe sie zum Stab griff. Ein bisschen hat sie so gedacht, aber inzwischen weiß sie es besser. „Ich habe Stabhochspringen komplett unterschätzt.“

          Natürlich profitiert sie von ihrem Bewegungstalent und ihrer mentalen Stärke, aber den komplizierten Bewegungsablauf muss auch sie lernen. Selbst das Laufen. Turner laufen barfuß - und bewegen sich ganz anders als Leichtathleten. Mit dem Stab anlaufen, den Einstich auf den Punkt treffen, abspringen, den Stab biegen, die Kraft, sich hochzukatapultieren, das alles hat sie sich deutlich leichter vorgestellt. „Aber mir fehlen ja noch ungefähr 100.000 Sprünge“, sagt sie.

          Marie-Sophie Hindermann (links) 2007 bei der Turn-WM in Stuttgart
          Marie-Sophie Hindermann (links) 2007 bei der Turn-WM in Stuttgart : Bild: dpa

          Sie musste ja erst mal jemanden finden, der ihr die Basics beibringt. Ihr heutiger Trainer Ivan Macura-Böhm hat abgelehnt: Es sei als Landestrainer nicht seine Aufgabe, ihr das Stabhochsprung-ABC beizubringen. Da half der Zufall. „Die Stabhochspringerinnen, mit denen ich heute zusammen trainiere, haben mich vor anderthalb Jahren gefragt, ob ich mit ihnen nicht ein bisschen Turntraining machen könnte.“

          Marie-Sophie Hindermann hat ihnen Turnübungen beigebracht, sie ihr im Gegenzug die Stabhochsprung-Basics - unter den Augen von Ivan Macura-Böhm. „Und eines Tages sagt der Ivan zu mir: Marie, wo ist dein Stab, wir haben jetzt Training. Da war ich drin, in der Trainingsgruppe“, sagt Marie-Sophie Hindermann. Das war im Herbst 2012. Seitdem startet sie für den LAV Tübingen.

          In Ulm reichte es zu Platz 13 - unter 15 Konkurrentinnen
          In Ulm reichte es zu Platz 13 - unter 15 Konkurrentinnen : Bild: dpa

          Sie ist immer noch Azubi, auch wenn sie inzwischen den Familienrekord ihres Vaters (3,65 Meter) gebrochen hat und bei 4,10 Meter angelangt ist, aber die neue Karriere ist wie eine Befreiung für sie. Sie hat jetzt endlich so etwas wie Eigenverantwortung. Die kannte sie vom Turnen nicht. Sie ist mit ihrer Trainerin Tamara Khoklowa aufgewachsen, seit sie zehn war. „Ich war immer das Kind, und ich habe mich zu 100 Prozent auf sie verlassen. Gegen Ende meiner Karriere habe ich gespürt, dass ich doch was anderes brauche. Aber die Trainer-Athlet-Beziehung hat sich nie verändert.“

          Im Stabhochsprung wird sie endlich wie eine Erwachsene behandelt. „Natürlich hat auch jetzt mein Trainer die Kompetenz, aber ich kann mich viel mehr einbringen.“ Jetzt könnte man glauben, dass Marie-Sophie Hindermann mit Stabhochsprung ausgelastet ist, aber dann verrät sie, dass sie doch noch ein bisschen turnt. Zwar nicht mehr alle Geräte - aber immerhin für den MTV Stuttgart in der Bundesliga. Das sind zwar nur vier Wettkämpfe im Jahr, und „mein Aufwand tendiert derzeit gegen null, aber die Elemente in meinem abgespeckten Programm habe ich schon fünf Millionen Mal gemacht. Da reicht es, wenn ich einmal pro Woche in die Turnhalle gehe.“

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          Die Turn-Bundesliga ist deshalb wichtig, weil die Medizinstudentin nur noch ein Jahr eine eingeschränkte Förderung genießt, aus ihrer Turnerzeit. „Mit dem Geld, das ich in der Bundesliga verdiene, finanziere ich ein Stück weit den Stabhochsprung. Es erspart ihr zumindest einen Ferienjob. Für eine Förderung im Stabhochsprung reicht es im Moment noch nicht. „Mal sehen ob ich in der Leichtathletik noch unterkomme.“ Wenn man ihr Ziel als Maßstab nimmt, kann das nicht mehr lange dauern. „Ich war schon mal bei Olympischen Spielen, und irgendwie bin ich schon infiziert mit dem Olympiafieber.“ Natürlich will sie nach Rio. Aber sie weiß auch, dass das reichlich ambitioniert klingt - im Moment.

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