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Schwimm-WM : Koch schließt die Augen und holt Gold

  • -Aktualisiert am

Starker Auftritt: Marco Koch holt Gold bei der Schwimm-WM Bild: AFP

Endlich wieder Gold für Deutschland bei einer Schwimm-WM. Nach Jahren der Tristesse krönt sich Marco Koch über 200 Meter Brust zum Champion. Trotzdem ist er nur bedingt zufrieden.

          3 Min.

          Marco Koch hievt seinen ausgelaugten Körper auf die Trennleine. Wie schon bei seinem EM-Goldrennen in Berlin will er die Arme zur Siegerpose erheben, doch die durchtrainierten Hebel des Darmstädters zittern so sehr, dass er sich schlicht hinten rüber ins Becken fallen lässt. Marco Koch hatte soeben mit einer starken Leistung auf der letzten Bahn dem Deutschen Schwimm-Verband (DSV) und dem auf der Tribüne nahezu ausgeflippten Chef-Bundestrainer Henning Lambertz mit seinem Erfolg über 200 Meter Brust das erste WM-Gold seit 2009 beschert – und ist nur bedingt zufrieden.

          „Das Rennen war nicht so schnell, wie gedacht – leider war es kein Weltrekord. Ich hätte gedacht, man muss schneller schwimmen.“ Das ist natürlich nur die eine Seite der WM-Medaille. Auf der anderen Seite sagte der 25-Jährige auch: „Es war ein geiles Rennen – ich bin super happy.“

          Um diese so ambivalenten Reaktionen zu verstehen, muss man wissen, wie der frisch gekürte Weltmeister tickt. Marco Koch hatte in den vergangenen Jahren wieder und wieder betont, dass er nur sich selbst schlagen könne, dass er nur auf sich selbst schauen könne, dass Bestzeiten sein Ziel seien und nicht Medaillen oder Plazierungen.

          Und die 2:07,76 Minuten, mit denen er am Freitagabend vor dem Amerikaner Kevin Cordes (2:08,05) und Ungarns Olympiasieger und Dauerkonkurrenten Daniel Gyurta (2:08,10) anschlug, sie lagen eben 29 Hundertstelsekunde über Kochs Bestzeit von der Heim-EM.

          Das ist das Ding: Maroc Koch holt das erste deutsche WM-Gold sein Britta Steffen
          Das ist das Ding: Maroc Koch holt das erste deutsche WM-Gold sein Britta Steffen : Bild: dpa

          Auch Kochs Trainer Alexander Kreisel, der ein paar Minuten vor seinem Athleten mit Kochs Badekappe und Brille durch die Mixed-Zone Richtung Ausschwimmbecken lief, wirkte in seinen Worten, als habe man soeben das Saisonziel verfehlt. „Das war noch kein perfektes Rennen“, sagte Kreisel – und strahlte. Seine Gesichtszüge verrieten, dass er sehr wohl sehr stolz auf seinen langjährigen Schützling ist. „Die erste Bahn war noch sehr verkrampft, doch die letzte Bahn, als bei der Wende noch Vier quasi gleich auf lagen, da hat er es ganz toll nach Hause gebracht.“

          Tatsächlich wendete Koch nach 50 Metern noch als Fünfter, schwamm sich dann aber Zug um Zug nach vorn, bis er an der letzten Wende schon die Fingerspitzen knapp vor hatte. Koch selbst beschrieb diese letzten 50 Meter so: „Augen zu und einfach nur geknarzt“. Und dann hat eben, wie zuletzt bei der EM in Berlin, diese eine Entscheidung den Unterschied zwischen Silber und Gold, zwischen Koch auf Bahn fünf und Cordes auf Bahn sechs gemacht. Die Entscheidung, kurz vor dem Ziel nicht anzugleiten, aber auch keinen ganzen Zug mehr zu machen, sondern nur einen halben.

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          Mit dieser dritten deutschen WM-Medaille und dem ersten WM-Gold seit 2009 für den DSV schließt sich auch für Marco Koch ein Kreis. Kochs schwimmerisches Talent, seine Art zu gleiten, ohne viel Kraft zu investieren, war international spätestens aufgefallen, als der damals 19-Jährige 2009 überraschend Europarekord schwamm. Doch an die Zeit danach hat der Darmstädter kaum gute Erinnerungen.

          Seine erste WM-Reise ging kurz darauf in eben jenes römische Foro Italico. Dort trat er als Weltranglisten-Zweiter an, schied aber bereits im Halbfinale aus. Als zwei Jahre darauf Schwimm-Deutschland Christian vom Lehn für dessen überraschende WM-Bronze über Kochs Paradestrecke zujubelte, hatte Koch wegen eines Bandscheibenvorfalls die Qualifikation verpasst.

          Keiner ist in Kasan schneller über 200 Meter Brust als der Deutsche
          Keiner ist in Kasan schneller über 200 Meter Brust als der Deutsche : Bild: dpa

          Bei seinen ersten Spielen 2012 ging er trotz bester Empfehlungen unter – bewahrte aber ein Jahr später mit WM-Silber in Barcelona den strauchelnden DSV vor dem K.o. Als Koch bei der Heim-EM 2014 Gold holte, war sich der DSV längst sicher, in ihm einen verlässlichen Medaillenkandidaten für jene Jahre zu haben, die ins Land ziehen werden, bis die nach der Blamage von London eingeleiteten Reformen die geplanten glänzenden Früchte tragen.

          Und nun fischt also Marco Koch, der abseits der vom DSV für seine Elite präferierten Stützpunkte in Darmstadt seine Bahnen zieht, das erste deutsche Gold aus dem mobilen WM-Becken. Die Siegerehrung auf dem in die Mitte der Fußballarena gebauten Podest habe er sehr genossen. „Es ist einfach eine geile Stimmung hier mit der Mannschaft. Wir sind eigentlich so wenige, aber die machen nach den Russen hier den meisten Lärm.“

          Kurz nach diesem Lob bat Koch um etwas Beeilung. „Ich will auch noch zum Burger Laden.“ Auch das ist seine sympathisch-trockene Art. Kochs durch allerlei festgestellte Unverträglichkeiten zum Erfolgsrezept gewordene Diät „vegan mit Fleisch“ werde er an diesem Abend mal links liegen lassen: Sündigen werde er aber nur an diesem Gold-Abend. Dann beginnt die Vorbereitung für Rio de Janeiro. Kochs Ziel: „Bestzeit schwimmen.“

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