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Boxer Marco Huck : Champ fürs Dschungelcamp

  • -Aktualisiert am

Marco Huck gewinnt durch Technischen K.O. und posiert mit dem IBO Weltmeisterschaftsgürtel. Bild: dpa

Immer feste druff: Marco Huck reduziert das Boxen auf die rohe Gewalt. Die Quote stimmt, dabei ist der gewonnene Titel allenfalls B-Ware.

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          Da verstehe einer die Berufsboxer. Ola Afolabis Gesicht zeugt von vorausgegangener vorsätzlicher Körperverletzung, aber er geht zu seinem Peiniger Marco Huck, gratuliert, umarmt ihn. Als das Urteil verkündet wird, applaudiert Verlierer Afolabi artig. „In zwei Monaten bin ich 36, vielleicht bin ich zu alt.“ Abgang des Altmeisters als Weltmeister im Cruisergewicht. Der gute Mann mit nigerianischen Wurzeln, in London geboren, Wohnsitz Los Angeles, skizziert seine Zukunft: „Mich mit Freunden treffen, zum Strand gehen, wann ich möchte.“ Hier und jetzt, in Halle/Westfalen, ist der Gang zum Doktor überfällig.

          Die Bühne im Gerry-Weber-Stadion gehört fortan Huck. Er hat so geboxt wie damals, als er 2009 eben hier, nahe der damaligen Wahlheimat Bielefeld-Brackwede, erstmals Weltmeister geworden ist. Also „rausgehen und pfeffern, bis der Arzt kommt“. Das Rezept hat fast immer funktioniert, den Haudrauf schmückte der WM-Gürtel des Verbandes WBO. Rückschläge tat er wie einen bösen Spuk ab. Selbst den Verlust des Titels vor 28 Wochen gegen den Polen Krzysztof Glowacki. Marco Huck ist ein Mann fürs Grobe im Ring. Er reduziert das Faustfechten auf die rohe Gewalt.

          In der Zeit unter der Fuchtel seines Entdeckers und langjährigen Trainers Ulli Wegner hat er gelernt, zwecks Selbstschutz die Fäuste vors Gesicht zu halten, einen soliden Jab zu setzen – aber das ist es auch schon an Verfeinerungen. Er stürzt sich auf seine Gegner, er klammert, schlägt auch schon mal nach dem Trennkommando.

          Er lebt von seiner Physis, von Schwingern nach dem Prinzip einer Schrotflinte mit großer Streuung. Vor allem gebricht es ihm nicht an Selbstbewusstsein und der Kunst der Vereinfachung. „Ich bin wieder zurück auf dem Thron“, hörte man ihn sagen, dabei schmückt er sich mit dem Gürtel des Verbandes IBO, der unter den Drei-Buchstaben-Firmen des Berufsboxens allenfalls der Kategorie B zuzuordnen ist.

          Huck ist der Gegenentwurf zu Klitschko

          Hucks Bruder Kenan Hucic, der sich als sein neuer Promoter zu profilieren versucht, relativierte unbewusst den Triumph von Halle: „Wir werden versuchen, an große Kämpfe zu kommen.“ Etwa eine Revanche gegen Glowacki, oder einen Titelkampf gegen einen anderen Weltmeister. Mit RTL wissen sie einen starken Partner hinter sich, Hucks Premiere beim Sender wollten rund fünf Millionen Zuschauer sehen, das sind mehr als bei Kämpfen von Felix Sturm und Artur Abraham.

          Draufgänger Huck ist der Gegenentwurf zum übervorsichtigen, taktierenden Wladimir Klitschko, den RTL seit Jahren im Programm hat. In Halle moderierte der ehemalige Champ des Schwergewichts das Geschehen im Ring, Vergangenheit und Zukunft Hucks im Stile eines Verkäufers, der es versteht, der Kundschaft auch zweitklassige Ware als Premiumprodukt anzudrehen. Kein Wunder, die Klitschko Management Group und die Huck Service GmbH, die mit dem Slogan Ruck-Zuck-Huck wirbt, sind Geschäftspartner.

          Es gab Zeiten, da waren Klitschko und seine Entourage nicht so gut auf das Großmaul Huck zu sprechen. Da forderte er Wladimir heraus, sich gefälligst einem Duell mit ihm zu stellen, warf dem Weltmeister aller Klassen Feigheit vor dem Feind vor. Huck glaubte ernsthaft, es mit jedem aufnehmen zu können und sieht sich jetzt, nach dem Sieg über Afolabi, voll bestätigt. „Harte Arbeit zahlt sich aus, wenn ich fleißig trainiere, bin ich wieder Weltmeister“, lautet der Glaubenssatz des Wahl-Berliners.

          Er war nie wählerisch in der Wahl seiner Mittel und hat nach dem Weg in die Selbständigkeit die Ja-Sager um sich geschart, die ihn in seiner Sicht der Dinge bestärken. „Er hat den Kampfplan zu 95 Prozent umgesetzt“, schwärmte sein neuer Trainer Varol Vekiloglu, ohne dass ein Kampfplan erkennbar gewesen wäre. „Marco ist Marco, Marco lebt von seiner Art und Weise.“ Darin erschöpft sich die Analyse.

          Der Ringarzt beendet die Tortur

          Also immer feste druff. Bei Afolabi, der vom ersten Gong an genervt wirkte, auch nie sonderlich engagiert, zeigte sich schon nach der zweiten Runde eine Schwellung am rechten Jochbein. Die wuchs sich durch den Wiederholungstäter Huck so weit aus, dass das rechte Auge Runde um Runde weniger Durchblick zuließ. Von der Mitte des auf zwölf Runden angesetzten Duells hatte Huck leichtes Spiel mit dem Briten und handelte sich dennoch ein paar Konter der härteren Sorte ein.

          Gegen einen Besseren hätte die Quittung böse Folgen haben können, aber im insgesamt vierten Duell kündigte die Formkurve Afolabis ein vorzeitiges Ende an. Auf Anraten des Ringarztes beendete der Ringrichter die Tortur in der Pause nach dem zehnten Durchgang. Das offizielle Urteil: technischer K.o. in der 11. Runde. Wer‘s gerne derb mag im Boxring, dem animalischen, das man einst in Mike Tysons Auftritten erkannt haben wollte, etwas abgewinnen kann, ist mit Huck bestens bedient. Wenn es so etwas wie ein Dschungelcamp für Berufsboxer gäbe, hätte Marco Huck die allerbesten Chancen, sich dort polarisierend zu profilieren.

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