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Marcel Nguyen im Gespräch : „Die Kunst liegt darin, alles leicht aussehen zu lassen“

  • Aktualisiert am

Kopfüber: Nguyen hat sich das Interesse der Öffentlichkeit „erturnt“ Bild: AFP

Zwei olympische Silbermedaillen haben ihn populär gemacht. Diese Chance will Marcel Nguyen nun nutzen - in Stuttgart. Im F.A.Z.-Interview spricht er über das neue Image des Turnens und die Risiken immer schwierigerer Übungen.

          5 Min.

          Ist der Turnsport inzwischen cool?

          Für mich war dieser Sport schon immer cool, aber vielleicht haben andere das Turnen inzwischen erst für sich entdeckt, die haben vorher vielleicht gedacht: Turner? Das sind doch die Jungs in den engen Hosen. Aber die Zeit von Turnvater Jahn ist vorbei. Das, was wir machen, sieht schon lange nicht mehr so streng aus. Was wir da in der Halle tun, ist unglaublich spektakulär. Leute, die das noch nie live gesehen haben, gehen oft fasziniert wieder nach Hause. Die können manchmal gar nicht glauben, was sie gesehen haben.

          Die breite Öffentlichkeit hat Sie im Sommer bei den Olympischen Spielen entdeckt, inzwischen haben Sie mehr als 200.000 Fans bei Facebook, sie werden zu Empfängen mit Ministern und dem Bundespräsidenten eingeladen - für Sie muss all das ungewohnt sein, oder?

          Natürlich ist es das, aber es ist eine unglaublich spannende Zeit. Vielleicht ist dies ein bisschen das Schicksal von Sportlern in nichtolympischen Disziplinen, wir stehen nicht jedes Jahr im Rampenlicht, aber wenn wir es erst einmal dahin geschafft haben, dann müssen wir das Beste daraus machen. Man muss seine Chance nutzen, wenn das Interesse da ist. Angebote von Sponsoren gibt es.

          Können Sie von ihrem Sport leben?

          Es ist schon ok, aber nicht so, dass ich auf einmal im Luxus schwelge.

          Werden Sportler in Deutschland ausreichend gefördert?

          Ich mache das Turnen, seitdem ich ein kleiner Junge bin, und ich mache es, weil es mir Spaß macht, nicht weil ich damit Geld verdienen wollte. Das muss man wissen als Leistungssportler. Ich bin froh, dass es mir ermöglicht wird, mein Hobby ausüben zu können, das ist nicht überall so. Seit 2007 bin ich Mitglied in der Sportfördergruppe der Bundeswehr, das hilft mir sehr. Aber natürlich wird niemand allein durch die Förderung ein reicher Mann - da musst du woanders leben.

          Wo zum Beispiel?

          Gemeinsam mit mir trainiert am Stützpunkt Stuttgart ein Turner aus Aserbaidschan, wenn er bei Olympia eine Medaille gewinnt, bekommt er ungefähr 300.000 Euro und eine Wohnung, wenn er sogar Gold gewinnt, dann könnte es noch deutlich mehr sein. Aber das ist eben Aserbaidschan und nicht Deutschland, dort gibt es auch insgesamt nicht so viele Sportler, so dass Vergleiche schwierig sind.

          Marcel Nguyen: Es gehe darum, Grenzen zu verschieben
          Marcel Nguyen: Es gehe darum, Grenzen zu verschieben : Bild: Wonge Bergmann

          „Pain is temporary, Pride ist forever“ - Schmerz geht vorbei, Stolz bleibt ewig - Sie haben sich diesen Spruch auf die Brust tätowieren lassen. Was bedeutet er für Sie?

          Er spiegelt meine Lebenseinstellung. Ich musste mich immer wieder überwinden, immer wieder motivieren, um nach oben zu kommen. Natürlich tut es weh, wenn die Hände aufreißen, wenn ich mir etwas prelle, vor zwei Jahren ist mein Bein gebrochen. Ich glaube, dass ich in den vergangenen Jahren mehr als einhundert Mal gestürzt bin - manchmal auf die Stange, den Barren, das Pferd, und wenn es gut lief dann nur auf den Boden. Davon darfst du dich nicht beeindrucken lassen, du musst immer weitermachen. Die Medaillen nimmt mir nun keiner mehr.

          Während der Wettkämpfe von London haben Sie die Tätowierung überschminkt - warum?

          Das Turnen ist in Bezug auf die Kampfrichter noch immer eine relativ traditionelle und eher konservative Sportart, in der es vor allem um die Ästhetik geht. Es kommt bei uns nicht darauf an, einhundert Meter in neun Sekunden zu laufen, es geht darum, ob es den Kampfrichtern gefällt, was du machst. Dazu zählt auch dein Auftreten, und es hätte sein können, dass die Kampfrichter nicht mögen, was sie auf meiner Brust sehen und mit Abzügen in der Bewertung reagieren. Dann kann es sein, dass ich ein halbes Zehntel weniger bekomme, im schlimmsten Fall entscheidet das über Gold, Silber oder Bronze. Bei Olympia wollte ich in dieser Hinsicht kein Risiko eingehen.

          Dabei geht es beim Turnen immer um Risiko. Haben Sie manchmal Angst?

          Nein, Angst hatte ich noch nie, aber natürlich gibt es den Respekt vor bestimmten Dingen. Das ist auch gut so, an die schweren Elemente musst du immer mit voller Konzentration herangehen. Wenn du das nicht machst, können dir Fehler unterlaufen.

          Wozu kann das führen?

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