https://www.faz.net/-gtl-8hm97

Turner Marcel Nguyen : Die Lust ist wieder da

  • -Aktualisiert am

Kopfüber zur Medaille: Marcel Nguyen freut sich schon auf Olympia Bild: dpa

Marcel Nguyen überzeugt bei der Turn-Europameisterschaft mit Bronze am Barren – und erhofft sich auch für die Olympischen Spiele ein Platz auf dem Siegerpodest. Sorge bereitet ihm nur noch um eine Kopfbewegung.

          3 Min.

          Noch gelinge nicht alles, aber jeder Wettkampf öffne ihm die Augen ein bisschen mehr. Das sagte Bundestrainer Andreas Hirsch vor dem sonntäglichen Finale über Marcel Nguyen, den einzigen deutschen Gerätefinalisten der Turn-Europameisterschaft in Bern. Am Ende gewann er Bronze an seinem Spezialgerät Barren. Wichtig sei gewesen, dass „die Leute sehen, dass ich wieder da bin“, so Nguyen, und auch, 7,0 Punkte für die Schwierigkeit zu erhalten. Es war die schwierigste Übung der Konkurrenz. Nun gilt es noch, ein „Problem zwischen Kopf und Hüfte“ zu lösen, wie Andreas Hirsch es beschreibt, ein technischer Fehler bei der Riesenfelge mit ganzer Drehung zwischen den Holmen, letztlich eine bestimmte Bewegung des Kopfes: „Wenn er die hat, dann läuft das Ding.“

          Nguyen führte das deutsche Team in Bern an, auf seine Art. Der Münchner mit vietnamesischem Vater beobachtete aufmerksam, rief einem Teamkameraden schon mal ein Stichwort zu, klatschte und klopfte anerkennend auf Schultern. Der schmale Mann wirkt dabei sehr präsent, aber nicht dominant. Große Gesten und lautes Geschrei sind seine Sache nie gewesen. „Ich bin sehr zufrieden mit meiner Mannschaft“, urteilte er nach dem Teamwettbewerb, den man auf Rang fünf beschloss. Seine Antworten wirken abgeklärt, auch schon mal irritierend distanziert.

          Ausgesprochen wortkarg

          Nguyen wird im September 29 Jahre alt. Seine erste Weltmeisterschaft bestritt er 2005, 2010 gewann er die erste EM-Medaille. Es folgten zwei Goldmedaillen am Barren und Teammedaillen im Kreis des berühmten Jahrgangs 1987 mit Philipp Boy und Fabian Hambüchen, aus deren Schatten sich Nguyen damals nie heraus bewegte - vielleicht, weil er es gar nicht wollte. Nguyen war lange ausgesprochen wortkarg, kaum auszumachen, ob aufgrund von Schüchternheit, Arroganz oder einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschehen jenseits der konkreten Leistung.

          Niemand hegte je Zweifel an seinem riesigen Potential, aber er galt nicht gerade als trainingseifrig. Doch sein Heimtrainer in Stuttgart, Valeri Belenki, weiß offenbar, was er mit seinem Schüler zu tun hat. Betrachtet man die olympische Ausbeute, dann ist nicht der dauerpräsente Hambüchen, sondern Nguyen der erfolgreichste deutsche Turner der letzten Dekaden. In London 2012 gewann er zwei Silbermedaillen, am Barren und vor allem im Mehrkampf: die erste deutsche Medaille dieser Konkurrenz seit 1936. Er war die große Turn-Überraschung von London.

          Man müsse versuchen, sich in Marcels damalige Situation zu versetzen, sagt Hirsch heute: der „komplette große Erfolg, der Höhepunkt der Karriere“ - danach sei der Gedanke, welche Möglichkeiten sich daraus ergeben oder welche Seiten das Leben noch so haben könnte, ja normal. Bekanntheitsgrad, Prominenz und Chancen zur Selbstvermarktung, also all das, was in Deutschland meist Hambüchen vorbehalten blieb, das erlebte Nguyen nach den Olympischen Spielen auch, allerdings in Hongkong. Aus nie geklärten Gründen wurde er dort zu einem veritablen Star, zunächst für Abertausende Teenager in den sozialen Medien und dann auch für potente Unternehmen.

          Bei der Europameisterschaft 2013 wirkte Nguyen ein wenig lustlos, den folgenden Winter blieb er gleich ganz in Asien. An die Stelle der staubigen Turnhalle traten Galadiners, Modenschauen, Präsentationen deutscher Nobelkarossen. Nicht wenige zweifelten damals daran, dass er sich jemals wieder für den wenig glamourösen Trainingsalltag würde begeistern können. Im Herbst 2014 kam ein Kreuzbandriss im rechten Knie dazu. „Da war ich schon wieder auf dem Weg, da war klar, dass ich auf jeden Fall nach Rio will“, sagt er heute. Die Verletzung habe ihn zurückgeworfen, aber an seiner grundsätzlichen Haltung - „wieder Lust zu haben“ - nichts geändert.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Bei der gelungenen Teamqualifikation für Rio in diesem April steuerte Nguyen an drei Geräten die höchste deutsche Wertung bei. Danach flog er kurz zu ein paar Terminen nach Peking, aber damit ist jetzt erst einmal Schluss. Bis zu den Spielen gibt es nur Training. Bundestrainer Hirsch gefällt die Situation: „Er hat Bock auf Leistung, ich habe einen kompletten Wettkämpfer wieder“ - und die anderen im Team haben Respekt vor ihm. Nguyen hat entschieden, dass er noch mal will. Angeblich ganz allein, denn zwingen könne man diesen Turner nicht: „Er würde sich nicht streiten, er würde einfach das Spielfeld verlassen.“ In Bern schien er sich wohl zu fühlen auf dem Spielfeld der Turner. Falls Hambüchen aufgrund seiner Schulterprobleme auf die Spiele in Rio verzichtet, wird Nguyen dort wieder das Team anführen. Nicht nur das: Weltweit 19 Turner haben laut Hirsch das Potential, in Rio eine Medaille am Barren zu gewinnen. Nguyen sei einer davon: „Die Möglichkeit besteht - das ist ja auch schon mal eine Aussage.“

          Bleibt also das technische Problem bei der Riesenfelge, bei der Nguyen momentan ständig die rechte Körperhaltung und somit Punkte in der Ausführungsnote verliert. Aber das sollte sich in der verbleibenden Zeit lösen lassen, geht es dabei doch nur um eine Bewegung des Kopfes.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          SPD-Kandidat Thomas Westphal mit seiner Frau Janine

          OB-Stichwahl in Dortmund : Die SPD verteidigt ihre „Herzkammer“

          Grüne und CDU hatten in Dortmund ein Bündnis gegen die seit 74 Jahren regierenden Sozialdemokraten gebildet. Trotzdem kann sich SPD-Kandidat Thomas Westphal bei den Oberbürgermeisterstichwahlen mit klarem Abstand auf seinen Herausforderer Andreas Hollstein durchsetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.