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Marathonläufer Amanal Petros : Mit langem Anlauf zum deutschen Rekord

Lief einen weiteren deutschen Rekord im Marathon: Amanal Petros Bild: Picture-Alliance

Für Marathonläufer Amanal Petros ist Laufen auch Therapie. Vom Flüchtlingslager in Bielefeld schaffte er es bis in die europäische Spitze. Nun stellt er einen weiteren deutschen Rekord auf.

          3 Min.

          Der „Kreisrekord von Bielefeld“, so erzählt es Amanal Petros am Telefon, war sein „erstes großes Ziel“ als Läufer. Erst kurz zuvor hatte er im Flüchtlingslager in Ostwestfalen überhaupt begonnen, zu joggen, um der Langeweile davon zu laufen. „Das nächste große Ziel ist der Europarekord“, sagt er nun, neun Jahre später. Und auf dem Weg dahin hat er zunächst einmal seine eigene deutsche Bestmarke verbessert.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Beim „Maratón de Valencia“ lief der 26-jährige am Sonntag nach 2:06:26 Stunden als Elfter ins Ziel und verbesserte damit den deutschen Rekord. „Ich bin super happy“, sagte Petros, obwohl er einschränkte: „Zwar hatte ich gehofft, dass ich 2:05 Stunden laufen kann. Aber dafür war es heute zu windig“. Der Sieg in Valencia ging an den Kenianer Lawrence Cherono (2:05:12). Auf der sehr flachen Strecke entlang der Küste mit Start in der Stadt der Künste und Ziel auf einem Holzsteg, der die Finisher symbolträchtig über Wasser laufen lässt, hatte Petros schon im Vorjahr den nationalen Rekord von Arne Gabius (2:08:33) um gut eine Minute auf 2:07:18 Stunden gedrückt.

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          Und erst im Oktober konnte er ebenfalls in Valencia in 1:00:09 einen Landesrekord im Halbmarathon markieren. Der vor 26 Jahren in Assab, Eritrea, geborene Petros avancierte somit zum ersten deutschen Läufer, der beide Langstrecken-Bestmarken zeitgleich hält. Worauf er „wirklich sehr stolz“ sei. Denn er denke auch immer daran, „wo ich herkomme und wie ich angefangen habe“.

          Es war beim „Oesterweger Volks- und Feuerwehrlauf“ am 29. Juni 2012, als der damals 17-Jährige zum ersten Mal an der Startlinie eines offiziellen Rennens stand. Er gewann auf Anhieb – mit zweieinhalb Minuten Vorsprung vor dem Zweitplatzierten. Schon vierzehn Tage später schaffte der damals für die TSV Einigkeit 1890 Bielefeld startende junge Mann bei einem 5000-Meter-Rennen in Borgholzhausen seinen nächsten großen Sieg in 15:36,37. Erstes Karriere-Ziel erreicht. Der Kreisrekord bei der männlichen Jugend U 18 gilt noch heute.

          208 Kilometer – pro Woche

          Ein Jahr zuvor war Petros als 16-Jähriger aus Äthiopien geflüchtet, alleine, als unbegleiteter Jugendlicher. Er war zwar nicht im Paradies gelandet, aber immerhin in Nordrhein-Westfalen. Über Sport versuchte er sich in der neuen Heimat zu integrieren und die Sprache zu lernen – was ihm vortrefflich gelang. Fußball war sein erster Versuch, doch der Trainer war nicht zufrieden mit ihm: Er sei zu viel gelaufen und habe zu wenig gespielt, erinnert sich der 1,81 Meter große, aber nur 62 Kilo leichte junge Mann. Ein Läufertyp eben.

          Will Europas Bester werden: Amanal Petros
          Will Europas Bester werden: Amanal Petros : Bild: dpa

          Zuletzt rannte Petros 208 Kilometer – pro Woche. Seit Anfang November weilte er im Trainingslager in Kenia und feilte an seiner Langstrecken-Performance. Bis zum Freitag war er geblieben, um dann zwei Tage später in Valencia von dem Höhenrausch zu profitieren. Sein Leben gestaltete sich zuvor überschaubar: „Trainieren, essen, trinken, schlafen“ lauteten die Tagesordnungspunkte. Als Freizeitbeschäftigung stand „Karten spielen“ mit anderen Läufern weit oben. Einmal haben sie gemeinsam einen Tierpark besucht und die herrliche Landschaft genossen. Ansonsten: Regeneration. „Für mich wird es nicht langweilig“ behauptet der 26-Jährige: „Ich weiß, von wo ich aufgestanden bin.“

          Flucht und Vertreibung dominierten seine Kindheit und Jugend. Als er zwei Jahre alt war, flüchtete seine Mutter mit ihm von Eritrea nach Äthiopien, das er dann wiederum vor einem Jahrzehnt verließ. Dort, in der Region Tigray, wütet derzeit ein neuer Bürgerkrieg. Truppen der Zentralregierung kämpfen mit jenen der gestürzten Regionalregierung um die Macht. Der Konflikt löste eine humanitäre Krise aus, in deren Folge bislang fast zwei Millionen Menschen vertrieben wurden.

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          Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge sind 400.000 Menschen von einer Hungersnot betroffen. „Es ist schlimmer geworden“, sagt Petros. Seine Mutter und seine beiden Schwestern leben noch in der nordäthiopischen Region. Helfen kann er ihnen nicht. „Ich bin seit 2017 Soldat der deutschen Sportfördergruppe“, sagt Petros, der zwei Jahre zuvor deutscher Staatsbürger geworden war. Er sei verpflichtet, auch als Privatmann nicht in solche Regionen und Konflikte zu geraten.

          Die Sorge um seine Mutter, die er seit Monaten nicht gesprochen hat, und seine beiden Schwestern, von denen eine willkürlich verhaftet worden sei, treiben den jungen Mann um. „Ich denke immer an sie, jeden Tag“, sagt Petros mit sanfter Stimme. „Ich versuche mich abzulenken“, bekennt er, und dabei nutzt ihm sein intensives Training, mit dem er seine ehrgeizigen Ziele verfolgt. „Laufen hilft“, lautet sein Mantra.

          An einem Tag gestaltete er einen „langen Lauf“, der erst jenseits der 30-Kilometer-Marke endet. Am nächsten hielt er sich morgens mit einem lockeren Dauerlauf auf Trab, ehe er nachmittags an seiner Schnelligkeit feilte. Mal trainierte Petros im Stadion, mal draußen auf der Piste. Die anderen Läufer, die mit ihm trainieren, „versuchen mich zu schützen“, sagt er. Einige wissen von seinen familiären Sorgen, unterstützen ihn mental. „Ich bin sehr froh, hier zu sein.“ Seine Erfolge widmet Petros den Menschen in Tigray, „die dort bedroht sind“. Es ist seine Art, auf die dortige Krise aufmerksam zu machen.

          Ob es ihm eines Tages tatsächlich gelingt, den Europarekord zu attackieren, sei dahingestellt. Er müsste sich um weitere drei Minuten verbessern, seitdem der Belgier Bashir Abdi im Oktober den Marathon-Rotterdam in 2:03:36 Stunden absolvierte. Nach seinem neuerlichen Coup in Valencia rangiert er immerhin schon auf Platz sechs der „ewigen“ europäischen Bestenliste. Und auch so ist seine Laufbahn schon eine Erfolgsgeschichte. In der aktuellen Bestenliste des Leichtathletik-Kreises Bielefeld ist der Name Amanal Petros acht Mal notiert.

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