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Marathonläufer Philipp Pflieger : „Der Verband hat Sorge vor einem Olympia-Tourismus“

Im, aber nicht am Ziel: Philipp Pflieger (l.) macht in Berlin einen großen Schritt, der ihn aber noch nicht nach Rio bringt Bild: dpa

Trotz erfüllter internationaler Olympia-Norm muss Marathonläufer Philipp Pflieger um seinen Start in Rio de Janeiro bangen. Im Interview erzählt er, warum der deutsche Verband von ihm eine noch schnellere Zeit erwartet.

          3 Min.

          Sie sind am Sonntag Ihren ersten Marathon durchgelaufen in Berlin. Was machen die Beine?

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Stimme macht mehr Schwierigkeiten. Wir haben bis halb fünf heute Morgen getanzt und gefeiert.

          Bei Ihrem Debüt in Frankfurt im Herbst sind Sie auf der Strecke zusammengebrochen, nun haben Sie in 2:12:50 Stunden die internationale Norm für die Olympischen Spiele 2016 deutlich unterboten. Der deutsche Verband allerdings erwartet, dass Sie noch eine halbe Minute schneller rennen, damit er Sie nominiert. Was nun?

          Ich bin überwältigt von der Resonanz in den sozialen Medien. Leute, die ich gar nicht kenne, schlagen Petitionen und Hashtag-Aktionen auf Twitter vor. Der Verband scheint Sorge zu haben, dass es so etwas gibt wie Olympia-Tourismus. Aber die sportinteressierte Bevölkerung will sehen, dass sich ihre Athleten dem internationalen Vergleich stellen.

          Bundestrainer Idris Gonschinska soll in Berlin gewesen sein. Hat er sich oder hat sich jemand anderes vom Verband gemeldet?

          Ich habe gehört, dass er im Vip-Zelt war und sich die Übertragung angesehen hat. Mit mir hat er nicht gesprochen. Mir ist ein Link zu einem Interview des Verbandspräsidenten zugeschickt worden, der sich genötigt fühlte, zu argumentieren, dass ich mit meiner Zeit in der Weltrangliste auf Platz zweihundert plus liege ...

          ...und dass normalerweise nur jemand aus den Top 25 bis 30 nominiert wird. Endkampfchance heißt das Stichwort.

          Das ist populistisch. Selbst wenn 180 ostafrikanische Läufer vor mir geführt werden: Bei Olympia dürfen pro Land nur drei starten, ob aus Kenia, Äthiopien oder Eritrea. Die weiteren Plätze gehören den Teilnehmern aus anderen Ländern. Es wäre schön, wenn wir die in Anspruch nehmen dürften.

          Die Qualifikations-Kriterien, die er deutsche Verband verschärft hat, orientieren sich an den internationalen Bestzeiten. Wie sehr sind die nach Ihrem Eindruck von Doping bestimmt?

          Ich kann im Marathon keine Beispiele aus jüngster Zeit dafür nennen, dass Athleten Jahre nach ihren Medaillengewinnen disqualifiziert werden. Aber Zeiten von 2:02, 2:03 und 2:04 Stunden sind einfach phantastisch. Das ist geradezu abstrakt, ich kann mir so ein Tempo nicht vorstellen. Gut, 29:10 Minuten auf zehn Kilometer, wie sie es laufen, sind vorstellbar; ich bin vergangenes Jahr 10.000 Meter in 28:40 Minuten gelaufen. Aber vier Mal hintereinander! Für mich ist das nicht nachvollziehbar. Läufer, von denen man noch nie gehört hat, steigen im Januar in Dubai mit Marathons von 2:04 Stunden in die Saison ein. Das sorgt bei mir für eine gewisse Grundskepsis. Ich laufe meine 2:12 nicht aus heiterem Himmel. Insofern ist es gut, dass die ARD mit der Dokumentation von Hajo Seppelt deutlich gemacht hat, wie einfach Doping in Kenia ist.

          Wenn Sie zu entscheiden hätten, würden Sie deutsche Marathonläufer mit einer Qualifikationszeit unter 2:17 nach Rio schicken?

          Unbedingt. Auf der einen Seite wird vollkommen zu Recht sauberer Sport gefordert. Auf der anderen Seite werden Qualifikationszeiten eingefordert, von denen man kaum weiß, wie sie jemand erreichen soll - und die sich dann auch noch als übertrieben erweisen. Der Verband wollte, um mich für die Europameisterschaft in Zürich zu nominieren, dass ich 28:35 Minuten laufe über 10.000 Meter. Mit den 28:40, die ich nach acht Wochen Reha geschafft habe, wäre ich im Finale Achter geworden.

          Was erwarten Sie vom Verband?

          Ein bisschen Vertrauen. Statt der verschärften Norm hinterherzurennen, hätte ich mich in aller Ruhe und Konsequenz vorbereiten können. Schließlich hatte ich das Frühjahr wegen eines Ermüdungsbruchs in der Hüfte verpasst. Der Verband nimmt mit seiner Haltung Sportlern die Chance zu überraschen. Viele reiben sich dabei auf, die Norm zu schaffen.

          Ist Ihr Zusammenbruch beim Frankfurt-Marathon darauf zurückzuführen?

          Indirekt. Als Sportler habe ich keine Planungssicherheit; meine Existenz hängt in gewissem Maße von meinen Ergebnissen ab. In Kombination mit dem persönlichen Ehrgeiz ist das eine explosive Mischung. Als ich im Februar 2014 die Verletzung erlitten hatte, habe ich alles darangesetzt, es nach Zürich zu schaffen. Aus therapeutischer Sicht war das sicher nicht besonders klug. Dadurch, dass ich immer Leistungsnachweise nachliefern sollte, war ich physisch und psychisch extrem angespannt. Als es dann hieß: Du fährst nicht mit, wollte ich beim Marathon zeigen, was ich was drauf habe. Der war zwar geplant, aber nicht wirklich gut vorbereitet. Ich wollte mit dem Kopf durch die Wand. Das funktioniert nicht im Leistungssport.

          Stimmt es, dass Sie bewusstlos waren?

          Das nicht, aber ich kann mich nicht an alles erinnern. Am nächsten Tag habe ich die Schrammen am Kopf und an den Schultern bemerkt.

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