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Marathonläufer Julian Flügel : Halbprofi mit Bestzeit-Ambitionen

  • -Aktualisiert am

Glänzendes Marathon-Debüt in Hamburg: Nach 2:15:39 Stunden war Julian Flügel im Ziel Bild: Picture-Alliance

Er ist der schnellste „Riesling-Läufer“ aller Zeiten. Und obwohl er 30 Stunden pro Woche arbeitet, peilt Julian Flügel beim Frankfurt-Marathon eine 2:14er-Zeit an. Das Fernziel des Rheingauers ist Rio.

          Der Hausherr trägt Anzug und Businesshemd, aber im Treppenhaus zu seiner Wohnung stehen fein säuberlich acht Paar Joggingschuhe aufgereiht. Sechs weitere hat Julian Flügel noch in der Wohnung deponiert, praktisch alle Farben des Regenbogens sind vertreten. Was auf den ersten Blick wie ein ausgewachsener Schuhtick aussieht, ist praktische Notwendigkeit. Läufer müssen ihr Schuhwerk öfter wechseln, Marathonläufer erst recht, und zwar nicht erst dann, wenn ein Paar auseinanderfällt, sondern rotierend. Immer sind mehrere Exemplare im Einsatz. Das ist gut für die Füße, für die Belastungsverteilung und gut für die Schuhe. Julian Flügel trainiert in der Regel morgens und abends, pro Woche kommt er auf zwölf Einheiten mit rund 180 Kilometern Umfang – unter vollem Einsatz des bunten Schuhsortiments. „Meine Freundin hat auch zwei Paar Joggingschuhe - sie läuft jetzt auch“, erzählt Julian Flügel hocherfreut. Allerdings nicht mit ihm zusammen, das Tempo passt dann doch nicht.

          Er selbst hat als 16-Jähriger mit dem Laufen angefangen, steigerte zunehmend die Distanzen und sammelte Erfolge. Insgesamt viermal wurde er Dritter bei deutschen Meisterschaften über 5000 Meter, zehn Kilometer und im Crosslauf, einmal Zweiter über 10.000 Meter. Jetzt, mit 28 Jahren, ist er Deutschlands zweitbester Marathonläufer – und das, obwohl er fast voll berufstätig ist. 30 Stunden die Woche arbeitet der Betriebswirt bei einem Gabelstaplerhersteller in Wiesbaden in der „internen Revision“. Dafür, dass er die Arbeitszeiten seiner Dreiviertel-Stelle individuell seinem Trainingsplan anpassen darf, ist er seinem Arbeitgeber sehr dankbar. „In der Regel komme ich gegen halb zehn, zehn zur Arbeit und mache entsprechend Feierabend.“ So, dass vorher und nachher noch Zeit genug ist für seine langen und ganz langen Läufe im Rheingauer Wald oder entlang des Leinpfades am Rhein.

          Stressig wird es für den Mann mit der dualen Läuferkarriere immer dann, wenn er die Produktionsstätten der Vertriebsgesellschaft auswärts begutachten muss. Das kommt einmal im Monat vor und dauert zumeist eine Woche. Laufen kann man zwar theoretisch überall, aber je nachdem, wie lange die Arbeitstage auswärts dauern, „muss ich morgens um sechs und abends um sieben laufen, dann kommt vor allem die Regeneration zu kurz“. Und je nachdem, wo das Hotel steht, kommt noch Anfahrt dazu, denn praktisch kann man eben doch nicht überall richtig laufen.

          Dass er trotz all dieser Strapazen bei seinem Marathon-Debüt gleich eine Zeit von 2:15:39 Minuten erreichte, gelaufen am 4. Mai in Hamburg, ist schon aller Ehren wert. In Kenia wäre der 1,83 Meter große und 65 Kilo schwere Hesse damit zwar nur einer unter vielen, in Deutschland rangiert er 2014 aber bislang an Nummer zwei der Bestenliste: Nur EM-Teilnehmer André Pollmächer (2:13,58) war eine Woche zuvor in Düsseldorf flotter unterwegs. „Noch Nummer zwei“, schränkt Flügel selbst ein, er rechnet damit, dass der umgestiegene 5000-Meter-Läufer Arne Gabius ihn beim Frankfurt-Marathon am Sonntag überholt. „Der ist dann doch noch mal ’ne Klasse besser“, sagt Flügel über Laufprofi Gabius, der bei seinem Marathon-Debüt gleich eine Zeit um 2:10 anpeilt. „Das würde nichts bringen, mit ihm mitlaufen zu wollen“, sagt der Halbtagsläufer, der in Frankfurt gleichwohl auch eine persönliche Bestzeit anstrebt: 2:14 Stunden sind sein Nahziel für Frankfurt – eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 sein Fernziel. Auch 2020 schließt er nicht, aus, denn bis 35 könne man sich als Ausdauerathlet noch verbessern. „Es ist schon mehr als ein Hobby“, sagt der gut organisierte Halbprofi, der aus Fulda stammt, für die LG Regensburg startet und dessen Trainer Jürgen Stephan in Kassel wohnt. „Wir stimmen uns per E-Mail und am Telefon über die Laufbelastung ab, das klappt gut.“ Nur trainieren muss er eben meistens alleine.

          Nach Halbmarathon-Sieg einfach weiter gerannt

          Wegen seines BWL-Studiums war Flügel 2006 nach Wiesbaden gekommen, als Master of Finance danach im Rhein-Main-Gebiet geblieben. Im Rheingau wohnt er seit eineinhalb Jahren und hat sich als auch als Läufer schon bekanntgemacht, als er Anfang August beim „Riesling-Lauf“ in Oestrich-Winkel startete. Dass Flügel den anspruchsvollen Halbmarathon durch die Weinberge, der hauptsächlich von ambitionierten Freizeitläufern angegangen wird, mit mehr als zwölf Minuten Vorsprung gewann, war schon beachtlich genug. Für besonderes Aufsehen sorgte der Wahl-Rheingauer aber vor allem, als er nach dem Zieleinlauf in 1:10:53,8 Stunden gleich weiter rannte, die verdutzten Finisher des parallel ausgetragenen Zehn-Kilometer-Laufs und das staunende Publikum bei Kaffee und Kuchen zurücklassend. „An dem Tag standen 35 Kilometer auf meinem Trainingsplan“, sagt er schmunzelnd, „also habe ich gar nicht erst angehalten.“

          Vor dem namensgebenden Riesling sei er keineswegs davongelaufen, da ist Julian Flügel kein Kostverächter. „Ich ernähre mich schon gesund“, sagt der Genuss-Läufer, „aber man darf das auch nicht zu verbissen sehen. Ein Gläschen Wein am Abend sollte schon noch drin sein.“ Gerade im Rheingau.

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