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Marathon : Laufender Aufstieg

  • -Aktualisiert am

Dominant: Die Läufer aus Kenia und Äthiopien beherrschen die Langstrecken Bild: Bergmann

Eine ethnische Gruppe aus dem Nordwesten Kenias und ihre Laufökonomie: Sie quälen sich nicht - viele scheinen sogar zu schweben. Eine Suche nach den Erfolgsrezepten.

          Beim Marathonlauf ist die Rhythmusgruppe immer vorne. Hier wird das Tempo diktiert, hier wird die Auslese der Fittesten vorgenommen. In der Spitzengruppe sind Zeiten von drei Minuten pro Kilometer das Maß, 42 Mal nacheinander. 15000 Läufer starten beim Frankfurt-Marathon an diesem Sonntag, doch nur ein gutes Dutzend kommt für den Sieg in Frage.

          Die Favoriten heißen Wilson Kipsang, Robert Kiprono Cheruiyot, Wilfred Kigen oder Isaac Wanjohi Macharia - und sie kommen alle aus Kenia. Insgesamt elf Kenianer und vier Äthiopier, die eine Zeit unter 2:10 Stunden laufen können, haben gemeldet. Alles was dahinter kommt, gehört zur Lauffolklore.

          „Streckenrekord ist das Ziel“, sagt Christoph Kopp, sportlicher Leiter des Frankfurt-Marathons. Wie immer, könnte man hinzufügen. Vier Mal wurde in den vergangenen Jahren die Bestmarke verbessert, stets liefen Kenianer an der Spitze der Bewegung: Von 2005 bis 2007 gewann Kigen. Ein Jahr später triumphierte Cheruiyot - bei seinem ersten Marathon überhaupt. Gilbert Kirwa, der in diesem Jahr verletzungsbedingt fehlt, stürmte 2009 als Erster ins Ziel. Und 2010 gewann Kipsang in der Spitzenzeit von 2:04:57 Stunden.

          Für die Jubiläumsausgabe 2011, es ist der 30. Marathon in Frankfurt, wurde die Laufstrecke optimiert, damit noch schnellere Zeiten möglich sind. Erstmals winkt sogar eine Prämie für den Weltrekord. Den hält seit diesem Jahr Patrick Makau Musyoki, der beim Berlin-Marathon 2:03:38 lief. Auch Makau ist Kenianer, allerdings gehört er zum Volk der Kamba. Und das ist außergewöhnlich. Üblicherweise sind es Kalendjin, die am schnellsten laufen.

          Ethnische Gruppe aus dem Nordwesten Kenias

          Die Kalendjin sind eine ethnische Gruppe aus dem Nordwesten Kenias. Etwa drei Millionen Menschen gehören zu den Kalendjin-Stämmen, sie machen nur zwölf Prozent der Einwohner Kenias aus, stellen aber drei Viertel der Spitzenläufer. Viele kommen aus dem Gebiet um Eldoret, dem Eldorado der Läuferszene. Die klimatischen Möglichkeiten zum Laufen sind dort optimal, stets gemäßigtes Klima um die 20 Grad, moderate Höhe von etwa 2000 Metern.

          Vorjahressieger in Frankfurt: Wilson Kipsang

          Ihre sportlichen Erfolge sind frappierend. Bei der diesjährigen Leichtathletik-WM gewannen Kenianer auf den sechs Strecken von 800 Metern bis Marathon vier Gold- und drei Silbermedaillen. Ähnlich stark waren Kenias Frauen, die mit einem Dreifacherfolg im Marathon und einem Vierfacherfolg über 10.000 Meter den Rest der Laufwelt desillusionierten und bei der WM insgesamt zehn Medaillen über die langen Distanzen abräumten.

          Soziale Motivation statt besserer Gene

          Die Siegeszüge haben „längst eine Invasion der Weißen auf der Suche nach des Rätsels Lösung ausgelöst“, wie Herbert Steffny spottet. Der frühere deutsche Spitzenläufer und prominente Lauftrainer, selbst in den 80er und 90er Jahren drei Mal Marathonsieger in Frankfurt, reist seit 1988 regelmäßig nach Eldoret und gibt an, „dem Phänomen auf der Spur zu sein“.

          Faktor Nummer eins ist nach Steffnys Erkenntnis kein genetischer Vorteil, wie oft angenommen wird, sondern soziale Motivation: „Kenia ist ein armes Land. Wenn man nichts hat, geht man laufen, um den Aufstieg zu schaffen.“ Zumal es erfolgreiche Vorbilder gibt: Eines der Idole, das es mit der Lauferei zu Reichtum gebracht hatte, ist Ibrahim Hussein, der 1987 als erster Afrikaner den New-York-Marathon gewann. Nachdem Hussein plötzlich mit einem Mercedes in seinem Tal bei Eldoret auftauchte und seine Lehmhütte in ein Steinhaus verwandelt hatte, hielten viele Väter ihre Söhne zum intensiven Lauftraining an.

          Kenia hat halb so viele Einwohner wie Deutschland, aber doppelt so viele Kinder. Und Kenianer sind von Kindesbeinen gewohnt, alle Weg zu Fuß zurückzulegen.

          „Nicht alle können gut laufen, aber alle laufen“

          Dabei widerspricht Steffny der herkömmlichen Annahme, alle Kenianer wären begnadete Talente: „Nicht alle können gut laufen, aber alle laufen.“ Meistens in Gruppen und in Laufschulen, so dass sie sich gegenseitig unterstützen und antreiben. Wöchentlich stehen Wettrennen an, selten werden Talente nicht entdeckt. Und selbst die Trainer kommen aus den eigenen Reihen.

          Mitfavorit: Robert Kiprono Cheruiyot

          Entgegen weitverbreiteter Annahmen scheint die Höhenluft nicht der Hauptfaktor für die Erfolge zu sein. Eine Untersuchung der Universität Bayreuth ergab 2009, dass kenianische Läufer sich in Punkto Blutvolumen und Hämoglobin nicht wesentlich von einer deutschen Vergleichsgruppe unterscheiden. Schneller laufen können sie trotzdem. Ein Zusammenspiel aus Ernährung, Körperbau und Lebensstil sei deshalb maßgeblich: Weitgehend fleischlose und fettreduzierte Ernährung, kein Alkohol und wenig Süßspeisen sorgen für geringes Körpergewicht und einem besseren Last-Kraft-Verhältnis. Dies kommt der Laufökonomie zugute. Sie quälen sich nicht - viele scheinen sogar zu schweben.

          Oder ist Doping die Erklärung?

          Eine weniger romantische Erklärung hat der Heidelberger Wissenschaftler Gerhard Treutlein gefunden. Seines Erachtens läuft die Leistungssteigerung vieler Läufer parallel zu der Entwicklung und Verbreitung des Dopingmittels Epo. Treutlein hat aufgezeigt, dass sowohl die Anzahl der Läufer, die unter 2:10 laufen können, als auch die Spitzenzeiten im Marathon Höhepunkte in den Jahren 1998/99 hatten.

          Beide Werte gingen zurück, als Epo-Nachweisverfahren eingeführt wurden. Seit 2008 ist die Zahl der Klassezeiten wieder enorm angestiegen, vor allem in Kenia. Treutlein führt dies darauf zurück, dass offenbar etwas Neues gefunden worden sei, was die Ausdauerleistungsfähigkeit steigere, aber noch nicht nachweisbar sei. Er wolle keinen Generalverdacht äußern, aber er könne aus Entwicklungen Erkenntnisse ableiten.

          Steffnys Erklärung ist einfacher, er hält es mit dem Kiss-Prinzip: „Keep it simple and stupid“." Während ein Europäer noch am Computer seinen Trainingsplan austüftelt, ist der Kenianer schon wieder zwei Runden gelaufen.

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