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Marathon : Die lumpigen 195 Meter

Geoffrey Mutai: 42 Tausend-Meter-Läufe unter drei Minuten nacheinander Bild: AFP

Die Traumzeiten aus Boston werden nicht anerkannt. Aber der Marathon-Weltrekord ist bald fällig. Wer den schaffen will, muss tausend Meter deutlich unter drei Minuten laufen. 42 Mal nacheinander. Und dann noch 195 Meter bis ins Ziel.

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          Marathon ist ein Klassiker, aber nicht aus den häufig vermuteten Gründen. Warum dieser verflixte Pheidippides nicht schon nach dreißig Kilometern zusammengebrochen sei, klagen, frei nach Olympiasieger Frank Shorter, immer wieder Langläufer. Wenn es ihn denn wirklich gab, den laufenden Boten, wäre er anno 490 vor Christus vermutlich nach 34 Kilometern in Athen gewesen. Die vermeintlich klassische Distanz entsprang nicht seinem Auftrag, vom Sieg über die Perser zu künden, sondern der Huldigung König Eduards VII. Die Organisatoren der Olympischen Spielen von London 1908 verlängerten den Marathonlauf auf 26 Meilen, damit der Monarch ihn in Windsor Castle beginnen sehen konnte. Sie hängten weitere 385 Yards an, um das Ziel im Stadion vor die königliche Loge zu legen. Seitdem misst der Marathon 42,195 Kilometer.

          Der Marathon von Boston war 1908 elf Jahre alt. Bei dessen Premiere am Patriot’s Day 1897 hatte die Distanz noch 24,5 Meilen betragen, nicht einmal vierzig Kilometer, und einige der fünfzehn Teilnehmer zeigten Würde und Gelassenheit, als sie stehen blieben, um eine Trauerprozession passieren zu lassen. Zwei Anläufe brauchte es, um die Streckenlänge in den zwanziger Jahren den neuen Regeln anzupassen. Zwar waren die Organisatoren beim ältesten Marathon der Welt später schon mal bereit, das Ziel vor das Verwaltungsgebäude eines Sponsors zu rücken. Doch neumodischen Kram wie Start und Ziel am gleichen Ort – man läuft ja schließlich irgendwohin – und Tempomacher lehnen sie bis heute ab. Daran ändert auch nichts, dass der Welt-Leichtathletikverband Rekorde nur auf Strecken anerkennt, die in toto höchstens 42 Meter abfallen und auch mal die Richtung wechseln.

          Nur auf den ersten Blick Rekorde

          So konnten am Montag Geoffrey Mutai und Moses Mosop mit dem Wind stets im Rücken den Weltrekord von Haile Gebrselassie zwar um 57 und 53 Sekunden unterbieten. Doch ihre Zeiten von 2:03:02 und 2:03:06 Stunden sahen, obwohl sie die besten sind, die bisher auf der Marathonstrecke erzielt wurden, nur auf den ersten Blick wie Rekorde aus. Nach den Regeln, die allen Beteiligten beim Start bekannt waren, sind sie nichts als Bestzeit und Streckenrekord. Rund zwei Minuten, vermutet Marathonlegende Alberto Salazar, könnten Rückenwind und der Höhenunterschied von 140 Metern zu den schnellen Zeiten beigetragen haben.

          Doch selbstverständlich bedeuten sie mehr. Über den Triumph der beiden Kenianer bei diesem Klassiker der Stadtläufe hinaus stehen sie für eine kaum fassbare Leistungsentwicklung an der Weltspitze. Immanuel Mutai, der Namensvetter des Siegers von Boston, lief bei seinem Sieg in London (2:04:40) das Teilstück von Kilometer dreißig bis Kilometer vierzig in 28:44 Minuten. So schnell war – so rechnen Experten – auf den vierten zehn Kilometern noch nie jemand. Mutai I. blieb, trotz 30 Kilometer Vorlaufs und nur zum Vergleich, vier Sekunden unter der besten Zeit eines deutschen Läufers im vergangenen Jahr. Es sieht so aus, als wäre schon im Herbst, wenn die Marathonsaison ihren nächsten Höhepunkt erreicht, der Weltrekord fällig. Wer den schaffen will, muss tausend Meter in deutlich weniger als drei Minuten laufen. 42 Mal nacheinander. Dann sind es nur noch 195 Meter ins Ziel.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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