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Ultramarathon : Der Kopf läuft weiter

  • -Aktualisiert am

Mumie in der Wüste: Christine Sell umhüllt sich mit eisgekühlten Tüchern Bild: Nina Rehfeld

217 Kilometer Laufen bei 48 Grad im Schatten. Beim Ultramarathon im Death Valley zählt für die Härtesten der Harten alleine das Ankommen. Christine Sell stellte sich dieser beispiellosen Tortur.

          10 Min.

          „Viel zu schnell“, murmelt Christine Sell, als sie in der frühen Morgensonne des Death Valley den ersten Läufer erspäht. Sie ist noch auf dem Weg zum Start im sechs Meilen entfernten Badwater, einem gottverlassenen Flecken am Rand eines riesigen Salzsees. Doch Geschwindigkeit spielt hier eine Nebenrolle. Es gilt, überhaupt anzukommen. Badwater, 85 Meter unter dem Meeresspiegel gelegen, ist Ausgangspunkt für den härtesten Ultramarathon der Welt, ein 217-Kilometer-Lauf durch das Tal des Todes im Osten Kaliforniens, in dem es so heiß wird wie nirgends sonst auf diesem Planeten.

          57 Grad im Schatten hat man hier schon gemessen. Die Sonne brennt, als hätte sich ihr die Erde hier um ein paar Millionen Kilometer angenähert. Der heiße Wind nimmt einem die Luft. Die flimmernde Hitze bringt den Kopf zum Schwimmen, schon nach ein paar Schritten geht der Atem, und der Puls rast. Jeder normale Mensch verbringt hier höchstens ein paar Minuten außerhalb des klimatisierten Autos. Doch ein Häuflein Wahnsinniger hat diesen Fleck als Extremsport-Spielplatz entdeckt.

          Ein Spaziergang für Verrückte?

          Der Badwater-Ultramarathon führt durch drei Täler, über drei Bergketten und endet auf 2500 Metern unter dem Gipfel des Mount Whitney. In 60 Stunden müssen die Läufer die mörderische Strecke hinter sich bringen. Vierzehn Frauen und 67 Männer traten in der vergangenen Woche an, ihre Körper von Montag früh bis Mittwoch abend durch eine beispiellose Tortur zu peitschen.

          Ein Spaziergang für Verrückte?
          Ein Spaziergang für Verrückte? : Bild: Nina Rehfeld

          Montag, 8 Uhr. Als Christine Sell in der zweiten von drei Gruppen startet, liegt die Startlinie noch im Schatten einer Hügelkette. Es geht ein schwacher Wind. Mit Werten um 48 Grad im Schatten verspricht es in diesem Jahr ein kühles Rennen zu werden. Überhaupt: 217 Kilometer in 60 Stunden, das ist ein Schnitt von 3,6 Kilometern in der Stunde. Wer zügig geht, bewegt sich mit fünf Kilometern in der Stunde vorwärts. Ist das härteste Fußrennen der Welt am Ende ein Spaziergang für Verrückte?

          Ein Steak mit Pommes vorm Rennen

          10.45 Uhr. Bei Meile 15 weichen Steifheit und Widerwillen, geschmeidig und rhythmisch bewegt sich Christine Sell vorwärts, der ganze Körper eine fließende Bewegung. In dreieinhalb Stunden läuft sie locker 17 Meilen, gut 27 Kilometer. Beschwerlich sieht das noch nicht aus. Christine Sell ist Physiotherapeutin und Leiterin einer Laufschule aus Ginsheim in der Nähe von Mainz. Sie hat vor dreizehn Jahren mit dem Laufen begonnen, nach der Trennung von ihrem Mann und mit siebzehn Kilogramm mehr auf dem Leib. Im Jahr 2000 lief sie ihren ersten Marathon, und dann reichte das irgendwann nicht mehr. Inzwischen hat sie zahlreiche Extremläufe hinter sich, darunter den 100-Kilometer-Nachtlauf von Biel oder den berüchtigten „Marathon des Sables“, der fast 250 Kilometer querfeldein durch die marokkanische Wüste führt. „Extremvergnügen“ nennt sie das, und tatsächlich erfüllt sie wenige Sportler-Klischees.

          Statt des fein abgestimmten Fitness-Mahls hat sie am Abend vorm Rennen ein Steak mit Pommes gegessen, ein Bier getrunken, eine Zigarette geraucht. Auch angesichts von 60 Stunden Schlaflosigkeit geht sie nicht extrapünktlich ins Bett. „Wieso denn, wenn ich nicht müde bin?“ Christine Sell ist keine verbissene Superathletin, sondern eine fröhliche, unkomplizierte Seele mit einem verrückten Traum. „Spaß muß es schon machen“, sagt sie. Nun zählt sie zu den seltsam Glücklichen, die hier am Start sind. Chris Kostmann, seit sechs Jahren Rennleiter, weist Jahr für Jahr zahllose Interessierte ab, weil ihm neben der läuferischen Qualifizierung an einem möglichst bunten Feld gelegen ist. Neben Christine Sell laufen hier zwei Blinde und ein Vietnam-Veteran mit einer Beinprothese. Der älteste Teilnehmer ist siebzig Jahre alt. Dies sind Grenzgänger, keine Wettkampf-Sportler.

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