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„Marathon des Sables“ : 250 Kilometer durch die Sahara

„Als Nomaden sind wir immer in Bewegung“, sagt Mohamad Ahansal. Bild: 360 public relations

Der siebentägige „Marathon des Sables“ gilt als einer der härtesten Läufe der Welt. Seriensieger Mohamad Ahansal kämpft ab Karsamstag zum letzten Mal um den Sieg bei der 250-Kilometer-Tortur. Doch die Kälte lockt ihn.

          6 Min.

          Mohamad Ahansal ist ein Kind der Wüste. Er kennt sogar die Stelle, seine Mutter hat sie ihm gezeigt. Im Schatten eines Berges gebar sie ihn dort, ganz allein. Sie zerschnitt die Nabelschnur mit einem Stein, so wie sie es bei der Geburt ihrer anderen vier Kinder auch getan hatte, jedes an einer anderen Stelle der Sahara. Dann kehrte sie mit der Ziegenherde zurück zu den anderen Nomadenfamilien, so, wie sie am Morgen losgezogen war. Nur dass sie nun ein Kind auf dem Arm trug.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Es ist die Art, wie seit Jahrtausenden das Leben eines Nomaden beginnt. Sieben Jahre später aber wurde Ahansal sesshaft, weil die Mutter nach dem frühen Tod des Vaters zum Großvater in die Oasenstadt Zagora zog. Dort wurde, als er in die Schule kam, sein Alter geschätzt. Als sein Geburtsjahr gilt seitdem 1973. Ein Datum dazu gibt es erst, seit ein Gesetz in Marokko als Geburtstag aller Wüstenkinder, die ohne Arzt und Urkunde auf die Welt kamen, den 1. Januar festlegte. Dabei ist Ahansal in Wirklichkeit im Sommer geboren, in der größten Hitze, wie die Mutter ihm erzählte: „Als die Datteln reif waren.“ Er wartet jedes Jahr darauf.

          Das Gespür für die Wüste blieb. Aber in die Stadt zu kommen erschloss ihm die Welt, wie er sagt. Er wäre sonst nie auf eine Schule gekommen. Und nie dazu, ein Rennen zu laufen. „Es öffnete die Tür.“ Er lernte Sprachen, reiste in viele Länder, wurde einer der größten Läufer der Welt. Am Karsamstag wird er zum 19. Mal beim „Marathon des Sables“ starten, dem „Sandmarathon“, den der amerikanische Sender „Discovery Channel“ den „härtesten Lauf der Welt“ nannte. Sieben Tage durch die Sahara, fünf Etappen von zwanzig bis vierzig Kilometern, dazu eine von über achtzig, die über zwei Tage und eine Nacht geht. Zusammen sind es fast 250 Kilometer.

          Warum tut man das? Das fragte sich auch Ahansal, als er zum ersten Mal diese vermummten, beladenen Gestalten durch diase Wüste ziehen sah. Da war er noch ein junger Kerl ohne Schuhe und der Wüsten-Marathon noch eine winzige Bühne für zwei, drei Dutzend sportliche Extremisten. „Warum laufen die durch die Wüste?“, fragten sich er und sein älterer Bruder Lahcen. „Und warum laufen sie so langsam?“

          Empfang beim König

          1996 liefen die beiden erstmals gemeinsam mit, wurden Vierter und Fünfter - das letzte Mal für fünfzehn Jahre, dass andere eine Chance hatten. Seit 1997, als Lahcen mit fast fünfzig Kilometern Vorsprung gewann, hieß der Sieger des „Marathon des Sables“ stets Ahansal. Zehnmal gewann Lahcen, zehnmal war Mohamad Zweiter. Viermal gewann Mohamad, ehe ihm nach dem Rücktritt des Bruders 2013 der fünfte Sieg gelang. Ihre Dominanz wundert ihn nicht: „Als Nomaden sind wir immer in Bewegung, das ist ganz natürlich. Wir sind immer den Ziegen oder Schafen nachgelaufen, von denen wir lebten. Zur Schule rannten wir jeden Tag sechs Kilometer hin und sechs Kilometer zurück.“

          Kind der Wüste: Mohamad Ahansal
          Kind der Wüste: Mohamad Ahansal : Bild: 360 public relations

          Er erzählt all das in schönem Deutsch, bei einem Besuch im März in München. Als Trekking-Führer begleitete er 1998 zwei Bremer durchs Atlas-Gebirge, sie luden ihn nach Deutschland ein, besorgten einen Startplatz beim Frankfurt-Marathon. „Das erste Mal, dass ich auf Asphalt gelaufen bin“, sagt er. „Und zum ersten Mal in der Kälte.“ Die Kälte mochte er, den Asphalt nicht. „Mir geht es nicht nur ums Gewinnen, auch darum, ein Land, eine Landschaft kennenzulernen“, sagt er. „Viele denken, man kann das beim Laufen nicht erleben. Ich kann das, aber nicht auf der Straße, nur in der Natur.“

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