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Marathon : Das Geld liegt auf der Straße

Wettlauf: Kenianer und Äthiopier streiten um die Siegprämien im Marathon Bild: REUTERS

Es ist die Gier nach Rekorden: Der Marathon wird immer mehr zum Millionengeschäft - und für die Läufer aus Kenia zur Lebenschance. Aber sorgt wirklich nur die Höhenluft für die Ausdauerkraft der Athleten?

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          Vor Sonnenaufgang sprang der junge Geher Ronald Weigel beim Höhentraining in Addis Abeba aus dem Bett, um so viel wie möglich trainieren zu können. Jedoch: „Als ich um fünf Uhr morgens mit dem Training begann, kamen die Ersten schon zurück von ihren Bergläufen“, erinnert er sich. Und wenn die äthiopischen Läufer sich um Olympiasieger Miruts Yifter scharten, konnte der Mann aus Potsdam nur staunen über Tempo und Härte: „Das war Ballermann und Söhne.“ Das gilt für Äthiopien, das gilt aber auch für Kenia.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          So haben Weigel, der heute Marathon-Bundestrainer ist, die Ergebnisse zum Auftakt der Straßenlauf-Saison nicht überrascht: die 2:04:40 Stunden des Kenianers Immanuel Mutai in London und die phantastische Zeit von 2:03:02 Stunden seines Landsmanns Geoffrey Mutai in Boston - 57 Sekunden unter dem alten Weltrekord, wegen des abschüssigen Streckenprofils aber nicht als neue Bestzeit anerkannt.

          In Düsseldorf, Hannover und Hamburg, den nächsten großen Terminen in Deutschland, sind zwar solche Resultate nicht zu erwarten. Doch das liegt nur am Geld. „Wenn man eine Million Preisgeld aussetzen und die Besten zusammenholen würde, fiele der Weltrekord“, vermutet Weigel. „Die Szene gewinnt an Qualität, immer mehr junge Läuferinnen und Läufer kommen dazu. Ich habe das Gefühl: Die wollen ja alle nur noch Marathon laufen.“

          „Leichtathletik wird eine immer bedeutendere Einkommensquelle“

          Das Geld liegt auf der Straße. London zahlte seinem Sieger 155.000 Dollar, in Boston gab es 215.000; zusätzlich zum Antrittsgeld, versteht sich, das für namhafte Läufer im sechsstelligen Bereich liegt. Die Veranstalter bieten um die Wette, denn auch sie stehen in Konkurrenz: Allein in Deutschland finden pro Jahr mehr als siebzig Marathonläufe statt, weltweit sind es über zweihundert. Nur mit den stärksten Läufern kommt man in die Schlagzeilen.

          Der schnellste (2:03:59) und teuerste von allen ist Haile Gebrselassie. Der nur 1,64 Meter große Äthiopier, der in bitterer Armut aufwuchs, hat sich ein veritables Wirtschaftsimperium mit Hotels, Schulen, Kinos, Bauunternehmung sowie Import und Export erlaufen. Jeder weiß, dass er nur noch einen einzigen Marathon laufen wird, bevor er versucht, in London 2012 auch im Marathon Olympiasieger zu werden. Mindestens eine halbe Million Dollar wird zahlen müssen, wer ihn verpflichten will.

          Reichlich acht Millionen Euro Preisgeld sollen Marathonläufer aus Kenia laut Kipchoge Keino, Olympiasieger von Mexiko 1968 und heute Präsident des Nationalen Olympischen Komitees des Landes, im vergangenen Jahr nach Hause gebracht haben. Sie gewannen 126 Marathons. Keino betrachtet das Laufen als Branche. „Leichtathletik wird wie der Tourismus und der Anbau von Tee eine immer bedeutendere Einkommensquelle“, sagt er und fordert, um das Potential auszuschöpfen, den Bau von Sportanlagen.

          „Ich habe mein erstes Geld mit dem Laufen verdient“

          Der wirtschaftliche Erfolg der Athleten ist in Eldoret im Rift Valley schon jetzt mit Händen zu greifen. Die Hälfte der viertgrößten Stadt Kenias gehöre Läuferinnen und Läufern, schätzt die Zeitung „Nation“. Ob Villen im teuren Wohnviertel Elgon View oder Bürogebäude in der Innenstadt: alles mit Fersengeld bezahlt. Moses Tanui, zweimal Sieger beim Boston-Marathon, hat sein Hotel „Grandpri“ genannt, denn: „Es erinnert mich daran, dass ich mein erstes Geld mit dem Laufen verdient habe.“ Neun Schulen, darunter die Kipkeino Highschool, haben Athleten in Eldoret gebaut. Trainingsgruppen kommen aus der ganzen Welt zum Höhentraining. „Eldoret und seine Umgebung erleben einen Immobilien-Boom“, freut sich „Nation“. „Und es sind Kenias Sportler und Sportlerinnen, die das Tempo vorgeben.“

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