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Mansour Bahrami : Der lustigste Sportler der Welt

Sowas macht nur einer: Mansour Bahrami Bild: imago

Mansour Bahrami ist Tennisspieler. Aber nicht irgendeiner, denn so lustig wie der 50jährige ist keiner. Zu großen Erfolgen reichte es zwar nie, doch heute ist der Iraner mit seinen Slapstick-Einlagen der beliebteste Spieler bei Schaukämpfen.

          Wo Mansour Bahrami ist, da ist immer ein bißchen Weihnachten. Kinder lachen ihr hemmungsloses Kinderlachen. Die Augen der Erwachsenen füllen sich mit einem Glanz, der von Lachtränen kommt, aber auch vom Gefühl des Beschenktseins. Dabei spielt Mansour Bahrami nur Tennis. Nur wie er das macht, macht es sonst keiner. Mansour Bahrami ist der lustigste Sportler der Welt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          London im Advent. Unter den plüschigen Logen der Royal Albert Hall sind die besten Tennis-Senioren zusammengekommen. Das kundige Publikum schätzt ihr Ballgefühl und Spielverständnis. Es sind Relikte aus einer Tennisära, als Phantasie noch etwas gegen Power ausrichten konnte. Doch wenn Finale ist, dann wird es auch auf der Senior Tour ernst, dann spielt man für den Sieg, nicht für den Spaß, und der 35 Jahre alte Goran Ivanisevic jagt seine Aufschläge ins Feld wie eh und je. Höflicher Beifall. Dann kommt Bahrami. Und das Volk tobt.

          Mit sportlicher Komik in einer eigenen Liga

          Bahrami spielt mit drei namhaften Kollegen ein scheinbar normales Doppel. Der Schein trügt nur Sekunden. Bis Bahrami zum Beispiel die ersten Volleys im Liegen spielt. Oder sich beim Abwehren von Schmetterschlägen den Stuhl des Linienrichters nimmt und die nächsten Schläge im Sitzen ausführt, ein Bein übergeschlagen - alles bei laufendem Ballwechsel. Beim Aufschlag parodiert er gern die Bewegung von Boris Becker - und jagt dann ein As mit Tempo 190 übers Netz.

          Komiker auf dem Tennisplatz: Bahrami versteckt sich hinter dem Netz

          Beim Return gibt er manchmal den säbelbeinigen Revolverhelden. Doch hat er auch steife Kellner, tänzelnde Boxer und Schiedsrichter-Slapsticks im Repertoire. Ganz unvermittelt schlägt er manchen Ball steil hoch bis unter die Decke - und fängt ihn mit der Hosentasche auf. Und wenn er dem Gegner „neue Bälle“ anzeigt, dann tut er das mit sechs Filzkugeln in einer Hand. In der raren Kunst sportlicher Komik spielt Mansour Bahrami in einer eigenen Liga.

          Für McEnroe erst „Arschloch“, dann „Genie“

          Er tat fast all das schon, als es noch um Punkte und Siegprämien ging. „Ich hätte viel mehr Matches gewinnen können“, sagt er. „Aber ich hatte mehr Spaß daran, Leute glücklich zu machen.“ Die Kollegen waren nicht so glücklich. John McEnroe schimpfte ihn beim ersten Duell „Arschloch“. Er konnte es nicht ausstehen, mit Schlägen durch die Beine passiert zu werden; oder von frechen Stopbällen gejagt zu werden, die der „Schnibbelperser“ gern so extrem andreht, daß sie gleich wieder übers Netz zurückspringen. Später nannte McEnroe Bahrami „ein Genie“. Björn Borg erkor ihn zur „Legende“. Und für Rod Laver, den einzigen, der zweimal den Grand Slam gewann, war Bahrami gar „der talentierteste Tennisspieler, den ich je gesehen habe“.

          Warum er trotzdem nie einen großen Titel gewann? Weil er im falschen Land zur falschen Zeit Tennisspieler wurde: im Iran der siebziger Jahre. Der Sohn eines Schafhirten brachte sich als Balljunge das Spiel selber bei, schlug Bälle mit allem, was er fand, Kehrschaufeln, Bratpfannen, Besenstielen. Dann, als er heimlich auf die Tennisanlage schlich, um mit dem ersten, selbstgebauten Schläger auf einem richtigen Platz zu spielen, erwischte ihn ein Wachmann. „Er prügelte mich halbtot, dann zerstörte er meinen Schläger.“ Wenn er diese Episode schildert, auf einer Doppel-DVD, die über drei Stunden Höhepunkte seines Schaffens enthält (“The Man behind the Moustache“, 15 Pfund bei www.mansourbahrami.com oder Ebay), dann bricht er wieder in Tränen aus wie vor vierzig Jahren.

          „Plötzlich war Tennis ein imperialistischer Sport“

          Mit 16 war er Davis-Cup-Spieler, und er war ein Ereignis. Die Leute kamen, um zu sehen, was er Verrücktes machte. „Wir hatten dauernd Wetten laufen“, erinnert sich Bahrami beim Gespräch in London. „Einmal spielte ich einen ganzen Satz mit einem Schläger ohne Saiten. Dann mit einem verbundenen Auge. Dann mit zusammengebundenen Beinen.“ Noch heute sprudelt verrücktes Tennis nur so aus ihm heraus. „Mein Glück ist, daß ich in meinem Leben nie einen Trainer gehabt habe. Der hätte nur gesagt: Laß den Quatsch.“ Dann die Revolution.

          Der Schah war weg, die Ajatollahs kamen. „Plötzlich war Tennis ein imperialistischer Sport.“ Die Karriere schien zu Ende. Vier Jahre ohne Tennis, Bahrami hielt es nicht mehr aus. Er floh nach Nizza; verspielte sein bißchen Geld im Casino; schlief unter Brücken, ernährte sich von Kastanien, versteckte sich vor der Polizei. Er schlug sich mit Tennisstunden und lokalen Turnieren durch, heiratete eine Französin, sie bekamen zwei Söhne. Aber erst als er 30 war, bekam er einen Paß und konnte ins Ausland reisen, um Turniere zu spielen. Und erst mit 33, nach dreizehn verlorenen Jahren, war er auf der ATP Tour.

          „Becker zitterte, als er gegen mich spielte“

          Im Doppel kam er ins Finale der French Open. Im Einzel entnervte er viele Stars mit seinen Tricks, ließ sie beim Stop-Lob-Spielchen wie Anfänger über den Platz wetzen. „Becker zitterte, als er gegen mich spielte“, erinnert sich Bahrami. „Erst als er führte, wurde er locker“ - danach begeisterten sie gemeinsam die Fans am Rothenbaum. Heute spielen sie manchmal Doppel, dabei hat Bahrami Becker längst überholt. Denn nun ist er die Nummer eins. „Niemand wird für mehr Schaukämpfe engagiert als ich“, sagt Bahrami. Mit fünfzig Jahren ist er vierzig Kalenderwochen in aller Welt unterwegs, genau wie ein „richtiger“ Tennisprofi.

          Anders aber als der gestresste Profi von heute liebt dieser Spieler seine Arbeit und seine Zuschauer. „Ich kann schlechte Laune haben, kann sogar krank sein“, sagt er. „Wenn ich auf den Platz komme und die Leute sehe, bin ich der glücklichste Mensch.“ Er reist um die Welt, trägt einen Bart, und immer hat er viele schöne Überraschungen dabei: Mansour Bahrami, der Weihnachtsmann des Tennis.

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