https://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/mailand-sanremo-jasper-stuyven-gewinnt-radsport-klassiker-17255592.html

Mailand–Sanremo : Eine verwegene Aktion – aber warum nicht?

  • -Aktualisiert am

Runde Sache: Überraschungssieger Jasper Stuyven Bild: AP

Mailand–Sanremo zu gewinnen, das ist einer jener Träume, die jeder Radprofi hat. Für Jasper Stuyven wird er wahr, weil der Belgier seine Chance sieht und sie beim Frühjahrsklassiker auch nutzt.

          3 Min.

          Im Spitzenradsport drehen sich die Räder manchmal anders als gedacht. Wer gewinnt, ist nicht nur eine Frage der Beine, sondern auch des Timings. Wann ist die Sekunde gekommen, die die Chance auf den Sieg eröffnet? Für den belgischen Profi Jasper Stuyven kam sie beim Frühjahrsklassiker Mailand–Sanremo nach sechseinhalb Stunden Fahrzeit rund zweieinhalb Kilometer vor dem Ziel.

          Wissen war nie wertvoller

          Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Der letzte Anstieg, der Poggio, war überwunden, die rasende Abfahrt hinunter ans Meer ebenso, die Spitzengruppe war in die Länge gezogen, Stuyven fuhr vorn, da ahnte er seine Chance und trat an. Eine verwegene Aktion, aber warum nicht? Der Belgier riss ein Loch von fünfzig, siebzig, hundert Metern zwischen sich und der zaudernden Konkurrenz.

          Der Däne Sören Kragh Andersen (Team DSM) schaffte es noch einmal an sein Hinterrad, und als es auf die Zielgerade auf der Via Roma in Sanremo ging, flog die Gruppe der Favoriten von hinten heran. Kragh war gegen ihr Tempo machtlos, doch Stuyven wehrte sich mit dem letzten Rest von Kraft, der ihm nach 300 Kilometern geblieben war, und rettete den Sieg über die Ziellinie. Es war der größte Erfolg in der bisherigen Karriere des 28-Jährigen vom Team Trek-Segafredo. „Ich kann nicht beschreiben, wie ich mich fühle“, sagte er im Ziel. Mailand–Sanremo zu gewinnen, das ist einer jener Träume, die jeder Radprofi träumt. In diesem Jahr fand das Rennen zum 112. Mal statt.

          „Für mich ein bittersüßes Rennen“

          Zweiter wurde der australische Sprinter Caleb Ewan (Lotto Soudal) vor dem Belgier Wout Van Aert (Jumbo-Visma) und dem Slowaken Peter Sagan vom deutschen Team Bora-hansgrohe. Der favorisierte niederländische Meister Mathieu van der Poel (Alpecin-Fenix) musste sich mit Platz fünf begnügen. Bester deutscher Fahrer war Maximilian Schachmann (Bora-hansgrohe), der als Vierzehnter Weltmeister Julian Alaphilippe (Deceuninck-Quick-Step) zwei Plätze hinter sich ließ. Sein Teamkollege, der Sprinter Pascal Ackermann, kam mit sechs Sekunden Rückstand auf Rang 20 und rundete das starke Ergebnis des deutschen Rennstalls ab.

          Sagan, der nach überstandener Corona-Infektion noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte ist, sah sein überraschend gutes Abschneiden nicht nur positiv. „Es war für mich ein bittersüßes Rennen“, sagte der dreimalige Weltmeister. „Ich freue mich, dass meine Form langsam zurückkommt, ich bin aber auch enttäuscht, weil ich in Sanremo wieder einmal eine Chance auf den Sieg verpasst habe.“

          Die Strecke von Mailand nach Sanremo ist 300 Kilometer lang. Eigentlich. Aber irgendwie ist sie auch nur 26 Kilometer lang. Der Rest ist Anlauf. Anfahrt zur Entscheidung, die an der Cipressa eingeleitet wird, einem Anstieg von 5,6 Kilometern Länge. Bis dahin haben die Fahrer 274 Kilometer abgespult, so lang ist bei diesem ersten Klassiker der Saison die Zündschnur. Vor der Cipressa dann explodiert das Rennen. Van Aert ließ seine Teamkollegen im Anstieg das Tempo machen, da lief noch alles nach Plan, auch in der folgenden Abfahrt. Die Spitzengruppe teilte sich zwar, die Abgehängten fanden aber wieder Anschluss, bevor es den Poggio hinaufging.

          Dort wird gewöhnlich angegriffen, doch erst kurz vor dem Gipfel versuchten es Van Aert und Alaphilippe – zu spät, um für klare Verhältnisse zu sorgen. Was die tempofesten Favoriten verwirrte, war ein kleiner Mann aus Australien: Caleb Ewan, einer der weltbesten Sprinter, hielt sich ohne sichtbare Probleme in vorderster Linie, fuhr die Anstiege locker hinauf und es war klar, würde es zu einem Massensprint kommen, hätte keiner der bergfesten Kraftprotze eine Chance gegen ihn. Was nun? Ewan war über den Poggio gekommen. Alles sprach jetzt für ihn – bis Stuyven sein Herz in die Hände nahm.

          Den anderen blieben nur Trostpreise. Auch Cross-Weltmeister van der Poel, einer der prägenden Profis der bisherigen Saison, blieb jenseits der Erwartungen. Und das nicht erst, als er den Augenblick verpasste, als Stuyven den entscheidenden Punch setzte. Schon zuvor hatte der Niederländer nicht jene ungeheure Energie auf die Straße gebracht, die er im Frühjahr etwa bei seinem Sieg im schweren italienischen Eintagesrennen Strade Bianche gezeigt hatte. Mit sagenhaften 1300 Watt Leistung war er dort im Finale der Konkurrenz davongeflogen. Und jetzt? War er mittendrin im Feld der Führungsgruppe, aber es gelang ihm nicht, entscheidende Akzente zu setzen. „Ich war noch am Poggio da, wo ich sein sollte“, sagte er. Im Ziel war er es nicht mehr. Zu defensiv, zu zaudernd.

          Sein belgischer Dauerkonkurrent und Vorjahressieger Van Aert machte den stärkeren Eindruck, doch dann traf auch er die falschen Entscheidungen und musste am Ende einräumen, selbst schuld daran gewesen zu sein, dass diesmal die Räder anders liefen, als sich die Favoriten das vorgestellt hatten. Sie hatten sich von Ewan verwirren lassen, sie hatten sich zu lange gegenseitig belauert. „Ich habe heute falsch gepokert“, sagte Van Aert. Das Timing der Favoriten stimmte nicht. Und so konnte diesmal ein anderer das Feuerwerk zünden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          André Ventura: gegen Subventionen, gegen „Zigeuner“, gegen Abtreibung, gegen Einwanderung und gegen Feministen

          Portugal vor der Wahl : Nicht mehr immun gegen den Rechtspopulismus

          Der Portugiese André Ventura setzt auf radikale Thesen und Konfrontation. Mit seiner Chega-Partei könnte er nun von einer vorgezogenen Neuwahl profitieren – und in Portugal eine populistische Rechte etablieren.