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Handball-Bundesliga : Machulla und der geräuschlose Umbruch

  • -Aktualisiert am

Flensburgs Trainer Maik Machulla Bild: dpa

Den Verlust von sechs wichtigen Spielern musste Trainer Maik Muchalla kompensieren. Nun könnte er die Flensburger trotzdem wieder zum Meister machen. Schon jetzt hat er Außerordentliches geschafft.

          Manchmal erschrickt Maik Machulla, wenn er alte Bilder von sich sieht. Wobei „alt“ nicht jene Periode meint, als er Anfang des Jahrtausends noch Profi beim SC Magdeburg war. Er vergleicht sich eher mit seiner Zeit als Assistenztrainer bei der SG Flensburg-Handewitt. Zwischen 2012 und 2017 war er der Mann hinter Cheftrainer Ljubomir Vranjes war. Weniger Stress, weniger Verantwortung, das bedeutet im Vergleich mit heute auch: mehr Haare, weniger Falten, kaum Grau im Bart. „Ich habe mich ganz schön verändert“, sagt Machulla.

          Es sei nach wie vor „ein absolutes Privileg“, eine Mannschaft wie die SG Flensburg anzuleiten. Aber es ist eben auch ziemlich anstrengend: „Ich habe einen hohen Anspruch an mich. Gerade anfangs wollte ich alles perfekt, es allen recht machen. Ich habe gearbeitet wie ein Verrückter. Das habe ich schon mit ins Bett genommen und gleich morgens wieder dran gedacht.“ So etwas hält keiner lange aus.

          Erfahrung vom letzten Titelgewinn hilft

          Die Meisterschaft 2018 hat Machulla gelassener gemacht – er muss keinem mehr etwas beweisen. Zudem hat er Aufgaben abgegeben, das Scouting, oder, das ist ihm ganz wichtig, das Athletiktraining. Machulla hat gleich nach dem Triumph vor einem Jahr Forderungen an die Vereinsführung gestellt. Er wollte Entlastung, was auch seine Frau und die beiden Kinder zuhause in Handewitt verlangten. Sie sind weitgehend erfüllt worden, gerade wurde Machullas Vertrag bis 2023 verlängert.

          War die Meisterschaft vor einem Jahr der späten Schwächephase der Rhein-Neckar Löwen zu verdanken, hat Machullas Team in dieser nun endenden Spielzeit Außerordentliches geschafft. Nur zwei unglückliche Niederlagen in Magdeburg und Kiel gab es. Alle anderen Partien gewann die neuformierte SG, die den Verlust von sechs starken Spielern verkraften musste. An diesem Sonntag (15.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-Bundesliga und bei Sky) in Düsseldorf beim Bergischen HC reicht ein Punkt, um den Titel zu verteidigen. Und wenn der THW Kiel auch auf einen finalen Ausrutscher hofft, gibt man sich in Flensburg kühl: „Den meisten Spielern hilft die Erfahrung aus dem letzten Jahr, vier unserer Spieler sind Weltmeister geworden“, sagt Machulla. „Diese Erfolgsmentalität überträgt sich auch auf die anderen.“ Dass die Flensburger den schöneren Handball spielen als die Kieler unter Trainer Alfred Gislason, hat dazu geführt, dass viele neutrale Fans der SG die Daumen drücken.

          Der Legendenstatus naht

          Einer ist unter Machulla zum Handballstar geworden: Der Däne Rasmus Lauge. Im Angriff trägt Lauge die Spielkonzepte Machullas mit den nötigen Freiheiten vor. In der Abwehr hat Machulla ihn zur Spitze in seinem 5:1-Defensivsystem gemacht. Eine zweite Abwehrformation in stundenlangen Übungseinheiten einzustudieren ist Machullas Verdienst. Darüber hinaus setzt er auf umfassende Fitness. „Ein Linksaußen braucht anderes Krafttraining als ein Kreisläufer. Bei uns wird die ganze Saison über individuell Krafttraining gemacht“, sagt er.

          Dass das nicht immer alle begeistert, ist klar. Handball ist unter Machulla in Flensburg zu einem 24/7-Job geworden. Er sagt: „Damit die Spieler zum Saisonende in einem Top-Zustand sind, müssen sie sich am Freitag nach einem Spiel nicht auf die Couch legen, sondern moderates Training machen.“ Auch Schlaf und Ernährung sind ihm wichtig. Zudem fliegt die SG-Entourage dank eines Sponsors oft Charter vom nahen Sonderburg in Dänemark aus. Details, die dazu geführt haben, dass die hochbelastete Mannschaft weitgehend verletzungsfrei durch die Saison gekommen ist.

          Wenn im Sommer 2020 neben Lauge und Kapitän Tobias Karlsson auch Holger Glandorf gegangen sein wird, werden nur noch Lasse Svan und Jim Gottfridsson übrig sein von den Spielern, die im gewonnenen Champions-League-Finale 2014 gegen Kiel zum Einsatz kamen. „Es ist eigentlich Wahnsinn, wie geräuschlos wird den Umbruch hinkriegen“, sagt Machulla und meint das nicht als Eigenlob. Er weiß, dass der Verlust Lauges und Karlssons sein Team extrem verändern wird – in der Abwehr soll Nationalspieler Johannes Golla zum Anführer aufgebaut werden, Lauge wird durch den erfahrenen Polen Michal Jurecki ersetzt. Ob das klappt? Versprechen kann Maik Machulla nichts. Aber sollte die SG an diesem Sonntag den Titel verteidigen, hätte er in Flensburg Legendenstatus erreicht – und eine weniger gute Saison 2019/20 verziehe ihm jeder.

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