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Magnus Carlsen : Das Schach-Wunderkind wird erwachsen

  • -Aktualisiert am

Schach-Model: Magnus Carlsen mit der Schauspielerin Liv Tyler Bild: REUTERS

Am Dienstag begann für Magnus Carlsen in Moskau die inoffizielle WM im Blitzschach. Zuvor stieß er allerdings mit seiner Absage für das große WM-Turnier auf Unverständnis und Unmut. Dabei bleibt der Norweger nur seinen Prinzipien treu.

          Garri Kasparow hatte mit 21 Jahren die Weltranglistenspitze erklommen. Magnus Carlsen hat es schon mit 19 geschafft. Kasparow wurde mit 22 Weltmeister, und Carlsen besaß alle Chancen, auch diesen Rekord zu brechen. Doch wenige Wochen vor seinem 20. Geburtstag hat der Norweger seine Teilnahme am Kandidatenturnier abgesagt. In der Schachszene hat er damit heftige Reaktionen ausgelöst. Die große Frage lautet: Warum tut er sich und dem Schach das an? Seine Absage für die im nächsten Frühjahr anstehenden Kandidatenkämpfe beherrscht in diesen Tagen auch die Gespräche beim Tal-Gedenkturnier in Moskau.

          Keiner seiner Kollegen kann die Motive des Norwegers nachvollziehen. „Es ist ein Jammer. Ich möchte ihn spielen sehen“, sagt Wladimir Kramnik. „Warum zieht er sich ohne offensichtlichen Grund zurück? Das ist der beste WM-Zyklus seit Jahren“, meint Boris Gelfand. Die Kommentare im Internet fallen heftiger aus. Angst, Unreife und finanzielle Motive werden Carlsen unterstellt. „Wir wollen das derzeit nicht kommentieren“, sagt Carlsens Vater und Manager Henrik. Nur so viel: „Hätte Geld eine Rolle gespielt, würde Magnus antreten.“

          Carlsen selbst spricht gegenüber der Website Chessbase von „einem schweren Prozess, aber jetzt, nachdem die Entscheidung getroffen ist, fühle ich mich erleichtert.“ Er verstehe, dass er Verwirrung ausgelöst habe, „aber ich muss die Entscheidung treffen, die für mich und meine Karriere am besten ist“. Eine solche Geradlinigkeit ist die Schachszene nicht gewohnt. Hier ist einer, der sich nicht duckt, bis er Weltmeister ist - und von diesem Zeitpunkt an die Privilegien genießt.

          Ein echtes Wunderkind: Mit 19 Jahren war er auf Augenhöhe mit Weltmeister Anand

          „Bevor er abtritt, hat er unser Spiel grundlegend verändert

          Carlsen ist anders. Die Lust auf Schach hatte bei ihm stets Vorrang. Sein Trainer Simen Agdestein ließ das Wunderkind von klein auf studieren, was es gerade am meisten interessierte. Als Garri Kasparow im vergangenen Jahr das Training übernahm, stellt er entsetzt fest, dass der Junge gar nicht wisse, wie man systematisch arbeite. Schach war für ihn keine Arbeit. Um so mehr Früchte trugen die gemeinsamen Trainingslager. Kasparow überließ dem Schüler seine Datenbank samt einer Vielzahl ungehobener Variantenschätze.

          Carlsens Talent hält Kasparow für unübertroffen und schwärmt: „Bevor er abtritt, wird er unser Spiel grundlegend verändert haben.“ Derzeit liegt ihre Zusammenarbeit allerdings auf Eis. Viele vermuten, Kasparow habe Carlsen zum Rückzug bewegt. Tatsächlich aber haben die Carlsens und Manager Espen Agdestein niemanden aus dem Spitzenschach zu Rate gezogen. An Kasparows Kampf gegen den sowjetischen Verband, den Kreml und den Weltschachbund (Fide) haben sie dabei jedoch gedacht. Es ist kein Weg, dem sie nacheifern wollen.

          Das Schachgenie Carlsen will sich den Spaß am Spiel erhalten, und der Norweger legt auch Wert auf Aktivitäten abseits des Brettes. Zuletzt sorgte er als Model für Aufsehen. Als Gesicht der niederländischen Modemarke G-Star war er auch in deutschen Innenstädten plakatiert. Die Kampagne hat das milchgesichtige Wunderkind in einen kantigen Mann verwandelt. Die Fotos, auf denen Carlsen wie ein junger Tom Waits wirkt, stammen aus einer Session in Miami mit Starfotograf Anton Corbijn und der Schauspielerin Liv Tyler.

          „Die Eröffnung war eine Beleidigung des Gegners“

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